Deutlich, Klagen

Deutlich mehr Klagen von FluggÀsten gegen Airlines

05.02.2024 - 05:25:42

Portale versprechen FluggĂ€sten eine schnelle und einfache Abwicklung ihrer EntschĂ€digungsansprĂŒche bei Airlines. FĂŒr die Justiz wird das zur Belastung. Kann KĂŒnstliche Intelligenz helfen?

Bei Gerichten an den Standorten der 20 grĂ¶ĂŸten deutschen FlughĂ€fen landen immer mehr Klagen gegen Airlines. Nach Angaben des Deutschen Richterbundes waren es im vergangenen Jahr mehr als 125.000 und damit so viele wie nie. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der FĂ€lle bundesweit rund 80 Prozent gestiegen. Die Kunden verlangen meist EntschĂ€digungen fĂŒr ausgefallene oder verspĂ€tete FlĂŒge.

Mit knapp 37.300 Verfahren gab es beim Amtsgericht Köln das höchste Aufkommen, wie eine Umfrage der «Deutschen Richterzeitung» ergab, auf die sich der Verband bezog. Das seien fast doppelt so viele wie im Vorjahr. In der Domstadt hat die Lufthansa ihren juristischen Sitz. Es folgen Frankfurt mit gut 15.000 FĂ€llen (2022: etwa 11.300) und das fĂŒr den Hauptstadtflughafen BER zustĂ€ndige Amtsgericht Königs Wusterhausen mit knapp 14.000 (2022: mehr als 7000).

Bei dem Gericht in Brandenburg machen die Verfahren von BER-Passagieren nach Verbandsangaben inzwischen 93 Prozent aller Zivilklagen aus. Beim Amtsgericht Erding, das fĂŒr den Flughafen MĂŒnchen zustĂ€ndig ist, sind es sogar 94 Prozent.

Auch bei der Schlichtungsstelle fĂŒr den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) sind die Fallzahlen wieder deutlich gestiegen, wenn auch mit knapp 39.800 Beschwerden das Rekordjahr 2020 knapp verfehlt wurde. Erneut machten Streitigkeiten um Flugreisen mit 84 Prozent den weit grĂ¶ĂŸten Anteil der Verbrauchereingaben aus. Bei den mehr als 33.000 Schlichtungsbitten ging es meist um annullierte FlĂŒge, VerspĂ€tungen und GepĂ€ckprobleme. Im Schnitt konnten 85 Prozent der Verfahren mit einer Einigung beendet werden, berichtet die SÖP.

Gerichte testen KI

Der Richterbund sieht Portale, mit denen FluggĂ€ste ihre AnsprĂŒche schnell und einfach durchsetzen können, als einen wesentlichen Grund fĂŒr die Entwicklung bei den Gerichten. «Viele Amtsgerichte Ă€chzen unter einer neuen Welle von Fluggastverfahren», sagte BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer Sven Rebehn der Deutschen Presse-Agentur.

Die Justiz habe reagiert und versuche, «Fließbandklagen», mit denen Anwaltskanzleien und Inkassodienstleister viele Gerichte ĂŒberhĂ€uften, mit moderner Technik besser zu bewĂ€ltigen. In Frankfurt wurde zum Beispiel ein KI-Assistenzprogramm erprobt. Dieses kann nach Angaben des hessischen Justizministeriums SchriftsĂ€tze analysieren, Metadaten auslesen sowie Richterinnen und Richtern Textbausteine fĂŒr ein Urteil vorschlagen. Die erfolgreiche Entwicklung des Prototyps «Frauke» stĂ¶ĂŸt auch in Brandenburg auf Interesse: Im vergangenen November vereinbarten die beiden LĂ€nder eine Zusammenarbeit.

«Bislang ist daraus aber noch keine Standardsoftware entwickelt worden, die im Regelbetrieb der Gerichte durch die Klageflut helfen könnte», sagt Rebehn. Er erneuerte seine Kritik an mangelnden Ausgaben fĂŒr die Justiz: «Mit einem auf 50 Millionen Euro jĂ€hrlich eingedampften Minibudget der Bundesregierung wird sich die Justiz-Digitalisierung in Deutschland allerdings nicht spĂŒrbar beschleunigen lassen.»

Weniger Passagiere als vor Pandemie

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat sich der Luftverkehr in Deutschland 2023 zwar weiter vom Corona-Schock erholt, fliegt im europÀischen Vergleich aber hinterher. Die Statistiker registrierten 2023 an den 23 deutschen HauptverkehrsflughÀfen 185,2 Millionen Passagiere. Das waren 19,3 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, aber auch 18,3 Prozent weniger als im letzten Vor-Corona-Jahr 2019.

Vor allem auf InlandsflĂŒgen sind nicht einmal halb so viele Menschen unterwegs wie vor der Pandemie. Daran wird sich auch in diesem Jahr nicht viel Ă€ndern: Laut der Flugplanauswertung des Branchenverbands BDL werden im ersten Halbjahr innerdeutsch 53 Prozent der SitzplĂ€tze von 2019 angeboten. Auf der Langstrecke sind es der Prognose zufolge 95 Prozent und auf der Kurz- und Mittelstrecke mit Zielen außerhalb Deutschlands 89 Prozent. Besonders gering bleibe das Flugangebot in Dresden, Stuttgart und Berlin.

@ dpa.de