Weihnachten, Deutschland

Wie Temu und Shein dem Einzelhandel vor Weihnachten zusetzen

06.12.2025 - 04:00:54

Viele Menschen in Deutschland kaufen ihre Weihnachtsgeschenke bei asiatischen Shoppingportalen - zum Ärger des Handels. Wie groß ist der Schaden?

  • Temu und Shein zĂ€hlen in Deutschland zu den beliebtesten Online-MarktplĂ€tzen. (Symbolbild) - Foto: Oliver Berg/dpa

    Oliver Berg/dpa

  • Das WeihnachtsgeschĂ€ft ist fĂŒr den Einzelhandel eine besonders wichtige Zeit. (Symbolbild) - Foto: Thomas Frey/dpa

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Temu und Shein zĂ€hlen in Deutschland zu den beliebtesten Online-MarktplĂ€tzen. (Symbolbild) - Foto: Oliver Berg/dpaDas WeihnachtsgeschĂ€ft ist fĂŒr den Einzelhandel eine besonders wichtige Zeit. (Symbolbild) - Foto: Thomas Frey/dpa

263 Euro - so viel Geld möchten die Menschen in Deutschland im Schnitt fĂŒr Weihnachtsgeschenke ausgeben. Das geht aus einer YouGov-Umfrage hervor. Gute Aussichten fĂŒr den Handel könnte man denken. Das WeihnachtsgeschĂ€ft kommt jedoch bislang nicht recht in Schwung. Die Branche hat nicht nur mit der KaufzurĂŒckhaltung zu kĂ€mpfen, sondern auch damit, dass viele ihr Geld woanders ausgeben. Vor allem asiatische Portale nehmen den EinzelhĂ€ndlern UmsĂ€tze weg, wie mehrere Untersuchungen zeigen:

Jeder FĂŒnfte kauft Weihnachtsgeschenke bei Temu, Shein & Co.

Gut jeder Achte in Deutschland (12 Prozent) hat laut YouGov bereits Weihnachtsgeschenke bei Temu, Shein oder AliExpress gekauft. Fast jeder Zehnte (9 Prozent) plant dies noch. Besonders gefragt sind Mode, Weihnachtsdeko, Spielzeug und Haushaltswaren. Die HĂ€lfte der KĂ€ufer gibt bis zu 100 Euro bei den Portalen aus, ein weiteres Viertel zwischen 100 und 199 Euro, 14 Prozent geben mehr aus.

UmsÀtze von bis zu einer Milliarde Euro

Der Handelsverband Deutschland (HDE) schĂ€tzt, dass Temu und Shein im November und Dezember hierzulande einen Umsatz von bis zu einer Milliarde Euro erzielen. «Diese VerkĂ€ufe entgehen den HĂ€ndlerinnen und HĂ€ndlern in Deutschland», sagt HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Stefan Genth. Jeder verlorene Euro hinterlasse Spuren, da das WeihnachtsgeschĂ€ft ĂŒber den Erfolg des GeschĂ€ftsjahres entscheide.

Insgesamt rechnet der Verband in den beiden Monaten mit 126 Milliarden Euro Umsatz - inflationsbereinigt wĂ€re das etwa so viel wie im Vorjahr. Die Wochen vor dem Heiligabend sind fĂŒr die Branche die wichtigsten des Jahres, aber viele Unternehmen erwarten ein schwaches GeschĂ€ft. Laut einer HĂ€ndler-Umfrage des HDE rechnet nur jeder Zehnte damit, dass das WeihnachtsgeschĂ€ft besser verlĂ€uft als im Vorjahr. Jeder Zweite geht von einer Verschlechterung aus. 

Modebranche besonders betroffen

«Temu und Shein belasten vor allem die ModehĂ€ndler, die im vergleichbaren Preissegment tĂ€tig sind, also vor allem preisorientierte Formate, aber durchaus auch mittelpreisige ModehĂ€user», sagt Axel Augustin, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Branchenverbandes BTE. Der Verband schĂ€tzt, dass der Branche wegen der asiatischen Shops in diesem Jahr ĂŒber drei Milliarden Euro Umsatz entgehen. Im WeihnachtsgeschĂ€ft sei das besonders schmerzhaft, so Augustin. Die Modebranche kĂ€mpft bereits seit lĂ€ngerem mit einer schwachen Nachfrage.

Rabattaktionen verlieren an Reiz

Wie groß die Anziehungskraft von Temu, Shein & Co. ist, lĂ€sst sich auch rund um den Black Friday beobachten. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts IFH Köln verlieren die Rabatttage Ende November fĂŒr viele Kunden zunehmend an Reiz. Jeder Dritte gibt dies in einer Umfrage an, bei JĂŒngeren sogar jeder Zweite. Ein Teil der Verbraucher verzichtet bewusst auf die Aktionstage. Ein Grund: Asiatische Shops bieten das ganze Jahr ĂŒber niedrige Preise. 23 Prozent der Befragten sagen das, unter JĂŒngeren noch mehr.

Preisbewusstsein versus Bedenken

Wie ist der Erfolg der asiatischen Online-Plattformen zu erklĂ€ren? Die Weihnachtszeit ist erneut stark vom Sparen geprĂ€gt. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Oliver Wyman wollen 39 Prozent der Verbraucher weniger fĂŒr WeihnachtseinkĂ€ufe ausgeben. 

Temu und Shein punkten vor allem mit niedrigen Preisen, sagt Ralf Deckers vom IFH Köln. Zudem bieten die Portale Produkte, die hierzulande kaum zu finden seien. Laut YouGov-Umfrage kaufen Konsumenten dort, weil sie eine riesige Auswahl finden (71 Prozent), regelmĂ€ĂŸig angebotene Rabatte nutzen (54 Prozent) und Freude am Stöbern haben (44 Prozent).

Die Vorbehalte zeigen sich in den GrĂŒnden, die von Menschen angegeben werden, die dort nicht bestellen. 45 Prozent zweifeln an der QualitĂ€t, 41 Prozent sorgen sich um ihre Gesundheit. 32 Prozent bemĂ€ngeln fehlende Sicherheitsstandards, 27 Prozent nennen ethische Bedenken wie Arbeitsbedingungen oder Umwelt. 23 Prozent möchten lokale HĂ€ndler unterstĂŒtzen, 19 Prozent fĂŒrchten das Risiko von Plagiaten und FĂ€lschungen.

Rainer MĂŒnch, Handelsexperte bei Oliver Wyman, sagt: «Trotz aller Kritik haben sich Temu und Shein bei den Verbrauchern in Deutschland fest als EinkaufsstĂ€tte etabliert.» Das Preis-Leistungs-VerhĂ€ltnis sei fĂŒr viele unschlagbar.

Asiatische Portale wachsen immer weiter

Die großen asiatischen Anbieter Temu, Shein und AliExpress haben ihr GeschĂ€ft deutlich ausgebaut, wie Zahlen des E-Commerce-Verbandes Bevh belegen. Die drei Unternehmen erzielten 2025 in Deutschland pro Quartal zusammen ĂŒber 800 Millionen Euro Umsatz - deutlich mehr als in den VorjahreszeitrĂ€umen. Ihr Marktanteil im deutschen Onlinehandel betrĂ€gt inzwischen rund fĂŒnf Prozent. 

Laut HDE werden tĂ€glich etwa 400.000 Pakete von Shein und Temu nach Deutschland verschickt. Der Verband beklagt mangelhafte ProduktqualitĂ€t und unfaire Wettbewerbsbedingungen. Er fordert eine strengere Regulierung, schĂ€rfere Kontrollen sowie mehr Personal fĂŒr den Zoll.

Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel steigt

Der deutsche Einzelhandel steckt in der Krise, die Lage spitzte sich zuletzt zu. Von August 2024 bis August 2025 registrierte Allianz Trade 2.490 Insolvenzen – der höchste Wert seit Oktober 2016. «Der kometenhafte Aufstieg» der asiatischen Portale erhöhe den Wettbewerbsdruck auf hiesige EinzelhĂ€ndler enorm und habe zum Anstieg der Insolvenzen beigetragen, sagt Branchenexperte Guillaume Dejean.

@ dpa.de