WDH: Moderater Politiker Peseschkian gewinnt Wahl im Iran
07.07.2024 - 15:19:25 | dpa.de(technische Wiederholung)
TEHERAN (dpa-AFX) - Der Iran steht nach dem Wahlsieg des vergleichsweise moderaten PrĂ€sidentschaftskandidaten Massud Peseschkian vor einem möglichen Politikwechsel. Der frĂŒhere Gesundheitsminister setzte sich mit 53,7 Prozent der Stimmen gegen seinen ultrakonservativen Herausforderer Said Dschalili durch, wie der Sprecher der Wahlbehörde in Teheran am Morgen verkĂŒndete. Angesichts der komplexen politischen Gemengelage und mĂ€chtigen Interessengruppen im Iran ist jedoch unklar, inwiefern vom Stichwahlsieger Peseschkian tatsĂ€chlich ein signifikanter Kurswechsel zu erwarten ist.
Das Staatsfernsehen zeigte Bilder von AnhĂ€ngern, die den Wahlsieg des 69-JĂ€hrigen in den frĂŒhen Morgenstunden mit Hupkonzerten feierten. In der Hauptstadt Teheran waren die Reaktionen zunĂ€chst jedoch verhalten.
Der Politiker gehört zum Lager der Reformbewegung. Ihre AnhĂ€nger glauben an den Status quo der Islamischen Republik und wollen das System nach eigenen Angaben von innen reformieren. Dschalili hingegen gehört den sogenannten Fundamentalisten an, dem zweiten groĂen Politik-BĂŒndnis, die oft auch als Hardliner bezeichnet werden.
Peseschkian: Werden allen die Hand reichen
Den Glauben an groĂe innenpolitische VerĂ€nderungen haben die meisten Iraner und vor allem junge Menschen jedoch inzwischen verloren. Reformen des politischen Systems seien nicht möglich, heiĂt es oft resigniert.
"Wir werden allen die Hand der Freundschaft reichen", sagte Peseschkian nach seinem Wahlsieg. "Lasst uns alle am Aufstieg des Landes arbeiten." Auch politische Konkurrenten seien BrĂŒder. Der unterlegene Dschalili gratulierte seinem Kontrahenten am Nachmittag und sagte ihm seine UnterstĂŒtzung zu. Auf der Plattform X schrieb er, er werde Peseschkians "Regierung helfen, um die Probleme zu ĂŒberbrĂŒcken und den Fortschritt des Landes voranzutreiben". Dass die verfeindeten Lager tatsĂ€chlich kooperieren, gilt allerdings als unwahrscheinlich.
Wahlbeteiligung leicht höher als bei der ersten Wahlrunde
Rund 61 Millionen Menschen waren am Freitag dazu aufgerufen, sich in der zweiten Abstimmungsrunde zwischen Peseschkian und Dschalili zu entscheiden. Das Innenministerium verlĂ€ngerte die Möglichkeit zur Stimmabgabe mehrfach bis in die spĂ€ten Abendstunden. Letztlich entschieden sich gut 16,4 Millionen Wahlberechtigte fĂŒr den moderaten Kandidaten Peseschkian, etwa 13,5 Millionen fĂŒr Dschalili.
Wie bereits bei der diesjĂ€hrigen Parlamentswahl waren die Wochen vor der Abstimmung von auffĂ€lliger GleichgĂŒltigkeit geprĂ€gt. In der ersten Runde schlug sich das in einer historisch niedrigen Wahlbeteiligung von rund 40 Prozent nieder. In der zweiten Runde erreichte die Beteiligung dann 49,8 Prozent.
Die vorgezogene Wahl folgte auf den Tod von Amtsinhaber Ebrahim Raisi, der im Mai bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen war. Seine knapp dreijĂ€hrige Regierungszeit war von groĂer politischer Repression, Protestwellen und einer Verschlechterung der Wirtschaftslage geprĂ€gt.
Reformkandidat will Vertrauen des Volkes zurĂŒckgewinnen
Peseschkian stammt aus dem Nordwesten des Landes. WĂ€hrend des Ersten Golfkriegs mit dem Nachbarn Irak absolvierte er ein Medizinstudium und diente zwischenzeitlich auch an der Front. Nach dem Krieg fĂŒhrte er seine Arbeit als Arzt fort und machte in der Millionenmetropole Tabris als Herzchirurg Karriere.
Im Wahlkampf warb der eher unscheinbare Politiker fĂŒr ein neues VertrauensverhĂ€ltnis zwischen Regierung und Volk, denn die meisten Iraner sind nach gescheiterten Reformversuchen maĂlos enttĂ€uscht von der Politik. Wie viele andere Politiker des Reformlagers auch forderte Peseschkian eine Verbesserung der Beziehungen zum Westen, auch um das Land zu öffnen und die angeschlagene Wirtschaft anzukurbeln.
Der Witwer, der Anfang der 90er Jahre seine Ehefrau und einen seiner Söhne bei einem Verkehrsunfall verlor, erschien auf seinen Wahlkampfterminen auch mit Tochter und Enkelkind. Mit seinem BemĂŒhen um Nahbarkeit und dem Wahlkampfslogan "fĂŒr Iran" wollte Peseschkian deutlich machen, dass er sich fĂŒr das Volk einsetze.
Inwieweit er dieses Versprechen einlösen will und kann, ist unklar. Peseschkian bekundete seine uneingeschrĂ€nkte LoyalitĂ€t zu ReligionsfĂŒhrer Ajatollah Ali Chamenei, der in allen strategischen Belangen das letzte Wort hat und der mĂ€chtigste Mann in der Islamischen Republik ist.
WĂ€hrend der zweiten PrĂ€sidentschaft Mohammed Chatamis (2001-2005) sammelte Peseschkian bereits Regierungserfahrung als Gesundheitsminister. Trotz seiner gemĂ€Ăigten Rhetorik stellte er sich hinter die mĂ€chtigen Revolutionsgarden, Irans Elitestreitmacht, und lobte den jĂŒngsten Angriff mit Drohnen und Raketen auf den Erzfeind Israel im April. In den TV-Debatten bezeichnete er sich selbst als wertkonservativen Politiker, der jedoch Reformen fĂŒr notwendig hĂ€lt.
Experte: Symbolischer Erfolg
"Selbst unter AnhĂ€ngern des Regimes gibt es trotzdem bedeutende Massen, die sich fĂŒr einen moderateren Umgang, fĂŒr vorsichtige Reformen aussprechen", sagt der Politikwissenschaftler Tareq Sydiq von der Marburger UniversitĂ€t. Er sieht in Peseschkians Wahlsieg einen symbolischen Erfolg fĂŒr moderate und reformgesinnte KrĂ€fte innerhalb des Irans. "Das wird sicherlich auch innerhalb des Machtsystems zumindest zur Kenntnis genommen werden", sagt der Iran-Experte.
Es sei auch unklar, wie Peseschkian in der Praxis seine Kritik an der Kopftuchpolitik und den scharfen Kontrollen der Moralpolizei umsetzen will. "Ob sich die verschiedenen Machtblöcke von seinen Ideen beeindrucken lassen, ist offen." Insgesamt bleibe aber abzuwarten, ob die eigentlich totgesagte Bewegung der Reformpolitiker wieder an die Macht kommt. Das Parlament ist aktuell mehrheitlich von radikalen Hardlinern dominiert.
Wirtschaftskrise im Fokus der Wahlkampfdebatten
Irans politisches System vereint seit der Revolution von 1979 republikanische und auch theokratische ZĂŒge. Freie Wahlen gibt es jedoch nicht: Der sogenannte WĂ€chterrat, ein mĂ€chtiges islamisches Kontrollgremium, prĂŒft Kandidaten stets auf ihre Eignung. Von 80 PrĂ€sidentschaftsbewerbern lieĂ der WĂ€chterrat diesmal nur sechs als Kandidaten zu.
Anders als in vielen anderen LĂ€ndern ist der PrĂ€sident im Iran nicht das Staatsoberhaupt. Die eigentliche Macht konzentriert sich auf den ReligionsfĂŒhrer, seit 1989 ist das Chamenei. Auch die Revolutionsgarden haben ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluss in den vergangenen Jahrzehnten ausgebaut.
Im Wahlkampf debattierten die Kandidaten vor allem ĂŒber Wege, die gravierende Wirtschaftskrise im Land zu bewĂ€ltigen. Wegen seines umstrittenen Atomprogramms ist der Iran mit internationalen Sanktionen belegt und vom weltweiten Finanzsystem weitgehend abgeschnitten. Das Land benötigt Investitionen in Milliardenhöhe. Daneben diskutierten die Bewerber ĂŒber innenpolitische Themen, Kulturpolitik und den Umgang mit dem Westen.
NichtwÀhler haben Glauben an politische VerÀnderungen verloren
Einige Aktivisten wie die inhaftierte FriedensnobelpreistrĂ€gerin Narges Mohammadi hatten vor der PrĂ€sidentenwahl zum Boykott aufgerufen. Der Tod der jungen Kurdin Jina Masa Amini im Herbst 2022 entfachte landesweite Proteste gegen das islamische Herrschaftssystem. GroĂe StraĂendemonstrationen hat es seitdem nicht mehr gegeben, wohl auch aus Angst vor gewaltsamer Repression. Die EnttĂ€uschung ist jedoch allgegenwĂ€rtig. Viele gebildete Iranerinnen und Iraner mit guten AbschlĂŒssen wollen das Land verlassen.
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