Rheinmetall startet Satellitenproduktion in Neuss für Bundeswehr
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 09:48 Uhr | dpa, AD HOC NEWSRheinmetall hat in Neuss die Serienproduktion von Satelliten gestartet und erschließt damit ein weiteres Geschäftsfeld neben Panzern, Artillerie, Munition und Drohnen.
Produktion mit finnischem Partner
Gebaut werden SAR-Satelliten gemeinsam mit dem finnischen Unternehmen Iceye. Die Synthetic-Aperture-Radar-Technologie liefert auch bei Nacht und schlechtem Wetter präzise Aufnahmen von Truppenbewegungen und Stellungen. Künstliche Intelligenz soll relevante Informationen herausfiltern und aufbereiten.
Hersteller ist die Rheinmetall Iceye Space Solutions GmbH, an der Rheinmetall 60 Prozent hält. Nach Planung und Aufbau sei die industrielle Umsetzung angelaufen, teilte der Konzern mit.
Erster Start für Anfang 2027 geplant
Pro Jahr sollen etwa 50 Satelliten entstehen. Der erste in Neuss gefertigte Satellit soll Anfang 2027 mit einer Trägerrakete von SpaceX ins All gebracht werden.
Die Satelliten sind 3,3 Meter lang und 0,8 Meter breit. Sie wiegen rund 220 Kilogramm; die Antennenfläche beträgt etwa 2,6 Quadratmeter.
Exklusiver Zugriff für die Bundeswehr
Die Radaraufnahmen sollen Nato-Armeen bei der Lageeinschätzung helfen, besonders an der Nato-Ostflanke und zur Unterstützung der Bundeswehr-Brigade in Litauen. Rheinmetall und die Bundeswehr haben dafür einen mehrjährigen Vertrag im Wert von rund 1,7 Milliarden Euro zuzüglich einer Erweiterungsoption.
Die deutsche Armee erhält nach Unternehmensangaben exklusiven Zugriff auf eine nicht genannte Zahl von Satelliten. Deren Radarsysteme sollen künftig ausschließlich von der Bundeswehr genutzt werden, sodass sie nicht auf freie Kapazitäten warten muss.
Standort für mehrere Rüstungsbereiche
Das Neusser Werk wird derzeit umgebaut. Früher fertigte Rheinmetall dort Autoteile; nach dem Verkauf des schwächelnden Konzernbereichs blieb der Standort im Unternehmen. Dort sollen nun unter anderem Drohnen, Gefechtstürme und Satelliten produziert werden.
Technologie mit Grenzen
Die Expertin Juliana Süß von der Stiftung Wissenschaft und Politik bezeichnete SAR-Aufklärung als unverzichtbar für moderne Streitkräfte. Radaraufnahmen könnten unter anderem zeigen, ob Panzer oder Artillerie unter Tarnnetzen oder Vegetation verborgen seien. Zugleich brauche es geschultes Personal für die Auswertung.
Zu den Wettbewerbern im Satellitengeschäft gehören Airbus Defence and Space und die Bremer Raumfahrtfirma OHB. OHB hat der Bundeswehr Satelliten für die Programme SAR-Lupe und SARah geliefert. Eine größere SAR-Ausschreibung des Bundes soll auch für OHB und Airbus offenstehen.
Aufklärung für ein vernetztes Gefechtsfeld
Mit dem Einstieg in die Satellitenproduktion erweitert Rheinmetall seine Rolle vom klassischen Hersteller von Land- und Munitionssystemen zu einem Anbieter vernetzter militärischer Fähigkeiten. Radaraufklärung aus dem All kann Bewegungen, Infrastruktur und Stellungen unabhängig von Tageszeit und Wetter erfassen. Für Streitkräfte entsteht dadurch ein Lagebild, das mit Drohnen, Bodenradaren und optischen Satellitenaufnahmen verbunden werden kann.
Die Bedeutung steigt besonders an der Nato-Ostflanke. Die Bundeswehr ist dort mit der Brigade in Litauen dauerhaft stärker eingebunden und benötigt aktuelle Informationen über Gelände, Verkehrswege und militärische Aktivitäten. Ein exklusiver Zugriff auf ausgewählte Satelliten würde die Planung von Aufnahmen erleichtern und die Zeit zwischen einer Anfrage und der verfügbaren Information verkürzen.
Mehr Kapazität, aber hoher Betriebsaufwand
Die geplante Jahresproduktion von rund 50 Satelliten deutet auf eine Ausrichtung auf hohe Stückzahlen und häufige Wiederholungsaufnahmen hin. Der militärische Nutzen hängt jedoch nicht allein von der Zahl der Flugkörper ab. Bodenstationen, Datenverarbeitung, sichere Kommunikationswege und speziell geschultes Personal müssen die Informationen schnell in einsatzfähige Erkenntnisse übersetzen.
Rheinmetalls Vorstoß verschärft zugleich den Wettbewerb mit etablierten Raumfahrt- und Rüstungskonzernen. Für Deutschland eröffnet die Fertigung industrielle Fähigkeiten im Inland, erhöht aber auch die Verantwortung für Schutz vor Störungen, Cyberangriffen und Angriffen auf die Weltrauminfrastruktur. Satelliten stärken damit die Verteidigungsfähigkeit, ersetzen jedoch weder andere Aufklärungsmittel noch die politische und militärische Bewertung der gewonnenen Daten.
