Konjunktur, Zusammenfassung

Inflation sinkt im August deutlich - Bald auch die Zinsen?

29.08.2024 - 15:45:41

und die EinschĂ€tzung von Ökonomen.)WIESBADEN - Die Verbraucherpreise in Deutschland sind im August so langsam gestiegen wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr.

(Neu: Aussagen von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die EinschĂ€tzung von Ökonomen.)

WIESBADEN (dpa-AFX) - Die Verbraucherpreise in Deutschland sind im August so langsam gestiegen wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. Die Inflationsrate lag bei 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Vor allem Energie war nach den vorlĂ€ufigen Auswertungen billiger als vor einem Jahr, wĂ€hrend die Preise fĂŒr Dienstleistungen ĂŒberdurchschnittlich gestiegen sind. Lebensmittel sind nur noch um 1,5 Prozent teurer geworden.

Die Bundesregierung begrĂŒĂŸt die von vielen Ökonomen vorhergesagte Entwicklung. "Die Leute haben wieder mehr Geld im Portemonnaie", schreibt Kanzler Olaf Scholz (SPD) auf dem Kurznachrichtendienst X. "Die Inflation sinkt, die Reallöhne steigen das fĂŒnfte Quartal in Folge."

Der Preisdruck auf die Verbraucher geht nach mehreren Jahren mit sehr hohen Inflationsraten zurĂŒck. Noch im Juli hatten die Statistiker einen Anstieg der Verbraucherpreise um 2,3 Prozent verzeichnet nach 2,2 Prozent im Juni und 2,4 Prozent im Mai. Zuletzt wurde im MĂ€rz 2021 eine niedrigere Teuerungsrate erfasst als im August, in dem die Preise auch 0,1 Prozent niedriger waren als im Juli. Die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel ging um 0,1 Punkte auf 2,8 Prozent zurĂŒck.

Vorlage fĂŒr EZB zur Zinssenkung

Die deutsche SchnellschĂ€tzung biete der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB) alle Voraussetzungen fĂŒr eine weitere Zinssenkung im September, schreibt Chefvolkswirt Carsten Breszki von der ING Bank. Angesichts weiter zu erwartender Lohnsteigerungen sei es aber noch zu frĂŒh, von einem dauerhaften Trend zu sprechen. Die Inflation werde sich weiterhin in einer Spanne zwischen zwei und drei Prozent bewegen, statt am unteren Rand dieser Spanne zu verharren. An diesem Freitag veröffentlicht die EuropĂ€ische Statistikbehörde Eurostat zudem ihre SchĂ€tzung zur Inflation im Euroraum, die etwas höher erwartet wird, als in Deutschland.

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater mahnt die Zentralbank zur Vorsicht: "Ende des Jahres werden die Inflationsraten absehbar wieder leicht ansteigen. Maßvolle Zinssenkungen in diesem und in kommenden Jahr sind deshalb die beste Antwort der WĂ€hrungshĂŒter auf die Beruhigung des Inflationsumfeldes."

EZB-Zinsentscheidung im September

Sollte die Inflation im Jahresverlauf in Deutschland und im Euroraum insgesamt sinken, gĂ€be das der EuropĂ€ischen Zentralbank Spielraum fĂŒr Leitzinssenkungen. Sie hat im Juni erstmals seit der Inflationswelle die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Im Juli hielt die EZB die Leitzinsen stabil und ließ die TĂŒr fĂŒr eine Zinssenkung bei der Ratssitzung am 12. September offen. An den FinanzmĂ€rkten wird im September mit einer Zinssenkung der EZB gerechnet.

GrundsĂ€tzlich sieht die EZB bei einer Inflationsrate von mittelfristig zwei Prozent PreisstabilitĂ€t gewahrt. Geringere Raten oder gar sinkende Verbraucherpreise (Deflation) bergen die Gefahr, dass Unternehmen wie Konsumenten ihre Investitionen und Anschaffungen verschieben, weil sie noch niedrigere Preise erwarten. Das hĂ€tte negative Folgen fĂŒr das Wirtschaftswachstum.

Ökonomen hatten bereits zuvor mit einem RĂŒckgang der Inflation gerechnet. So erwartet das MĂŒnchner Ifo-Institut fĂŒr die kommenden Monate eine Inflationsrate unter zwei Prozent in Deutschland. Basis ist eine ebenfalls am Donnerstag veröffentlichte Umfrage unter Unternehmen zu ihren PreisplĂ€nen.

Konsum der Verbraucher springt bislang nicht an

Die Inflation lastet bislang auf der Kauflaune der Verbraucher. Trotz gestiegener Löhne halten viele Menschen ihr Geld weiter zusammen. Im zweiten Quartal gab der private Konsum nach Angaben des Statistischen Bundesamts um 0,2 Prozent zum Vorquartal nach. Zudem trĂŒbte sich im August die Stimmung der Verbraucher ein, wie die Konsumklimastudie der NĂŒrnberger Institute GfK und NIM zeigt.

Reallöhne steigen stark

Auf lĂ€ngere Sicht ist die Kaufkraft der Verbraucher wĂ€hrend der Inflationswelle gesunken. Doch Deutschlands Arbeitnehmer machen die Kaufkraftverluste aus den Hochinflationszeiten zunehmend wett. Im zweiten Quartal ĂŒbertrafen die Steigerungen der Bruttolöhne das fĂŒnfte Mal in Folge die Entwicklung der Verbraucherpreise. Die Reallohnsteigerung fĂŒr das zweite Quartal beziffert das Statistische Bundesamt auf 3,1 Prozent.

Angesichts der krĂ€ftigen GehaltszuwĂ€chse bleibt der private Konsum die wichtigste Hoffnung fĂŒr die deutsche Wirtschaft, die im zweiten Quartal um 0,1 Prozent schrumpfte. FĂŒr die zweite JahreshĂ€lfte erwarten Ökonomen nur wenig Besserung. Die Deutsche Bundesbank erwartet fĂŒr das laufende Jahr nur ein Mini-Wachstum von 0,3 Prozent.

TrĂŒgerische Hoffnung

Die Hoffnung, dass die sinkende Inflationsrate jetzt den Konsum anfacht, dĂŒrfte trĂŒgen, meint aber der Ökonom Friedrich Heinemann vom Wirtschaftsinstitut ZEW in Mannheim. "Die Dienstleistungsinflation ist fĂŒr viele Menschen sehr stark sichtbar und verunsichert weiterhin. Die neuen Zahlen signalisieren somit einen Zwischenerfolg, aber noch keinen Durchbruch in Richtung PreisstabilitĂ€t."

Auch Volkswirt Sebastian Becker von der Deutschen Bank sieht noch Probleme, selbst wenn die Jahresteuerungsrate auch im September und Oktober unterhalb der Zwei-Prozent-Marke verharren sollte. Sie dĂŒrfte spĂ€testens zum Jahresende hin wieder in Richtung von 2,5 Prozent klettern. "Dies zeigt, dass der weitere Verlauf etwas holprig sein dĂŒrfte und das Inflationsproblem noch nicht vollstĂ€ndig gelöst ist."

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