Verbraucher verlieren die Lust am Einkaufsbummel
18.09.2024 - 06:30:36Viele Verbraucher in Deutschland erledigen ihre EinkĂ€ufe ĂŒberwiegend in Klein- und MittelstĂ€dten. Das zeigt eine reprĂ€sentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov fĂŒr den Standortmonitor des Handelsverbandes Deutschland (HDE). StĂ€dte mit weniger als 100.000 Einwohnern können demnach vor allem mit kurzen FuĂwegen, einer angenehmen, entspannten AtmosphĂ€re und Ăbersichtlichkeit punkten. MittelstĂ€dte - also jene, wo mehr als 20.000 Menschen wohnen - werden auch fĂŒr das vielfĂ€ltige Angebot an GeschĂ€ften und Gastronomie geschĂ€tzt.Â
«Die gute Versorgung mit GebrauchsgĂŒtern, die schnelle Erreichbarkeit des Stadtzentrums und attraktive Einkaufsangebote machen Klein- und MittelstĂ€dte zu besonders lebenswerten Orten», sagt HDE-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Stefan Genth. Ein direkter Vergleich der Daten ist nicht möglich, weil die Befragung in dieser Form zum ersten Mal durchgefĂŒhrt wurde. FĂŒr Genth sind die Ergebnisse «viel positiver als erwartet», die Situation in den Zentren der kleineren StĂ€dte sei «oftmals bei weitem nicht so dĂŒster wie hĂ€ufig dargestellt».Â
FĂŒr den Handelsverband ist es eine gute Nachricht im Dickicht vieler schlechter. Das Thema InnenstĂ€dte ist und bleibt jedoch schwierig, der stationĂ€re Handel steckt nach wie vor in einer schweren Krise, Besserung ist nicht in Sicht.Â
Kauflaune bleibt schlecht
Die krisenbedingte Verunsicherung der Verbraucher ist leicht rĂŒcklĂ€ufig. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts IFH. Dennoch verliert der stationĂ€re Handel weiter an Relevanz - und die Konsumenten zunehmend die Lust am Einkaufsbummel. Der Anteil der Verbraucher, die angeben, beim Bummeln hĂ€ufig etwas zu sehen und dann zu kaufen, ist in diesem Jahr laut einer Umfrage des IFH von 46 auf 42 Prozent gesunken. Mehr als jeder Dritte und damit mehr als im Vorjahr wĂŒrde gern mehr in InnenstĂ€dten einkaufen, findet es aber langweilig, «weil ĂŒberall die gleichen Anbieter sind». Bei Besserverdienern ist dieses GefĂŒhl besonders ausgeprĂ€gt.Â
Der Handel in Deutschland leidet unter FachkrĂ€ftemangel und Insolvenzen bekannter Filialisten wie Galeria und Esprit. Die Branche ist neben dem Baugewerbe am stĂ€rksten von Pleiten betroffen, wie Auswertungen von Creditreform und Allianz Trade zeigen. Seit 2020 mussten laut HDE deutschlandweit etwa 46 000 GeschĂ€fte schlieĂen. Sorgen bereitet auch die wachsende Zahl von LeerstĂ€nden. In knapp 30 Prozent StĂ€dte und Gemeinden gibt es nach Angaben des Handelsforschungsinstituts EHI in den FuĂgĂ€ngerzonen eine Leerstandsquote von mehr als 10 Prozent. In 40 Prozent der FĂ€lle dauert es lĂ€nger als sechs Monate, bis die FlĂ€chen neu vermietet sind.
Was die Unternehmen ebenfalls weiterhin plagt, ist die KaufzurĂŒckhaltung. 2022 und 2023 waren stark von der schlechten Kauflaune geprĂ€gt, in diesem Jahr bleibt der erhoffte Aufschwung aus. Die Konsumstimmung verschlechterte sich zuletzt sogar weiter, wie die regelmĂ€Ăigen Umfragen von GfK und HDE zeigen. Trotz inzwischen rĂŒcklĂ€ufiger Inflation achten die Verbraucher beim Einkaufen immer noch stark auf Preise und Angebote.Â
Die Datenplattform Hystreet zĂ€hlte in den deutschen InnenstĂ€dten 2024 zwar in mehreren Monaten mehr Passanten als im Vorjahr, fĂŒr die HĂ€ndler wirkte sich das allerdings offensichtlich nicht spĂŒrbar positiv aus. Zwischen Januar und April lagen die UmsĂ€tze im deutschen Einzelhandel real, also preisbereinigt, nur 0,1 Prozent ĂŒber dem Vorjahreszeitraum. Auch die FuĂball-Europameisterschaft brachte nicht die erhoffte Trendwende.
StationÀrer Handel verliert in allen Warengruppen
Der Handelsverband prognostiziert fĂŒr den stationĂ€ren Handel 2024 inflationsbereinigt lediglich ein Umsatz-Plus von einem Prozent. Die EinzelhĂ€ndler blicken wenig optimistisch nach vorn. Wie aus einer kĂŒrzlich durchgefĂŒhrten Branchenumfrage des HDE hervorgeht, erwartet jeder zweite Unternehmer schlechtere UmsĂ€tze als im Vorjahr, weniger als 30 Prozent glauben, dass die GeschĂ€fte besser laufen. Zwei von drei sehen sinkende Kundenfrequenzen an ihren stationĂ€ren Standorten. Besonders schlecht ist die GeschĂ€ftslage demnach im Bereich Möbel und Einrichtung, Schuhe, Haushalts- und Spielwaren.Â
«In allen GebrauchsgĂŒter-Branchen â Kleidung, Möbel, Elektronik und Freizeitprodukte â sehen wir einen weiteren Abfall der KĂ€ufe im stationĂ€ren Handel und dagegen einen Anstieg der OnlinekĂ€ufe», sagt IFH-Direktor Werner Reinartz, Professor fĂŒr Marketing an der UniversitĂ€t zu Köln. Diese Tendenz werde sich 2025 fortsetzen. E-Commerce-Experte Jochen Krisch gab HĂ€ndlern in der Podcast-Reihe «Exchanges» kĂŒrzlich etwas polemisch den Ratschlag: «Verkauft das StationĂ€re, wenn ihr keine Online-Ideen habt, und investiert in Amazon-Aktien.»
Dennoch wissen die Konsumenten grundsĂ€tzlich nach wie vor, welche VorzĂŒge ihnen stationĂ€re GeschĂ€fte bieten. Laut IFH schĂ€tzen sie vor allem, Produkte direkt mitnehmen, ausprobieren und anfassen zu können. Das sind die hĂ€ufigsten Antworten von Kunden, auf die Frage nach den GrĂŒnden fĂŒr den Kauf. Viele nennen auch die Sicherheit, hochwertige Produkte zu bekommen und nicht bei Fake Shops einzukaufen.Â
«Die Leute wollen den Stoff spĂŒren, sie wollen wissen, ob das KleidungsstĂŒck passt und nicht tausend Sachen hin- und herschicken», sagt der GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Handelsberatung BBE, Johannes Berentzen. «Ich mache mir keine Sorgen um den stationĂ€ren Handel. Die HĂ€ndler haben es selbst in der Hand.» Aus seiner Sicht haben die Klein- und MittelstĂ€dte mit kurzen Wegen zu den GeschĂ€ften dabei einen weiteren Vorteil. «Gerade fĂŒr die immer Ă€lter werdende Gesellschaft wird gute Erreichbarkeit zunehmend wichtig. Der ĂPNV in den GroĂstĂ€dten kann die oft weiten Wege nur zum Teil kompensieren.»





