Start-up-Strategie: 152 Maßnahmen, doch Experten vermissen den großen Wurf
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 16:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Start-up- und Scale-up-Strategie der Bundesregierung stößt bei Expertinnen und Experten auf deutliche Kritik. Branchenbeobachter bemängeln das Konzept als Potpourri aus bereits bekannten Ansätzen und kleinteiligen Ideen, während Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zeitgleich umfassende strukturelle Reformen für den Wirtschaftsstandort anmahnt.
Umfangreicher Maßnahmenkatalog mit Finanzierungsvorbehalten
Das Strategiepapier der Bundesregierung, das am 24. Juli 2026 vorgelegt wurde, umfasst insgesamt 152 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern. Kernstück der Regierungspläne ist die Weiterentwicklung bestehender Finanzierungsinstrumente.
So wird der im Jahr 2021 gestartete Zukunftsfonds mit einem Volumen von 10 Milliarden Euro als Zukunftsfonds II fortgeführt. Ergänzend legt KfW Capital den Wachstumsfonds II auf, der ein Zielvolumen von 1 Milliarde Euro anpeilt.
Zudem hat die Bundesregierung das Ziel der sogenannten WIN-Initiative bis zum Jahr 2030 von 12 auf 25 Milliarden Euro mehr als verdoppelt; bislang konnten in diesem Rahmen 2,6 Milliarden Euro erreicht werden. Über die europäische Initiative ETCI 2.0 soll der öffentliche Kapitalstock von 3,9 Milliarden Euro vervierfacht werden, um ein Gesamtvolumen von bis zu 80 Milliarden Euro zu mobilisieren.
Auf großes Investoreninteresse stieß zuletzt der Bereich Verteidigungstechnologie: Im Jahr 2025 flossen 1,16 Milliarden Euro in deutsche Defencetech-Start-ups, was mehr als 50 Prozent aller europäischen Risikokapitalinvestitionen in diesem Segment entsprach.
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Trotz dieser Volumina kritisieren Fachleute den Entwurf als Ansammlung unzureichend koordinierter Einzelschritte. Zudem stehen zentrale Vorhaben wie das bewährte INVEST-Programm sowie Anpassungen bei der Mitarbeiterbeteiligung weiterhin unter Finanzierungsvorbehalt.
Wirtschaftsministerin Reiche mahnt Strukturreformen an
Parallel zur Debatte um die Innovationspolitik wies Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bei einer Regierungsbefragung im Bundestag auf die fragile Gesamtlage hin. Zwar hätten Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 1,3 Prozent mehr als verdoppelt und der ifo-Geschäftsklimaindex sei zum fünften Mal in Folge gestiegen, doch stehe die Erholung auf wackeligen Beinen.
In der Herbstprojektion der Bundesregierung vom 8. Oktober 2026 wird für das laufende Jahr ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent und für 2027 ein Zuwachs von 1,1 Prozent erwartet, nachdem die Prognose im Frühjahr infolge des Iran-Kriegs noch auf 0,5 Prozent abgesenkt worden war.
Reiche forderte grundlegende Strukturreformen für die deutsche Wirtschaft. Dazu zählten flexiblere Arbeitszeiten, eine Stabilisierung der Sozialabgaben, spürbarer Bürokratieabbau sowie international wettbewerbsfähige Energiepreise.
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Kapitalmarktexperten fordern verlässliche Rahmenbedingungen
Auch auf dem Deutschland-Gipfel in Berlin äußerten Wirtschaftsvertreter Bedenken hinsichtlich des Transformationstempos. Gabriel Felbermayr vom Sachverständigenrat erklärte, Deutschland befinde sich zwar auf dem richtigen Weg, das Tempo sei jedoch zu langsam und eine zu hohe Risikoaversion verhindere weiteres Wachstum.
Dorothee Blessing von J.P. Morgan betonte auf der Konferenz, es fehle am Markt nicht an verfügbarem Kapital, sondern an verlässlichen Rahmenbedingungen und investitionsfähigen Projekten. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing mahnte vor rund 250 Gästen eine Stärkung des europäischen Binnenmarktes an.
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die anstehende Rentenreform auf dem Gipfel als zentrales innenpolitisches Reformvorhaben und strebt einen Kabinettsbeschluss bis Weihnachten an, wobei er zugleich auf ein Ende der Rente mit 63 pochte. Zur weiteren Mobilisierung privaten Kapitals veranstaltet die Bundesregierung am 19. und 20. Oktober 2026 den Investitionsgipfel in Berlin.
