Aufschwung nicht in Sicht - Wirtschaft geht mit Sorgen ins neue Jahr
27.12.2023 - 06:35:03ArbeitgeberprÀsident Rainer Dulger sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Wir sind in einer ernstzunehmenden Wirtschaftskrise." DIHK-PrÀsident Peter Adrian sagte der dpa: "Die deutsche Wirtschaft befindet sich in schwerem Fahrwasser." Der Ausblick verspreche kaum Besserung. Adrian forderte die Politik zu einem "Befreiungsschlag" auf.
Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Konjunkturflaute. Institute und die Bundesregierung rechnen im Gesamtjahr 2023 mit einem RĂŒckgang der Wirtschaftsleistung. FĂŒr das kommende Jahr hatten fĂŒhrende Forschungsinstitute zuletzt ihre Prognosen deutlich gesenkt. Erwartet wird nur ein Mini-Wachstum.
Nach EinschĂ€tzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) halten sich Unternehmen auch wegen mangelnder Planbarkeit mit Investitionen zurĂŒck. "Wir sind kein verlĂ€sslicher Standort mehr bei den Bedingungen", sagte IW-Chef Michael HĂŒther. "Es entsteht keine Perspektive auf verlĂ€ssliche Rahmenbedingungen fĂŒr die wichtigen Transformationsaufgaben Klima und demografischer Wandel bis Ende des Jahrzehnts".
Wirtschaft blickt pessimistisch ins neue Jahr
Viele groĂe Branchen blicken laut einer IW-Umfrage mit Pessimismus aufs kommende Jahr. Die SchwĂ€che der Weltkonjunktur, Zinserhöhungen und Unklarheiten beim Bundeshaushalt drĂŒcken die Aussichten fĂŒr 2024. Demnach erwarten 23 von 47 befragten WirtschaftsverbĂ€nden einen Produktions- oder GeschĂ€ftsrĂŒckgang bei ihren Mitgliedsfirmen. Von gleichbleibender WirtschaftsaktivitĂ€t gehen 15 Branchen aus, lediglich neun erwarten ein höheres Produktionsniveau.
Die Rahmenbedingungen blieben auch 2024 schwierig, sagte Adrian, PrĂ€sident der Deutschen Industrie- und Handelskammer. "Wir brauchen schnellstmöglich eine mittelfristige Planungssicherheit. Derzeit herrscht mit ausbleibenden Anlageinvestitionen, hohen Kosten, pessimistischen Aussichten und weiterhin starker Unsicherheit ein ganz ungesundes Klima fĂŒr die Wirtschaft. Eine Fortsetzung der Rezession halten wir daher leider fĂŒr wahrscheinlicher als einen Aufschwung."
Der PrĂ€sident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, sagte der dpa: "Die Industrie in Deutschland befindet sich in einer kritischen Situation." Wenn die Weltwirtschaft im nĂ€chsten Jahr um 3 Prozent wachse und in Deutschland die Wirtschaftsleistung sinke, verliere die Wirtschaft Weltmarktanteile. "Die Firma Deutschland schrumpft. Und das ist fĂŒr keine Firma richtig gut." Trotz des demografischen Wandels und des grundsĂ€tzlichen Mangels an ArbeitskrĂ€ften komme es in einzelnen Branchen und Regionen inzwischen zu BeschĂ€ftigungsproblemen. "Manche Unternehmen werden Personal reduzieren mĂŒssen, weil sie schlichtweg nicht mehr ausreichend Arbeit haben."
VerbÀnde fordern Regierung zu Kurswechsel auf
Deutschland befinde sich nicht in einer konjunkturellen Delle, sagte Dulger: "Unser Land steht inzwischen inmitten einer gröĂtenteils hausgemachten, strukturellen Krise. Die Bundesregierung muss im Jahr 2024 liefern, sonst ist die Ampel vor allem nur noch eine AnkĂŒndigungsregierung. Wir erwarten in der zweiten Halbzeit eine Koalition der Umsetzung. Es geht ums Handeln und Machen." Deutschland brauche wieder einen "Agenda-2010-Moment".
Mit der Agenda 2010 hatte der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) vor mehr als 20 Jahren tiefgreifende Reformen im Sozialsystem und auf dem Arbeitsmarkt angestoĂen.
Die WettbewerbsfĂ€higkeit des Standorts Deutschlands mĂŒsse wieder in den Vordergrund rĂŒcken, sagte der PrĂ€sident der Bundesvereinigung der Deutschen ArbeitgeberverbĂ€nde. "Im europĂ€ischen Vergleich haben wir mit die höchsten Energiekosten, die höchsten Steuern und Abgaben, die höchsten Löhne, eine marode Infrastruktur. Wir haben vieles, was uns jetzt als Wirtschaftsstandort nicht nur schlecht dastehen lĂ€sst, sondern mittlerweile auch auf die FĂŒĂe fĂ€llt. Die anderen europĂ€ischen Volkswirtschaften wachsen - wir nicht. Das ist nicht akzeptabel."
Wirtschaft: an vielen Stellschrauben drehen
Der Kampf gegen den FachkrĂ€ftemangel mĂŒsse endlich konsequent gefĂŒhrt werden, so Dulger. "Wir mĂŒssen die Bildungsmisere in diesem Land umkehren. Wir brauchen mehr Digitalisierung und weniger BĂŒrokratie und Regulierung." Die Wirtschaftsprobleme seien zum Teil hausgemacht. "Es mĂŒssen alle gemeinsam darauf hinwirken, dass Deutschland wieder ökonomisch entfesselt wird."
Adrian sagte, Grundvoraussetzung fĂŒr Wachstum sei ein Wandel in der Wirtschafts- und Standortpolitik. "Da gilt es jetzt, beherzt zu handeln. Wir mĂŒssen mit dem Blick fĂŒr die Praxis an vielen Stellschrauben drehen." Die Regierungs-BeschlĂŒsse zur Beschleunigung bei Planung und Genehmigung und zu Infrastrukturausbau seien richtig und wichtig. "Auch der neue Haushalt ohne Umgehung der Schuldenbremse lĂ€sst grundsĂ€tzlich hoffen." Es mĂŒssten nun die richtigen PrioritĂ€ten gesetzt werden. "Nur wenn es zu spĂŒrbaren Erleichterungen kommt, entsteht wieder Vertrauen und damit eine Perspektive."
Warnung vor Verlagerungen von Produktion
Dulger sagte: "Aus EnttĂ€uschung und vor allem wegen wirtschaftlicher Nachteile am Wirtschaftsstandort Deutschland fallen jetzt immer mehr Investitionsentscheidungen zugunsten des Auslands." Ein wesentlicher Teil der deutschen mittelstĂ€ndischen Wirtschaft habe verlĂ€ngerte WerkbĂ€nke in den europĂ€ischen NachbarlĂ€ndern und in Ăbersee. Weil der Standort immer unattraktiver werde und die in Deutschland hergestellten Produkte immer weniger wettbewerbsfĂ€hig seien, werde in den gröĂeren Unternehmen auf schon bestehende Auslandsstandorte ausgewichen. "Das passiert im Moment. Es ist ein stiller, schleichender Prozess, den wir miterleben und den die Politik vollkommen unterschĂ€tzt."

