Tabaksteuer, Bundesfinanzen

TabakverbÀnde warnen: Geplante Steuererhöhung könnte Milliarden kosten und Schwarzmarkt stÀrken

Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 05:05 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Bundesregierung plant deutlich höhere Tabaksteuern, um Milliarden fĂŒr den Bundeshaushalt zu mobilisieren. VerbĂ€nde, Ökonomen und Gesundheitsexperten bewerten das Vorhaben sehr unterschiedlich und warnen vor möglichen Nebenwirkungen.
  • Etwa jeder fĂŒnfte Ab-15-JĂ€hrige raucht in Deutschland. (Symbolbild) - Bild: Jens Kalaene/dpa
  • Der Zigarettenverkauf bleibt ein MilliardengeschĂ€ft in Deutschland. (Symbolbild) - Bild: Sven Hoppe/dpa
Etwa jeder fĂŒnfte Ab-15-JĂ€hrige raucht in Deutschland. (Symbolbild) - Bild: Jens Kalaene/dpa Der Zigarettenverkauf bleibt ein MilliardengeschĂ€ft in Deutschland. (Symbolbild) - Bild: Sven Hoppe/dpa

Deutschlands Tabakbranche warnt vor massiven Folgen der von der Bundesregierung geplanten deutlichen Erhöhung der Tabaksteuer auf Zigaretten und Feinschnitt.

Branchenverband und Gewerkschaft kritisieren SteuerplÀne

Nach Angaben der dpa sieht der Branchenverband BVTE in den SteuerplĂ€nen ein erhebliches Risiko fĂŒr einen wachsenden Schwarzmarkt. HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Jan MĂŒcke spricht von «reinen Luftschlössern» bei den erwarteten Mehreinnahmen und einem «Konjunkturprogramm fĂŒr die organisierte KriminalitĂ€t». Auch die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft BDZ warnt vor einem unsoliden steuerpolitischen Ansatz und kritisiert, der Bund versuche verzweifelt, Haushaltslöcher zu stopfen und dabei die Lage beim Zoll zu ĂŒbersehen. Auf der Fachmesse Intertabac in Dortmund, die am Dienstag beginnt, sollen die PlĂ€ne ein zentrales Thema sein.

Geplante Preisentwicklung bis 2030

Die Bundesregierung hatte im Juli eine Anhebung der Tabaksteuer vorgeschlagen, die Koalitionsfraktionen aus CDU/CSU und SPD verschĂ€rften das Vorhaben anschließend unter Mitwirkung des Bundesfinanzministeriums. Der dpa zufolge könnte eine Zigarettenpackung im kommenden Jahr nach Umsetzung der KoalitionsplĂ€ne 9,10 Euro kosten und damit 33 Cent mehr als im ursprĂŒnglichen Regierungsvorschlag. Nach durchschnittlich 8,05 Euro pro Packung im Jahr 2026 wird fĂŒr 2030 ein Durchschnittspreis von 11,78 Euro erwartet, was einem Aufschlag von fast 50 Prozent in vier Jahren entsprĂ€che. FĂŒr Markenzigaretten werden Preise von bis zu 14 Euro pro Packung genannt.

Studie prognostiziert Mindereinnahmen fĂŒr den Fiskus

Die Tabakunternehmen bezweifeln laut dpa, dass die Steuererhöhung einen Geldregen fĂŒr den Staat bringt, und warnen vor einer Verlagerung vieler Raucher hin zu illegalen Produkten. Eine von BVTE und Philip Morris bei DIW Econ in Auftrag gegebene Studie sagt voraus, dass dem Fiskus im Jahr 2027 rund 3,3 Milliarden Euro entgehen könnten, wenn das Vorhaben umgesetzt wird. Davon entfielen 2,7 Milliarden Euro auf legale KĂ€ufe im Ausland und 0,6 Milliarden Euro auf illegale VerkĂ€ufe in Deutschland. Bis 2030 steige dieser jĂ€hrliche Wert demnach auf 4,9 Milliarden Euro.

Mehr Schmuggel und Grenzhandel befĂŒrchtet

Bereits heute kommen auf 100 in Deutschland legal verkaufte Zigaretten etwa drei Schwarzmarkt-Zigaretten, so die dpa. Nach der DIW-Econ-Modellrechnung könnten es 2030 schon acht sein. Rechne man zusĂ€tzlich Zigaretten hinzu, die im Ausland legal gekauft und nach Deutschland gebracht werden, könnten dann insgesamt etwa 40 nicht in Deutschland versteuerte Zigaretten auf 100 legale Inlandszigaretten kommen. Die Menge der nicht besteuerten Zigaretten wĂŒrde sich damit im Vergleich zu heute etwa verdoppeln.

Diskrepanz zwischen Prognose und Modellrechnung

Die Berliner Koalitionsfraktionen kalkulieren laut dpa fĂŒr die Jahre 2027 bis 2030 mit Mehreinnahmen von insgesamt 11,5 Milliarden Euro aus der Steuererhöhung. Die DIW-Wirtschaftswissenschaftler kommen in ihrer Modellrechnung jedoch nur auf rund 5,5 Milliarden Euro zusĂ€tzlich und damit weniger als die HĂ€lfte der politischen Erwartung. Sollte die Reaktion der Verbraucher Ă€hnlich ausfallen wie bei der starken deutschen Tabaksteuererhöhung 2002 bis 2005, wĂ€ren nach dieser Analyse sogar lediglich Mehreinnahmen von etwa 1,1 Milliarden Euro zu erwarten.

Warnungen vor neuen Haushaltslöchern

Aus Sicht der Studienautoren besteht die Gefahr, dass eine ĂŒberzogene Steuererhöhung den gegenteiligen Effekt hat: Statt zusĂ€tzliche Mittel zu schaffen, könnte sie neue Haushaltslöcher erzeugen, falls die tatsĂ€chlichen Einnahmen deutlich hinter den Annahmen zurĂŒckbleiben. Studienautor Maximilian Priem wird mit der Forderung zitiert, Steuerpolitik solle sich auf gefestigte empirische Erkenntnisse stĂŒtzen und nicht auf Wunschdenken.

Gesundheitsexperten begrĂŒĂŸen höhere Preise

WĂ€hrend Tabakbranche, Gewerkschafter und Studienautoren vor wirtschaftlichen und fiskalischen Risiken warnen, bewertet das Deutsche Krebsforschungszentrum DKFZ die PlĂ€ne positiv. Die Krebsforscherin Katrin Schaller hebt laut dpa hervor, regelmĂ€ĂŸige spĂŒrbare Preiserhöhungen seien die wirksamste Maßnahme, um Menschen zum Nichtrauchen zu motivieren. Steige der Preis fĂŒr Zigaretten in Industriestaaten um zehn Prozent, sinke der Konsum demnach um vier Prozent. Höhere Preise wĂŒrden so die Gesundheit der Bevölkerung fördern.

Widerstand in der Koalition gegen VerschÀrfung

Nach dpa-Angaben ist offen, ob die verschĂ€rften SteuerplĂ€ne der Koalitionsfraktionen tatsĂ€chlich umgesetzt werden. In den Reihen der Koalition regt sich Widerstand. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Brodesser, Berichterstatter seiner Fraktion fĂŒr die Tabaksteuerreform, kritisiert, die zusĂ€tzliche drastische Anhebung gehe nicht auf eine Initiative der Fachpolitiker zurĂŒck, sondern auf eine Vereinbarung im Koalitionsausschuss, der einen zusĂ€tzlichen Finanzierungsbedarf von 1,5 Milliarden Euro identifiziert habe. Er lehnt diese VerschĂ€rfung ab.

Debatte um Schwarzmarkt und legale MĂ€rkte

Brodesser warnt laut dpa, stark steigende Preise könnten die Versuchung fĂŒr Konsumenten erhöhen, auf Schwarzmarktware oder Produkte aus dem EU-Ausland auszuweichen. Damit wĂŒrden weder die angestrebten fiskalischen Ziele erreicht noch der legale Tabakmarkt stabilisiert. Die moderate Tabaksteueranhebung der vergangenen Jahre habe sich nach seiner EinschĂ€tzung bewĂ€hrt. Damit bleibt die politische Debatte um die richtige Höhe der Tabaksteuer und die Balance zwischen Einnahmen, Gesundheitszielen und BekĂ€mpfung illegaler MĂ€rkte weiter offen.

Konflikt zwischen Fiskalpolitik und Gesundheitsschutz

Die geplante deutliche Erhöhung der Tabaksteuer steht exemplarisch fĂŒr den Zielkonflikt zwischen Haushaltskonsolidierung und PrĂ€ventionspolitik. Finanzpolitisch soll der Bund zusĂ€tzliche Milliarden einnehmen, um bestehende LĂŒcken im Haushalt zu schließen. Gleichzeitig verfolgen Gesundheitsakteure das Ziel, den Tabakkonsum durch höhere Preise spĂŒrbar zu senken. Der dpa-Meldung zufolge betonen Krebsforscher, regelmĂ€ĂŸige krĂ€ftige Preisschritte seien das effektivste Instrument, um Menschen zum Aufhören zu bewegen und die Bevölkerungsgesundheit zu stĂ€rken.

Schwarzmarkt, Einkaufstourismus und internationale Erfahrungen

Die von BVTE und Philip Morris beauftragte Studie von DIW Econ macht deutlich, wie empfindlich der legale Markt auf PreisĂ€nderungen reagieren kann. Sie rechnet mit erheblichen Ausweichbewegungen in den Schwarzmarkt und in legale KĂ€ufe im EU-Ausland. Als warnende Beispiele werden LĂ€nder wie Frankreich und die Niederlande genannt, wo starke Steuererhöhungen zu einem deutlichen RĂŒckgang des legalen Inlandsabsatzes gefĂŒhrt haben. FĂŒr die deutsche Debatte ist entscheidend, ob die Politik diese Erfahrungen als ĂŒbertragbar einstuft oder spezifische Unterschiede in Kontrolle, Konsumverhalten und Grenzlage sieht.

Politische Bruchlinien und Bedeutung fĂŒr Verbraucher

Innerhalb der Berliner Koalitionsfraktionen gibt es laut dpa bereits Widerstand gegen die verschĂ€rften PlĂ€ne. Der Hinweis, die zusĂ€tzliche Erhöhung gehe auf eine Koalitionsausschuss-Vereinbarung zurĂŒck und nicht auf Fachpolitiker, verweist auf Spannungen zwischen finanz- und fachpolitischen Linien. FĂŒr Raucher wĂŒrden die PlĂ€ne drastische Mehrbelastungen bedeuten: Eine Standardpackung könnte schrittweise von gut acht auf fast zwölf Euro steigen, Markenzigaretten sogar darĂŒber hinaus. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, ob die prognostizierten Mehreinnahmen tatsĂ€chlich realisiert werden oder ob der Staat bei zu starken PreissprĂŒngen eher an Einnahmen verliert und zusĂ€tzliche Probleme mit illegalen Produkten bekommt.

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