Volkswagen will Milliarden in Rivian stecken
25.06.2024 - 22:54:52 | dpa.deVolkswagen holt sich bei Elektroautos Hilfe vom Tesla-Herausforderer Rivian - und nimmt dafĂŒr Milliarden in die Hand. Europas gröĂter Autobauer will bis zu fĂŒnf Milliarden Dollar ausgeben und gemeinsam Technik fĂŒr kĂŒnftige Fahrzeuge entwickeln. FĂŒr Rivian ist es eine höchst willkommene Geldspritze: Die Firma schreibt nach wie vor rote Zahlen und hat aktuell mit einem sinkenden Interesse an Elektroautos in den USA zu kĂ€mpfen. Â
Die zuletzt schwĂ€chelnde Rivian-Aktie sprang im nachbörslichen Handel auf der Plattform Tradegate am Mittwochvormittag um fast 60 Prozent hoch. FĂŒr die VW-Papiere ging es allerdings am Morgen im Xetra-Handel zunĂ€chst leicht bergab. Ein AktienhĂ€ndler betonte, dass der Mittelabfluss belasten dĂŒrfte. Auf lange Sicht dĂŒrfte die Entscheidung allerdings strategisch sinnvoll sein, sofern das Projekt am Ende auch erfolgreich ist.
Kooperation unter anderem bei Software und Steuercomputern
Die Kooperation ist recht eng gefasst: Software, Steuercomputer sowie Netzwerk-Architektur. Ein zentraler Punkt: Volkswagen wird fĂŒr neue Autos in der zweiten HĂ€lfte des Jahrzehnts auf Rivians Technologie und Software einschwenken. Der Autoriese könnte damit viel Geld im Vergleich zu einer Entwicklung der Technik in Eigenregie sparen. Rivian-Chef RJ Scaringe betonte in einer Telefonkonferenz, dass andere Bereiche wie Batterien oder Antriebstechnik nicht Teil der Partnerschaft seien.
Damit die Hersteller immer neue Funktionen bieten können, sammelten sich in Autos schon seit Jahren mehr und mehr Steuereinheiten und lÀngere KabelstrÀnge an. Mit dem Vormarsch von Elektroautos kam auch ein Wettstreit bei neuen Fahrzeug-Architekturen in Gang. Die Trends: Weniger KomplexitÀt und ein Fokus auf Software. Tesla war ein Vorreiter - ein Computer auf RÀdern.
Rivians Architektur:Â Zonen-Modell statt viele kleine Computer
Rivian entwickelte von Anfang an eine eigene Architektur, in der die Auto-Elektronik in mehrere Zonen mit eigenen Computern aufgeteilt wird. In der ersten Generation der Rivian-Plattform seien noch 17 dieser Steuereinheiten nötig gewesen, sagte Scaringe. Jetzt zur zweiten Generation habe man die Zahl auf sieben gedrĂŒckt.Â
VW hat seit Jahren mit Problemen bei der hauseigenen Software-Entwicklung fĂŒr Elektroautos zu kĂ€mpfen, dadurch verzögerten sich bereits Modellstarts. Scaringe legte am Dienstag den Finger in die Wunde. Man habe in den vergangenen Jahren erkannt, dass etablierte Hersteller Schwierigkeiten bei eigener Software hĂ€tten.Â
Er sieht den Grund dafĂŒr darin, wie das GeschĂ€ft der Autobauer ĂŒber Jahrzehnte lief: Viel Technik wurde bei verschiedenen Zulieferern eingekauft, «im Ergebnis hatte man eine Menge kleiner Computer, die an ganz bestimmte Funktionen angebunden waren». Wenn man aus dieser Welt komme, tue man sich schwer damit, eine Architektur nach dem Zonen-Prinzip zu entwickeln, bei der eine Steuereinheit Funktionen ĂŒber mehrere Bereiche hinweg ĂŒbernehme. Rivian ordnete diese ECUs (Electronic Control Unit) verteilt im Fahrzeug an, um den Weg fĂŒr die DatenĂŒbermittlung zu verkĂŒrzen.
Experte: Ein SchnĂ€ppchen fĂŒr VW
Rivian sei einer der weniger Hersteller, die eine solche Zonen-Architektur in der Serienproduktion hĂ€tten - und damit wertvoll fĂŒr VW, kommentierte den Deal der Autoanalyst der Marktforschungsfirma Garter, Pedro Pacheco. Wenn man bedenkt, wie viel Geld Volkswagen bereits in die Entwicklung einer eigenen Plattform investiert habe, seien die Milliarden fĂŒr Rivian «ein echtes SchnĂ€ppchen» fĂŒr den deutschen Konzern.
Der Deal sende auch ein Signal, dass Dinge, die man einst selber entwickelte, nun von einem anderen Hersteller kommen könnten. Zugleich warf Pacheco die Frage auf, was Hersteller mit ihren eigenen Autosoftware-Teams machen, wenn sie so viel zukaufen.
Der Plan von Rivian und VW sieht ein Gemeinschaftsunternehmen vor, in dem fĂŒr beide Hersteller entwickelt werden soll. Die Milliarden sollen Rivian nach und nach zuflieĂen. Erst kauft VW Wandelanleihen fĂŒr eine Milliarde Dollar. Kommt das gemeinsame Entwicklungslabor zustande, zahlt VW eine weitere Milliarde, kauft in zwei Tranchen Aktien fĂŒr jeweils eine Milliarde 2025 und 2026 und gibt eine weitere Milliarde als Kredit.
Volkswagen bekam zuletzt mehr und mehr Schwierigkeiten beim offensiven Kurs in Richtung ElektromobilitĂ€t. In Europa ist die Nachfrage schwach, in China ist der Wettbewerb mit gĂŒnstigen heimischen Herstellern hart. In den USA will der Konzern mit Elektroautos deutlich Marktanteile gewinnen und hatte dafĂŒr hohe Investitionen bereits angekĂŒndigt.
1,45 Milliarden Dollar Verlust bei 13.600 Auslieferungen
Rivian lieferte im vergangenen Quartal knapp 13.600 Elektroautos aus und machte dabei 1,2 Milliarden Dollar Umsatz sowie 1,45 Milliarden Dollar Verlust. Die Firma ist in zwei in den USA populĂ€ren Fahrzeug-Kategorien aktiv: GroĂe SUVs und Pickups. AuĂerdem baut Rivian fĂŒr Amazon elektrische Lieferwagen, die inzwischen auch in Europa zu sehen sind. Der weltgröĂte Online-HĂ€ndler ist ebenfalls ein Investor.
Die Stimmung unter den Tesla-Herausforderern, die sich ein immer schnelleres Tempo beim Elektroauto-Absatz erhofften, ist verhalten. Gerade in den USA greifen viele KÀufer aktuell lieber zu Hybrid-Modellen, auch bei Tesla ist das Wachstum plötzlich gebremst. Die Firma Fisker musste einen Insolvenzantrag stellen. Ihr SUV-Modell Ocean kam mit Verzögerungen auf den Markt und verÀrgerte einige KÀufer und Tester mit Software-Problemen.
Wirtschaftsnachrichten lesen ist gut - trading-notes lesen ist besser!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.

