SPD-Arbeitszeitpapier, Tarifvorbehalt

SPD-Arbeitszeitpapier: 40-Stunden-Woche und Tarifvorbehalt gefordert

Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 11:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

SPD-Gliederungen verlangen Tarifbindung bei ArbeitszeitĂ€nderungen und MindestzuschlĂ€ge fĂŒr Überstunden; ArbeitgeberverbĂ€nde weisen die VorschlĂ€ge zurĂŒck.

SPD-Arbeitsgruppen fordern 40-Stunden-Woche und ÜberstundenzuschlĂ€ge
Ein leeres, minimalistisches BĂŒro mit Holztischen und StĂŒhlen in einem modernen, lichtdurchfluteten Raum. Illustration mit AI erstellt.

Mehrere Arbeitsgemeinschaften der SPD pochen auf deutliche VerschĂ€rfungen im Arbeitszeitrecht. In einem siebenseitigen Positionspapier mit dem Titel „Selbstbestimmt statt dereguliert“ sprachen sich die SPD-Frauen, die Arbeitsgemeinschaft fĂŒr Arbeit (AfA), die Jusos sowie die AG 60plus am 5. Oktober 2026 fĂŒr eine gesetzliche Höchstarbeitszeit von durchschnittlich 40 Stunden pro Woche aus.

Zudem knĂŒpfen die Gruppierungen jedwede Änderung der wöchentlichen Arbeitszeit an einen Tarifvertrag. Ohne einen solchen Tarifvorbehalt dĂŒrfe es im Bundestag keine Zustimmung zu entsprechenden GesetzesplĂ€nen geben.

Kernforderungen zu Überstunden und Weisungsrecht

Das Papier der Parteigruppen sieht weitreichende Einschnitte in betriebliche AblĂ€ufe vor. Überstunden sollen kĂŒnftig ab der ersten geleisteten Stunde mit gesetzlichen MindestzuschlĂ€gen vergĂŒtet werden.

Cansel Kiziltepe von der AfA verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass Millionen von BeschĂ€ftigten Überstunden leisten, die oft unbezahlt blieben. Laut Berichten fielen im Jahr 2024 in Deutschland 1,2 Milliarden Überstunden an, was rechnerisch mehr als 750.000 Vollzeitstellen entspricht; 53,6 Prozent davon wurden nicht vergĂŒtet.

Zudem fordern die SPD-Gliederungen eine Beschneidung des Weisungsrechts der Vorgesetzten: Die Festlegung der Arbeitszeit solle kĂŒnftig nur noch im Einvernehmen erfolgen, womit das einseitige Weisungsrecht zu einem zweiseitigen Recht umgestaltet wĂŒrde. Zur Kontrolle verlangen die Verfasser eine lĂŒckenlose elektronische Arbeitszeiterfassung.

Anzeige

Das BAG hat entschieden: Wer jetzt noch kein System zur Arbeitszeiterfassung hat, handelt rechtswidrig. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie die gesetzlichen Vorgaben schnell und rechtssicher in Ihrem Betrieb umsetzen. Jetzt kostenlosen Ratgeber zur Arbeitszeiterfassung herunterladen

Branchen mit einer erhöhten AnfĂ€lligkeit fĂŒr illegale BeschĂ€ftigung und Schwarzarbeit, darunter das Baugewerbe und das Gastgewerbe, sollen von Ausnahmeregelungen ausgeschlossen bleiben. Zugleich sprechen sich die Gruppen fĂŒr Modellprojekte zur EinfĂŒhrung einer Vier-Tage-Woche aus.

Vor einer reinen Abschaffung des Acht-Stunden-Tags wird gewarnt: Rechnerisch drohe bei sechs Arbeitstagen zu je 13 Stunden eine 78-Stunden-Woche. Carmen Wegge von den SPD-Frauen stufte eine vollstĂ€ndige Entgrenzung der Arbeitszeit als gleichstellungspolitischen RĂŒckschritt ein.

Konflikt mit Koalitionsvertrag und Arbeitgebern

Bislang sieht Paragraf 3 des Arbeitszeitgesetzes eine maximale Arbeitszeit von acht Stunden pro Werktag vor, die bei einem entsprechenden Ausgleich innerhalb von sechs Monaten beziehungsweise 24 Wochen vorĂŒbergehend auf zehn Stunden ausgedehnt werden darf.

Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD ist auf Seite 18 hingegen die Vereinbarung festgehalten, eine wöchentliche statt einer tĂ€glichen Höchstarbeitszeit einzufĂŒhren.

Ein frĂŒherer Juni-Entwurf des Arbeitsministeriums unter BĂ€rbel Bas, der am Acht-Stunden-Tag festhielt, Abweichungen an TarifvertrĂ€ge band und maximal 48 Wochenstunden im Jahresschnitt vorsah, war nach anhaltender Kritik der Union und der WirtschaftsverbĂ€nde zurĂŒckgezogen worden.

Anzeige

Wer sich mit den neuen Pflichten zur Arbeitszeitaufzeichnung befasst, unterschĂ€tzt oft die Tragweite der aktuellen Rechtsprechung. Erfahren Sie in diesem Gratis-E-Book, wie Sie Überstunden und Pausenregelungen nach aktuellem Recht sauber dokumentieren. Kostenloses E-Book: Arbeitszeiten & Überstunden

Gegen die Forderungen der SPD-Gliederungen regt sich massiver Widerstand aus Wirtschaft und Politik. Gitta Connemann, Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU, fordert, die Wochenarbeitszeit ohne einen Tarifzwang umzusetzen, zumal bundesweit nur rund die HÀlfte der BeschÀftigten in tarifgebundenen Unternehmen arbeitet.

Die Vereinigung der hessischen UnternehmerverbĂ€nde (VhU) bewertete die VorstĂ¶ĂŸe der SPD-Gruppen als das Gegenteil dessen, was der Standort brauche, und mahnte die Einhaltung des Koalitionsvertrags an.

VhU-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Dirk Pollert bezeichnete die Warnung vor einer 78-Stunden-Woche als unbegrĂŒndet, da das EU-Recht die Wochenarbeitszeit inklusive Mehrarbeit im Schnitt auf 48 Stunden deckele und strikte Ruhezeiten vorschreibe. Zudem lehnte er gesetzliche ÜberstundenzuschlĂ€ge ab der ersten Stunde ab, da diese in die Vertrags- und Tarifautonomie eingriffen.

Gesamtmetall-Chef Zander kritisierte die Forderungen als eine Ansammlung gewerkschaftlicher Maximalpositionen. Wolfgang Steiger, GeneralsekretĂ€r des Wirtschaftsrats der CDU, beanstandete die Haltung der SPD, wĂ€hrend BDI-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin Tanja Gönner eine konsequente Umsetzung der vereinbarten Flexibilisierung anmahnte.

Die Arbeitszeitdebatte belastet das BĂŒndnis auf Bundesebene weiter. Am 7. Oktober 2026 tagt der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPD in Berlin mit Friedrich Merz, Markus Söder, BĂ€rbel Bas und Lars Klingbeil, wobei auch das Vertrauen in die Regierungsarbeit zur Sprache kommen soll.

Mehr zum Thema bei WELT: „ZDF-Doku: Wir legen nicht mehr so viel Wert auf Arbeiten – Klagen der Gen Z ĂŒber 40?Stunden-Woche“

Disclaimer...

de | wirtschaft | 70254557 |