Grenzsystem, Schengen

Lange Wartezeiten am Flughafen: Das mĂŒssen Reisende wissen

04.07.2026 - 05:30:05 | dpa.de

Verpasste FlĂŒge, Schlangen bis aufs Rollfeld: Das neue EU-Grenzsystem bringt Reisende ins Schwitzen. Warum sogar Deutschlands MusterschĂŒler-Status nicht vor Wartezeiten schĂŒtzt.

  • Im Sommer-Hochbetrieb sorgt das neue EU-Grenzverfahren fĂŒr zusĂ€tzliche Wartezeiten am Flughafen. (Symbolbild) - Bild: Andreas Arnold/dpa
    Im Sommer-Hochbetrieb sorgt das neue EU-Grenzverfahren fĂŒr zusĂ€tzliche Wartezeiten am Flughafen. (Symbolbild) - Bild: Andreas Arnold/dpa
  • Der Frankfurter Flughafen ist die grĂ¶ĂŸte Schengen-Außengrenze in Deutschland. (Archivbild) - Bild: Boris Roessler/dpa
    Der Frankfurter Flughafen ist die grĂ¶ĂŸte Schengen-Außengrenze in Deutschland. (Archivbild) - Bild: Boris Roessler/dpa
Im Sommer-Hochbetrieb sorgt das neue EU-Grenzverfahren fĂŒr zusĂ€tzliche Wartezeiten am Flughafen. (Symbolbild) - Bild: Andreas Arnold/dpa Der Frankfurter Flughafen ist die grĂ¶ĂŸte Schengen-Außengrenze in Deutschland. (Archivbild) - Bild: Boris Roessler/dpa

Die europĂ€ischen FlughĂ€fen sehen einen kritischen Punkt erreicht. Ihr Verband ACI berichtet von Wartezeiten von bis zu 5 Stunden fĂŒr Passagiere, Menschenschlangen in TerminalgebĂ€uden und auf dem Flughafenvorfeld, verpassten AnschlussflĂŒgen. Ursache soll neben dem starken Passagierandrang im Sommer das neue Grenzsystem der EU sein, das an den Schengen-Außengrenzen zu aufwĂ€ndigeren Kontrollen einzelner Reisender fĂŒhrt. 

Um welche Kontrollen geht es? 

Zum besseren Schutz ihrer Außengrenzen hat die EU seit Oktober 2025 schrittweise ein neues digitales Verfahren zur Ein- und Ausreise (Entry-Exit-System - EES) von BĂŒrgern eingefĂŒhrt, die nicht aus dem Schengenraum kommen. Bei diesen Menschen werden vor jedem GrenzĂŒbertritt biometrische Merkmale (Fingerabdruck, Foto) und Passdaten erfasst, was pro Person derzeit lĂ€nger dauert als das frĂŒhere Verfahren. Der Stempel im Pass entfĂ€llt hingegen. Schon in den ersten Monaten wurden laut EU-Kommission tausende Einreisen verweigert und hunderte VerdĂ€chtige identifiziert. 

Wo hakt es beim EES-System bislang? 

Das Problem ist vor allem, dass die Schritte des neuen Verfahrens bislang meist am Flughafen stattfinden mĂŒssen. Vor dem eigentlichen GrenzĂŒbertritt sind sogenannte Self-Service-Kioske eingerichtet, an denen sich die Reisenden selbst vorregistrieren mĂŒssen. Die dafĂŒr nötige Infrastruktur scheint nicht von allen MitgliedslĂ€ndern gleichermaßen gut vorbereitet worden zu sein. Eine entsprechende EU-App, mit der Reisende ihre Daten und Merkmale schon vorab eingeben können, ist bislang nur von Schweden und Portugal ĂŒbernommen worden. «Die Kontrollen dauern einfach lĂ€nger», sagt ein Sprecher der Bundespolizei. Ausreichend Personal stelle man zur VerfĂŒgung. 

Was gilt fĂŒr BĂŒrger aus dem Schengenraum? 

Zum Schengenraum gehören die Kernterritorien von 25 EU-Staaten sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Deutsche und Staatsangehörige der anderen MitgliedslĂ€nder mĂŒssen bei Ein- und Ausreise nicht durch das neue EU-Grenzsystem. Bei Reisen ins Schengen-Ausland stehen den Menschen andere Kontroll-Verfahren zur VerfĂŒgung. Die Bundespolizei Frankfurt empfiehlt die Teilnahme an dem vollautomatischen System Easypass. Hier wird kurz der Pass gescannt und live mit dem Gesicht des oder der Reisenden abgeglichen. Grenzbeamte greifen nur noch bei ZweifelsfĂ€llen oder zu Stichproben ein. Zu lĂ€ngeren Wartezeiten komme es dort nicht. 

Wie haben die EU-Staaten bislang reagiert? 

Besonders FlughĂ€fen in klassischen UrlaubslĂ€ndern wie Griechenland, Portugal und Italien, aber auch Frankreich und Belgien setzten die Erfassung biometrischer Daten immer wieder aus. Wohl auch um Urlauber und Touristen vor allem aus Großbritannien nicht weiter zu verĂ€rgern. Britischen Medienberichten zufolge reduzierten etwa griechische und portugiesische FlughĂ€fen die Kontrollen auf das Nötigste, um die Reisenden nicht abzuschrecken. 

Die Aussetzung von Teilen der Kontrollen ist nach EU-Regeln erlaubt, wenn etwa die notwendigen KapazitĂ€ten fehlen und sich große Schlangen bilden. Eigentlich nur fĂŒr sechs Stunden, allerdings kann die temporĂ€re Ausnahme beliebig oft und hintereinander wiederholt werden. 

Wie lÀuft es in Deutschland? 

Vergleichsweise gut. Die EU hat Deutschland vor einigen Wochen sogar als MusterschĂŒler bezeichnet. Aber auch hier sind nach Angaben der Bundespolizei die Kontrollen in EinzelfĂ€llen schon ausgesetzt worden. Der Frankfurter Flughafen bittet EES-Reisende, mindestens drei Stunden vor Abflug am Terminal zu sein. 

Schlangen an der Ausreise bilden sich immer wieder. Der Betreiber Fraport versucht zu verhindern, dass sich EU-BĂŒrger falsch einreihen und so unnötige Wartezeiten erdulden mĂŒssten. In den Terminals sind dafĂŒr eine grĂ¶ĂŸere Zahl von Lotsen und anderen ServicekrĂ€ften unterwegs. Nach EinschĂ€tzung der Berliner Flughafen-Chefin und ADV-Vorsitzenden Aletta von Massenbach sind die Abfertigungszeiten deutlich angestiegen und es komme zu «unzumutbar langen Wartezeiten». 

Wie beurteilt die EU-Kommission die Situation? 

Trotz immer wieder aufflammender Kritik hĂ€lt die EuropĂ€ische Kommission seit Monaten an ihrer Bewertung fest: GrundsĂ€tzlich laufe das System gut. In den meisten EU-Staaten seien die Auswirkungen auf Reisende begrenzt, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Wo MitgliedslĂ€nder nicht in der Lage seien, die nötige Infrastruktur und KapazitĂ€t bereitzustellen, sei die EU-Kommission bereit zu unterstĂŒtzen. Zudem soll es im Hinblick auf die Sommerreisezeit in den nĂ€chsten Tagen ein Treffen mit Vertretern der Branche geben, fĂŒgte er hinzu. GrundsĂ€tzlich hatten demnach alle MitgliedslĂ€nder vor EinfĂŒhrung des neuen EU-Grenzsystems ihre Bereitschaft signalisiert. 

KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen rĂ€umte am Freitag ein, dass es noch einiges zu tun gebe, um gemeinsam mit den Mitgliedstaaten technische Probleme zu lösen. Das System habe aber nicht die Regeln zur Ein- und Ausreise geĂ€ndert, sondern sorge fĂŒr Transparenz. 

Was fordern die FlughÀfen? 

Der europĂ€ische Flughafenverband ACI verlangt, dass Mitgliedstaaten zumindest in den Hauptreisemonaten Juli und August die Kontrollen vollstĂ€ndig aussetzen dĂŒrfen. Zudem mĂŒsse ein vorlĂ€ufiger Mechanismus eingerichtet werden, der es den Grenzkontrollbehörden erlaubt, das Verfahren bei besonders großem Andrang anzuhalten. Dieser Mechanismus solle erst wieder abgeschafft werden, wenn das EES und die Vorregistrierungs-App ĂŒberall voll funktionsfĂ€hig seien. 

Der deutsche Flughafenverband ADV fordert Bundesinnenministerium und Bundespolizei auf, die bestehenden FlexibilitĂ€tsmöglichkeiten konsequent zu nutzen. Von Massenbach sagt: «Europas Sicherheitsarchitektur muss hohe Sicherheitsstandards gewĂ€hrleisten, ohne die LeistungsfĂ€higkeit des Luftverkehrs und die ReisequalitĂ€t fĂŒr internationale Passagiere unnötig zu beeintrĂ€chtigen.»

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