ROUNDUPWirtschaftsweise, Kitas

Man kann sich auf Kitas nicht verlassen

29.12.2024 - 16:02:32

Schließzeiten und kurzfristige AusfĂ€lle wegen kranken Personals stellen Eltern mit Kita-Kindern vor Herausforderungen.

Die Chefin der "Wirtschaftsweisen", Monika Schnitzer, hĂ€lt die Kinderbetreuungsangebote in Deutschland daher fĂŒr nicht verlĂ€sslich. Sie kritisiert gegenĂŒber den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Die Kitas sind viel zu wenig Stunden am Tag geöffnet, sie sind nicht zuverlĂ€ssig, schließen zu viele Wochen im Jahr. Man kann sich auf die Kitas nicht verlassen."

Das Betreuungssystem beruhe darauf, dass man Großeltern einbeziehe oder sich privat - wenn man es sich leisten könne - Babysitter organisiere. "Wer das nicht kann, hat keine andere Wahl, als seine Arbeitszeit zu reduzieren", sagte die Ökonomin. Ähnliche Probleme sehe sie bei der Pflege Ă€lterer Menschen. "Es gibt keine PflegeunterstĂŒtzung, die nicht dafĂŒr sorgt, dass man sich massiv einschrĂ€nken muss in seiner Arbeitsleistung."

Ökonomin: System fördert Teilzeit stark

"Wir haben ein System, bei dem wir Teilzeit massiv fördern. Zementiert wird es durch das Ehegatten-Splitting, an dessen Reform sich niemand traut", sagte das Mitglied des SachverstÀndigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Eine Abschaffung des Rechts auf Teilzeit sei daher unrealistisch.

Um das Kita-System zu stĂ€rken, brauche es mehr Geld und Personal, so Schnitzer. "Mit einer verlĂ€sslicheren Betreuung könnte man viel zusĂ€tzliche Arbeitszeit gewinnen. Hochqualifizierte Kinderbetreuung ist zudem extrem wichtig fĂŒr die Integration."

Die GrĂŒnen unterstĂŒtzen die Kritik von Schnitzer: "Die Kritik von Frau Schnitzer an der unzureichenden VerfĂŒgbarkeit und ZuverlĂ€ssigkeit der Kinderbetreuung teilen wir - sie spiegelt die RealitĂ€t vieler Familien wider", sagte die stellvertretende Vorsitzende der GrĂŒnen-Bundestagsfraktion, Maria Klein-Schmeink, der "Welt". "Es ist nicht hinnehmbar, dass fehlende BetreuungskapazitĂ€ten und unzuverlĂ€ssige Strukturen insbesondere Frauen dazu zwingen, ihre beruflichen Ambitionen zurĂŒckzustellen."

Auch die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende, Gyde Jensen, sagte "Welt": "FrĂŒhkindliche Bildung ist der SchlĂŒssel zu den Chancen, die Kinder unabhĂ€ngig vom Elternhaus benötigen, um ihren eigenen Weg gehen zu können. Und der SchlĂŒssel, damit Eltern neben familiĂ€ren Pflichten auch weiterhin ihrem Job nachgehen können." Auch die Vorsitzende der Linke-Gruppe im Bundestag, Heidi Reichinnek, nannte Schnitzers Kritik berechtigt.

Studie: 125.000 FachkrÀfte fehlen

Das Personal in deutschen Kitas ist vielerorts ĂŒberlastet, und es fehlen FachkrĂ€fte. Notbesetzungen bei Krankheit oder kurzfristige Schließungen sind die Folge. Um den Betrieb trotz dĂŒnner Personaldecke aufrechtzuerhalten, werden einer bundesweiten Studie zufolge, die Anfang Dezember veröffentlicht wurde, zunehmend Menschen ohne formale pĂ€dagogische Voraussetzungen in den KindertagesstĂ€tten eingestellt.

Zugleich sinkt der Anteil der FachkrĂ€fte, die mindestens ĂŒber eine Qualifikation als Erzieherin oder als Erzieher verfĂŒgen, wie aus dem "LĂ€ndermonitoring FrĂŒhkindliche Bildungssysteme" der Bertelsmann Stiftung hervorgeht.

Unter den pĂ€dagogisch TĂ€tigen pro Kita empfiehlt die Arbeitsgruppe FrĂŒhe Bildung von Bund und LĂ€ndern perspektivisch eine Fachkraftquote von 85 Prozent pro Kita-Team, heißt es bei der Bertelsmann Stiftung. Der Anteil pro Kita-Team sei aber im Schnitt von 75,8 Prozent (2017) auf 72,5 Prozent gesunken.

Der Kita-Bericht 2024 des ParitĂ€tischen Gesamtverbands bezifferte die aktuelle LĂŒcke auf 125.000 fehlenden FachkrĂ€ften in der Kindertagesbetreuung. Bundesweit gibt es nach Angaben des Statistischen Bundesamts 60.662 Kitas.

Schnitzer: Kann nicht sein, dass VĂ€ter schief angeschaut werden

Die "Wirtschaftsweise" sieht neben der Personalnot auch ein Problem in den Firmen. "Es kann nicht sein, dass junge VÀter schief angeschaut werden, wenn sie nur noch 80 Prozent arbeiten wollen, damit sie es der Mutter ebenfalls ermöglichen, 80 Prozent zu arbeiten. Auch in den Unternehmen brauche es ein Umdenken, sagte Schnitzer, die Mutter dreier Töchter ist.

@ dpa.de