Israel und Hisbollah betonen Kampfbereitschaft - Nacht im Ăberblick
20.06.2024 - 09:56:22(Neu: VollstÀndiges Zitat von Hisbollah-GeneralsekretÀr Nasrallah)
TEL AVIV/BEIRUT (dpa-AFX) - Im Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz im Libanon verschĂ€rfen beide Seiten ihre DrohgebĂ€rden. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah betonte am Mittwochabend die Kampfbereitschaft seiner Schiitenmiliz. "Wenn sie (die Israelis) dem Libanon einen Krieg aufzwingen, wird der Widerstand ohne EinschrĂ€nkungen, Regeln und Grenzen zurĂŒckschlagen", sagte der GeneralsekretĂ€r der Schiitenorganisation bei einer öffentlichen Ansprache. "Israel muss an Land, im Wasser und in der Luft mit uns rechnen", sagte er. Zugleich betonte Nasrallah, dass der Libanon keinen groĂangelegten Krieg mit Israel anstrebe.
Nach der Veröffentlichung mutmaĂlicher Luftaufnahmen von Nordisrael durch die Hisbollah spielte Israels Generalstabschef Herzi Halevi Sorgen ĂŒber die Kompetenzen des eigenen MilitĂ€rs herunter. "Wir haben natĂŒrlich unendlich viel gröĂere FĂ€higkeiten, von denen der Feind meiner Meinung nach nur wenige kennt", sagte er laut Mitteilung vom Mittwochabend. Die Armee stelle sich auf die FĂ€higkeiten der Hisbollah ein.
Erneut gegenseitige Angriffe im Grenzgebiet
Israels MilitĂ€r hatte zuvor nach eigenen Angaben "operative PlĂ€ne fĂŒr eine Offensive im Libanon" genehmigt und damit Sorgen vor einer Eskalation geschĂŒrt. Seit Beginn des Kriegs zwischen Israel und der mit der proiranischen Hisbollah verbĂŒndeten Islamistenorganisation Hamas im Gazastreifen kommt es tĂ€glich zu militĂ€rischen Konfrontationen zwischen Israels Armee und der Hisbollah im Grenzgebiet zwischen Israel und Libanon. Die Lage hat sich zuletzt deutlich zugespitzt. Bei einem israelischen Angriff im SĂŒdlibanon waren am Mittwoch libanesischen Angaben zufolge mindestens drei Mitglieder der Hisbollah getötet worden.
Israels MilitĂ€r bestĂ€tigte den Angriff. Die Hisbollah reklamierte wiederum einen Angriff auf israelische Soldaten in Metulla im Norden Israels fĂŒr sich. Das israelische MilitĂ€r bestĂ€tigte, dass eine Drohne aus dem Libanon in der Gegend um Metulla abgestĂŒrzt sei. Verletzte gab es demnach nicht. Zwar zögerten Israel und die proiranische Schiitenmiliz bislang, ihre Feindseligkeiten in einen gröĂeren Konflikt auszuweiten, doch signalisierten beide Seiten zunehmend die Absicht, ihren Kampf auszuweiten, schrieb das "Wall Street Journal".
Die Genehmigung von PlĂ€nen fĂŒr eine Offensive durch Israels Armee sei "Teil der BemĂŒhungen, der Hisbollah die Botschaft zu ĂŒbermitteln, ihre AktivitĂ€ten einzuschrĂ€nken und ihre Bereitschaft zu zeigen, sich auf eine Art von Lösung zuzubewegen", zitierte die Zeitung Jossi Kuperwasser, ehemaliger Leiter der Forschungsabteilung des israelischen MilitĂ€rgeheimdienstes. Israel will durch militĂ€rischen und diplomatischen Druck erreichen, dass sich die Hisbollah wieder hinter den 30 Kilometer von der Grenze entfernten Litani-Fluss zurĂŒckzieht - so wie es eine UN-Resolution aus dem Jahr 2006 vorsieht. Die proiranische Schiitenmiliz gilt als deutlich schlagkrĂ€ftiger als die Hamas im Gazastreifen.
Armeesprecher: Können die Hamas nicht eliminieren
Dort ist Israel ist nach EinschĂ€tzung von Experten noch weit von einem Sieg ĂŒber die Hamas entfernt. Ein Sprecher der israelischen Armee forderte in einem Interview mit Nachdruck eine politische Vision fĂŒr die Zukunft des Gazastreifens. "Die Hamas ist eine Idee, sie ist eine Partei. Sie ist in den Herzen der Menschen verwurzelt. Wer glaubt, wir könnten die Hamas ausschalten, irrt sich", sagte Armeesprecher Daniel Hagari am Mittwochabend dem israelischen Sender Channel 13. Es mĂŒsse eine Alternative fĂŒr die Hamas auf politischer Ebene gefunden werden, um sie im Gazastreifen zu ersetzen, forderte Hagari in dem Interview weiter. Ansonsten werde die islamistische Terrororganisation weiterbestehen, mahnte er. Ăber die Zerstörung der Hamas zu reden, fĂŒhre die Ăffentlichkeit in die Irre.
Mit den Aussagen weckte er Zweifel am erklĂ€rten Kriegsziel der Regierung von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu: Die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen zu beenden sowie ihre militĂ€rischen FĂ€higkeiten zu zerstören. Die Armee sei "dem natĂŒrlich verpflichtet", hieĂ in einer Mitteilung des BĂŒros des MinisterprĂ€sidenten nach Hagaris ĂuĂerungen. Netanjahu hatte wiederholt vom "totalen Sieg" ĂŒber die Hamas gesprochen. Die Worte des Armeesprechers spiegelten die wachsende Frustration der MilitĂ€rfĂŒhrung ĂŒber das Versagen der Regierung Netanjahu wider, eine Nachkriegsalternative zur Hamas-Herrschaft im Gazastreifen zu entwickeln, schrieb die "New York Times". Bereits vor einem Monat hatte der israelische Verteidigungsminister Joav Galant die Unentschlossenheit seines Landes in der Frage, wer nach dem Krieg in Gaza herrschen soll, scharf kritisiert.
Kein Plan fĂŒr eine Nachkriegsordnung im Gazastreifen
Es mĂŒsse eine politische Alternative zur Herrschaft der Hamas im Gazastreifen geschaffen werden, hatte Galant gefordert. Ohne eine solche Alternative blieben nur zwei negative Optionen, nĂ€mlich eine Fortsetzung der Hamas-Herrschaft oder eine israelische MilitĂ€rherrschaft. Ex-General Benny Gantz verlieĂ kĂŒrzlich das Kriegskabinett, weil die Regierung keinen Plan fĂŒr eine Nachkriegsordnung im Gazastreifen erarbeitet. Bis heute hat Netanjahu einen solchen Plan nicht vorgelegt - wohl auch, um seine ultrarechten Koalitionspartner, von denen sein politisches Ăberleben abhĂ€ngt, nicht vor den Kopf zu stoĂen. Diese fordern eine Wiedererrichtung israelischer Siedlungen im Gazastreifen.
Netanjahu lehnt dies ab. Die USA als Israels wichtigster VerbĂŒndeter wollen, dass die im Westjordanland regierende palĂ€stinensische Autonomiebehörde auch im Gazastreifen wieder die Kontrolle ĂŒbernimmt- und damit auch eine Zweistaatenlösung als umfassenden Ansatz zurBefriedung des Nahen Ostens vorantreiben. Doch auch das lehnt Netanjahu bislang ab. Kritiker werfen ihm vor, mangels eines klaren Plans fĂŒr die Stabilisierung und Verwaltung des Gazastreifens zuzulassen, dass das abgeriegelte KĂŒstengebiet im Chaos versinkt. Israels Armee drohe, von der Hamas in einen endlosen Guerilla-Krieg verwickelt zu werden.
Man mĂŒsse mangels einer politischen Strategie immer wieder an Orten kĂ€mpfen, die die Armee eigentlich zuvor eingenommen hatte, beklagte erst unlĂ€ngst Israels Generalstabschef Halevi und warnte laut Medienberichten vor einer "Sisyphusarbeit". Sein MilitĂ€rsprecher Hagari warnte in dem Channel 13-Interview nun auĂerdem, dass es nicht möglich sei, alle im Gazastreifen noch festgehaltenen Geiseln durch ArmeeeinsĂ€tze zu befreien. Die Hamas weiĂ nach kĂŒrzlichen Angaben ihres Sprechers Osama Hamdan nicht, wie viele der rund 120 in Gaza vermuteten Geiseln noch leben. BefĂŒrchtet wird, dass ein GroĂteil von ihnen tot ist.
Das "Wall Street Journal" berichtete am frĂŒhen Donnerstag unter Berufung auf Vermittler bei den indirekten Geiselverhandlungen sowie auf einen mit US-Geheimdienstinformationen vertrauten US-Beamten, dass die Zahl der noch lebenden Geiseln bei nur 50 liegen könnte. Diese EinschĂ€tzung stĂŒtze sich zum Teil auf israelische Geheimdienstinformationen. Seit Monaten laufen BemĂŒhungen, durch indirekte Verhandlungen Israel zu einer Waffenruhe und die Hamas zur Freilassung der israelischen Geiseln zu bewegen - bislang ohne Erfolg.

