Schweiz nach Zollschock im Krisenmodus
07.08.2025 - 14:52:1939 Prozent Zölle auf Schweizer Importe hat er verhĂ€ngt. Die Schweizer sind bis ins Mark erschĂŒttert.
Von einem Horrorszenario ist die Rede, von Zehntausenden ArbeitsplĂ€tzen, die in Gefahr seien. Wenn an den 39 Prozent nicht mehr gerĂŒttelt werden könne, sei das ExportgeschĂ€ft der Schweizer Tech-Industrie in die USA "faktisch tot", schreibt der Verband Swissmem auf X. Damien Cottier, Abgeordneter der Freidemokraten, spricht von einer "Attacke gegen die Schweiz".
Das Neun-Millionen-Einwohnerland lebt vom Export, die USA sind der wichtigste Markt mit 18 Prozent Anteil im vergangenen Jahr. Bislang haben die Schweizer weltweit beste GeschĂ€fte gemacht. Der Wirtschaftsverband frohlockte noch ĂŒber den neuen Exportrekord 2024, die Handelsbilanz wies einen Ăberschuss von 66 Milliarden Franken aus. Ohne die USA sieht es allerdings ganz anders aus. Was macht das mit der Schweiz?
Zauberwort NeutralitÀt
Die Schweizer kochen traditionell gerne ihr eigenes SĂŒppchen. NeutralitĂ€t heiĂt das Zauberwort. Möglichst unter dem Radar bleiben, sich mit allen gut stellen, nicht auffallen - das ist die Devise. Im Februar sagte der Historiker Sacha Zala noch, die Schweiz erhoffe sich von dieser Strategie auch, etwa von Strafzöllen verschont zu bleiben.
"Das kann bis zu einem gewissen Grad funktionieren", meinte er im Sender SRF. Aber es sei "eine falsche Hoffnung zu denken: nur, weil man sich - in AnfĂŒhrungszeichen - gut benommen hat, wird man nicht bestraft."
Schon seit dem russischen Krieg gegen die Ukraine gerĂ€t die Schweiz in rauere Fahrwasser. Erst nach einigem Zögern begann sie, die europĂ€ischen Sanktionen mitzutragen, sie verweigerten VerbĂŒndeten, bereits eingekaufte Schweizer Munition an die Ukraine weiterzuleiten. Bei der Suche nach russischen Oligarchengeldern war die Schweiz nach Ansicht von Kritikern nicht ehrgeizig genug.
AnnÀherung an die EU?
FĂŒr die Schweizer Sozialdemokraten ist aber klar, wo die Reise hingehen sollte: Richtung EU. "Es ist höchste Zeit, dass wir unsere SelbstĂŒberschĂ€tzung "wir allein gegen die ganze Welt" aufgeben und unseren Weg gemeinsam mit Europa gehen", schrieb die Abgeordnete im StĂ€nderat, Franziska Roth, auf Instagram. Die WirtschaftsverbĂ€nde verweisen darauf, dass die Konkurrenz aus der EU mit 15 Prozent US-Zöllen nun markante Wettbewerbsvorteile hat.
Der Wirtschaftsverband Economiesuisse ist fĂŒr eine engere Kooperation mit der EU: "Wir sind aufgrund unserer geografischen Lage umgeben von EU-Staaten und haben deshalb ein groĂes Eigeninteresse, mit der EU in fĂŒr uns relevanten Bereichen eng zusammenzuarbeiten", schreibt er vor Veröffentlichung der US-Zölle.
Die Schweiz hat der EU in der Vergangenheit mehrmals Absagen erteilt. Als mĂŒhsam ausgehandelte bilaterale VertrĂ€ge mit einem Rahmenvertrag aufgewertet werden sollten, verhandelten sie erst, um dann auf der Zielgeraden 2021 doch wieder abzuwinken. Gegen das neue Vertragswerk opponiert die stĂ€rkste Partei, die RechtsauĂen angesiedelte SVP.
Schweizer Selbstbild: Die verlÀssliche Nation
BundesprĂ€sidentin Karin Keller-Sutter macht in dem Desaster eine besonders schlechte Figur. Sie hatte sich im FrĂŒhjahr nach einem Telefonat noch gerĂŒhmt, sie habe wohl Zugang zu Trump gefunden. Dass das ein Trugschluss war, machte der US-PrĂ€sident deutlich, wĂ€hrend Keller-Sutter jetzt zu einem letzten Rettungsversuch Hals ĂŒber Kopf nach Washington flog.
Noch wĂ€hrend die gelernte Dolmetscherin in der Luft war, kanzelte Trump sie in einem Fernsehinterview wie ein SchulmĂ€dchen ab: "Sie hat einfach nicht zugehört", gab er ein weiteres TelefongesprĂ€ch wider. Zeit hatte er fĂŒr Keller-Sutter nicht, sie musste mit AuĂenminister Marco Rubio vorliebnehmen.
Keller-Sutter hĂ€nge dem Selbstbild der Schweiz als verlĂ€ssliche Nation nach, schreibt die "Neue ZĂŒrcher Zeitung". "Doch was bringt das in einer Welt, in der die WillkĂŒr regiert? Was nĂŒtzt es der Schweiz, berechenbar zu sein, wenn ein PrĂ€sident ZollsĂ€tze wie Hasen aus dem Hut zaubert?"

