ROUNDUPUSA, Deal

Deal in Reichweite - Israel aber weiter unnachgiebig

05.09.2024 - 06:25:07

WĂ€hrend die US-Regierung eine Vereinbarung zwischen Israel und der islamistischen Hamas fĂŒr eine Waffenruhe und Geisel-Freilassung in Reichweite sieht, bleibt Israels MinisterprĂ€sident Netanjahu bei Fragen rund um einen Abzug israelischer Truppen aus dem Gazastreifen unnachgiebig.

Nach Angaben der US-Regierung steht ein Deal zu 90 Prozent. "Der Deal hat insgesamt 18 AbsĂ€tze. 14 dieser AbsĂ€tze sind fertig", sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter. Neben einer israelischen TruppenprĂ€senz im Gazastreifen seien allerdings auch die Bedingungen fĂŒr einen Austausch von israelischen Geiseln und palĂ€stinensischen HĂ€ftlingen bisher nicht gĂ€nzlich geklĂ€rt. Die Hamas forderte erneut, mehr Druck auf Netanjahu auszuĂŒben.

Außenministerin Annalena Baerbock brach mit klaren Forderungen an den VerbĂŒndeten Israel zu einer zweitĂ€gigen Nahost-Reise auf. Erneut verlangte die GrĂŒnen-Politikerin, alle Anstrengungen auf einen humanitĂ€ren Waffenstillstand zu richten, der zur Befreiung der Geiseln fĂŒhre und das Sterben beende. "Es gibt weder fĂŒr Gaza noch die Lage im Westjordanland eine militĂ€rische Lösung", betonte sie vor den KrisengesprĂ€chen in Saudi-Arabien, Jordanien und Israel an diesem Donnerstag und Freitag.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erhebt indes schwere VorwĂŒrfe gegen die israelische Armee wegen der Zerstörung landwirtschaftlicher FlĂ€chen und HĂ€user.

Israels Premier hÀlt am Philadelphi-Korridor fest

Israels MinisterprĂ€sident Netanjahu machte am Mittwochabend in Jerusalem erneut klar, dass er an einer dauerhaften PrĂ€senz israelischer Truppen am sogenannten Philadelphi-Korridor festhalten werde. Dabei handelt es sich um einen etwa 14 Kilometer langen Streifen an der Grenze des Gazastreifen zu Ägypten, dessen Kontrolle nach Netanjahus Darstellung gewĂ€hrleisten soll, dass die Hamas keine Waffen in den abgeriegelten KĂŒstenstreifen schmuggeln kann. "Die RĂ€umung des Philadelphi-Korridors trĂ€gt nichts zur Freilassung der Geiseln bei", sagte er vor internationalen Medien.

Bei dem Angriff der Hamas und anderer islamistischer Gruppen am 7. Oktober 2023 auf Israel waren mehr als 1.200 Menschen getötet und etwa 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt worden. Israel reagierte darauf mit Luftangriffen und einer Bodenoffensive in Gaza. Nach israelischer ZÀhlung sind noch 101 Menschen in der Hand der Hamas. Wie viele von ihnen noch leben, ist unklar.

Die indirekten Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas, bei denen neben den USA auch Katar und Ägypten vermitteln, um eine Waffenruhe und eine Freilassung der Geiseln zu erreichen, kommen seit Monaten nicht voran.

Der US-Regierungsvertreter betonte, im Abkommen werde der Philadelphi-Korridor nicht explizit erwĂ€hnt. Vorgesehen sei darin aber der RĂŒckzug des israelischen MilitĂ€rs aus allen dicht besiedelten Gebieten im Gazastreifen, und es sei zu einem Streit darĂŒber gekommen, ob der Philadelphi-Korridor dazu gehöre. "Aufgrund dieser Meinungsverschiedenheit haben die Israelis in den vergangenen Wochen einen Vorschlag unterbreitet, mit dem sie ihre PrĂ€senz in diesem Korridor erheblich reduzieren wĂŒrden", betonte er. Erst in der zweiten Phase des Deals sei ein kompletter Abzug der israelischen KrĂ€fte vorgesehen.

Netanjahu: Hamas darf sich nicht ĂŒber Grenze bewaffnen

Netanjahu stellte das vor den Medienvertretern anders dar. Man möge ihm "irgendjemanden" bringen, der effektiv gewĂ€hrleisten könne, dass sich die Hamas ĂŒber die Gaza-Ägypten-Grenze nicht erneut bewaffnet, sagte er. Dann könne man ĂŒber einen Abzug des israelischen MilitĂ€rs reden. "Aber ich sehe das nicht kommen, und solange das nicht kommt, bleiben wir dort", fĂŒgte er hinzu.

Kritiker werfen Netanjahu vor, die strategische Bedeutung des Philadelphi-Korridors ĂŒberzubewerten, um das Zustandekommen einer Waffenruhe zu verhindern. Sie gehen davon aus, dass Netanjahus rechtsextreme Regierungspartner ZugestĂ€ndnisse an die Hamas ablehnen und seine Koalition zum Platzen bringen könnten. Netanjahu bestreitet, davon beeinflusst zu sein.

"Wir brauchen keine neuen VorschlĂ€ge", teilte indes die Hamas auf ihrer Webseite mit. "Jetzt gilt es, Druck auf Netanjahu und seine Regierung auszuĂŒben und sie zur Einhaltung der Vereinbarungen zu zwingen." Netanjahu dĂŒrfe die Verhandlungen nicht verzögern, "um die Aggression gegen unser Volk zu verlĂ€ngern."

Auch Mitglieder des UN-Sicherheitsrates drĂ€ngten Israel und die Hamas zu einer Einigung ĂŒber eine Waffenruhe. "Wir wissen, dass der beste Weg, die verbleibenden Geiseln zu retten und das Leid der palĂ€stinensischen Zivilisten zu lindern, ein ausgehandelter Waffenstillstand ist", sagte die amerikanische UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield.

Amnesty erhebt VorwĂŒrfe gegen israelische Armee

Amnesty International wirft dem israelischen MilitĂ€r derweil vor, nach Erlangung der Kontrolle im östlichen Gazastreifen systematisch landwirtschaftliche FlĂ€chen und Tausender HĂ€user in diesem Gebiet zerstört zu haben. Dieses Vorgehen, eine "Pufferzone" entlang der östlichen Abgrenzung des besetzten Gazastreifens erheblich auszuweiten, mĂŒsse als Kriegsverbrechen untersucht werden, fordert die Menschenrechtsorganisation. Eigene Recherchen zeigten, dass es sich dabei möglicherweise um die Kriegsverbrechen der mutwilligen Zerstörung und Kollektivbestrafung handele. Das israelische MilitĂ€r rechtfertigt den Abriss von GebĂ€uden im Gazastreifen unter anderem damit, dadurch Tunnel und andere terroristische Infrastruktur zu zerstören.

Ermordete Geisel im Hamas-Propagandavideo

Die Angehörigen einer in der Vorwoche ermordeten Geisel stimmten derweil der Veröffentlichung eines Videos zu, das die Hamas kurz vor dem Tod der 40-jĂ€hrigen Carmel Gat zu Propagandazwecken mit ihr angefertigt hatte. Darin fordert sie die Israelis auf, fĂŒr ein Waffenruheabkommen zu demonstrieren. "WĂ€hrend wir sie nicht retten konnten, können wir immer noch die anderen Geiseln retten. Wir brauchen dringend einen Deal jetzt, bevor es zu spĂ€t ist", sagte ihr Cousin Gil Dickmann. Gat war zusammen mit fĂŒnf anderen Geiseln - vier MĂ€nner und einer Frau - von Terroristen der Hamas erschossen worden. Israelische SicherheitskrĂ€fte hatten ihre Leichen wenige Tage danach in einem Tunnel gefunden.

Gewalt der Besatzer radikalisiert junge Generation

Baerbock warnte vor ihrer Nahost-Reise vor einer weiteren Eskalation der Gewalt im besetzten Westjordanland. Israel hatte vergangene Woche eine großangelegte MilitĂ€raktion im nördlichen Westjordanland begonnen. Ein israelischer Armeesprecher begrĂŒndete das Vorgehen mit einer deutlich gestiegenen Zahl von AnschlĂ€gen auf Israelis. Zugleich nahm die Gewalt extremistischer israelischer Siedler im Westjordanland zu. Die Lage in dem seit 1967 besetzten Gebiet hat sich seit Beginn des Gaza-Kriegs deutlich verschĂ€rft.

@ dpa.de