Pflegeversicherung, Milliarden

Pflegeversicherung: 7,5 Milliarden Euro Defizit ab 2027 erwartet

03.06.2026 - 06:31:02 | boerse-global.de

CharitĂ©-Chef und Ärztevertreter warnen vor massivem Personalmangel. Politik setzt auf beschleunigte Anerkennung auslĂ€ndischer AbschlĂŒsse und neue Ausbildungsmodelle.

Pflegeversicherung: 7,5 Milliarden Euro Defizit ab 2027 erwartet - Bild: ĂŒber boerse-global.de
Pflegeversicherung: 7,5 Milliarden Euro Defizit ab 2027 erwartet - Bild: ĂŒber boerse-global.de

FĂŒhrende Vertreter aus Kliniken und VerbĂ€nden schlagen Alarm.

Doppelte Belastung durch Demografie und Renteneintrittswelle

Charité-Chef Heyo Kroemer warnt: Das Gesundheitssystem ist nicht auf die demografische Entwicklung vorbereitet. Die Branche steht vor einer doppelten Herausforderung. Die Zahl der Patienten steigt altersbedingt, gleichzeitig schrumpft das Angebot an ArbeitskrÀften massiv.

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Allein die Berliner Charité wird in den kommenden zehn Jahren voraussichtlich ein Drittel ihrer Belegschaft durch Renteneintritte verlieren. Kroemer fordert deshalb eine stÀrkere Ausrichtung auf PrÀvention. Ein entsprechendes Herz-Kreislauf-PrÀventionszentrum am Campus Benjamin Franklin wird derzeit durch eine Spende von 70 Millionen Euro finanziert.

Ähnliche Warnsignale kommen aus der Schweiz. FMH-PrĂ€sidentin Yvonne Gilli erklĂ€rte heute, das Land habe die medizinische Ausbildung ĂŒber Jahrzehnte vernachlĂ€ssigt. Aktuell stammen drei von vier neuen Ärzten in der Schweiz aus dem Ausland. Zudem steht der Ärzteschaft in den nĂ€chsten 20 Jahren eine massive Pensionierungswelle bevor.

Trends zu Teilzeitarbeit und frĂŒhzeitiger Berufsausstieg junger Mediziner verschĂ€rfen die Situation zusĂ€tzlich. Laut Gilli braucht es zwei junge Ärztinnen, um die Vollzeitstelle eines ausscheidenden Mediziners der Babyboomer-Generation zu ersetzen.

DĂŒstere Prognosen fĂŒr Krebsversorgung und Pflege

Die langfristigen Perspektiven bleiben kritisch. Eine Studie der Lancet Oncology Commission prognostiziert: Weltweit werden bis 2050 rund 100 Millionen FachkrĂ€fte in der Krebsversorgung fehlen. Besonders gravierend sind die LĂŒcken in der Pflege und Diagnostik.

Die Zahl der Krebsneuerkrankungen dĂŒrfte bis Mitte des Jahrhunderts deutlich steigen. Gleichzeitig bremsen Faktoren wie Burn-out und BudgetkĂŒrzungen den Ausbau der KapazitĂ€ten.

In Deutschland stĂŒtzen Ă€ltere Prognosen dieses Bild. Analysen von PwC aus dem Jahr 2016 sagten bereits fĂŒr 2030 erhebliche EngpĂ€sse voraus. Demnach könnten bis zu 39 Prozent der Stellen fĂŒr Gesundheits- und Krankenpflegehelfer sowie 38 Prozent der Hausarztposten unbesetzt bleiben. Auch bei FachĂ€rzten und medizinisch-technischen Assistenten zeichnen sich zweistellige Defizite ab.

Politik setzt auf neue Ausbildungswege und schnellere Anerkennung

Die Bundesregierung sieht kaum Spielraum fĂŒr eine weitere Anhebung der PersonalschlĂŒssel in der stationĂ€ren Langzeitpflege. Ein Bericht vom gestrigen Montag stellt fest: Der Arbeitsmarkt gibt die erforderlichen KapazitĂ€ten an Assistenz- und FachkrĂ€ften schlicht nicht her.

Hoffnung setzt die Politik auf neue Ausbildungswege nach dem Pflegefachassistenzgesetz, die ab 2027 greifen sollen. Parallel dazu hat der Bundesrat Ende Mai einem Gesetz zugestimmt, das die Anerkennung auslÀndischer Berufsqualifikationen in Heilberufen beschleunigen soll.

Ab dem 1. November 2026 wird die KenntnisprĂŒfung zum Regelfall. Das soll Ärzten, ZahnĂ€rzten und Hebammen aus Drittstaaten den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern.

In der Praxis experimentieren Kliniken bereits mit neuen Modellen. Das Klinikum OsnabrĂŒck startete Anfang der Woche eine flexible Pflegeausbildung in Teilzeit. Sie erstreckt sich ĂŒber vier Jahre und soll durch Bausteine wie mobiles Arbeiten und spezielle Coaching-Angebote auch fĂŒr Ă€ltere Bewerber attraktiv sein.

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Wirtschaftlicher Druck und historisch schlechte Stimmung

Die personelle Not trifft auf eine angespannte finanzielle Lage. Das Krankenhaus-Konjunkturbarometer des Deutschen Krankenhausinstituts wies im FrĂŒhjahr 2026 einen historischen Tiefstand beim GeschĂ€ftsklima aus. Drei Viertel der befragten Kliniken bewerteten ihre Lage als unbefriedigend.

Besonders große HĂ€user mit ĂŒber 600 Betten stehen unter Druck. Die LiquiditĂ€t vieler Einrichtungen reicht im Median nur noch fĂŒr sechs Wochen.

Zudem belasten steigende Kosten die Pflegeversicherung. Experten erwarten fĂŒr 2027 ein Defizit von 7,5 Milliarden Euro, das bis 2028 auf ĂŒber 15 Milliarden Euro anwachsen könnte. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken spricht sich fĂŒr eine umfassende Pflegereform aus. Sie mĂŒsse ĂŒber das Schließen von Finanzlöchern hinausgehen und strukturelle VerĂ€nderungen sowie stĂ€rkere PrĂ€vention in den Fokus rĂŒcken.

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