Biden verlangt Feuerpause im Gaza-Krieg - Die Nacht im Ăberblick
10.03.2024 - 11:35:08 | dpa.deEin Schiff der spanischen Hilfsorganisation Open Arms soll zum Auftakt eines von EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen angekĂŒndigten Seekorridors zunĂ€chst rund 200 Tonnen Lebensmittel wie Reis und Mehl von Zypern aus transportieren und in den nĂ€chsten Tagen eintreffen, wie der britische Sender BBC meldete. Wo genau es anlanden und wie die Hilfe dann zu den Menschen gelangen soll, war zunĂ€chst unklar. Unterdessen mahnte US-PrĂ€sident Joe Biden erneut eine Waffenruhe an. "Ich will eine Feuerpause sehen, beginnend mit einem groĂen Gefangenenaustausch. FĂŒr einen Zeitraum ĂŒber sechs Wochen", sagte Biden am Samstagabend (Ortszeit) dem US-Sender MSNBC.
Biden: Keine weiteren 30 000 Todesopfer in Gaza zulassen
Israel treibt trotz der laufenden Verhandlungen ĂŒber eine Waffenruhe Vorbereitungen fĂŒr eine Bodenoffensive in Rafah im SĂŒden Gazas voran, um die verbliebenen Hamas-Bataillone zu zerschlagen und dort vermutete Geiseln zu befreien. In der an Ăgypten grenzenden Stadt suchen derzeit 1,5 Millionen verzweifelte PalĂ€stinenser auf engstem Raum Schutz vor den KĂ€mpfen in anderen Gebieten des abgeriegelten KĂŒstengebiets. Es dĂŒrfe nicht zugelassen werden, dass als Konsequenz aus dem Vorgehen gegen die Hamas weitere 30 000 PalĂ€stinenser sterben, mahnte Biden in dem Interview auf die Frage, ob eine Bodenoffensive in Rafah fĂŒr ihn eine rote Linie darstelle. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden bislang schon mehr als 30 000 Menschen in Gaza getötet. Bei propalĂ€stinensischen Demonstrationen in Paris und London forderten am Samstag Medienberichten zufolge Zehntausende von Menschen eine sofortige Waffenruhe.
Israels Geheimdienst: Hamas will Region im Ramadan in Brand setzen
Die Hamas ist jedoch nach EinschĂ€tzung des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad derzeit an keiner Waffenruhe interessiert. Vielmehr sei die islamistische Organisation bestrebt, "die (Nahost-)Region im Ramadan in Brand zu setzen", sagte Mossad-Chef David Barnea in einer ErklĂ€rung, die das MinisterprĂ€sidentenamt am Samstagabend veröffentlichte. Zugleich bleibe Israel mit den Vermittlern USA, Katar und Ăgypten in Verbindung und kooperiere mit ihnen, hieĂ es. "Wir haben nicht erklĂ€rt, dass die Verhandlungen eingestellt wurden", sagte Husam Badran, Mitglied des PolitbĂŒros der Islamisten-Organisation, am Samstag der US-Zeitung "Wall Street Journal". Der Zeitung zufolge sollen die GesprĂ€che am Sonntag in Kairo fortgesetzt werden. Die arabischen UnterhĂ€ndler planten, auf eine zunĂ€chst kĂŒrzere Feuerpause von zwei Tagen zu Beginn des Ramadan zu drĂ€ngen. Der Fastenmonat, eine den Muslimen besonders heilige Zeit, beginnt voraussichtlich am Sonntagabend.
USA bereiten Bau provisorischer Hafenanlage vor Gaza vor
Das US-MilitĂ€r hat derweil damit begonnen, AusrĂŒstung fĂŒr den Bau einer provisorischen Schiffsanlegestelle vor der KĂŒste Gazas in die Region zu transportieren. Das teilte das zustĂ€ndige Regionalkommando Centcom am Samstagabend (Ortszeit) auf der Plattform X, ehemals Twitter, mit. Am Donnerstag hatten die USA das mit internationalen Partnern geplante Vorhaben angekĂŒndigt, um Lebensmittel, Wasser und Medikamente in das Kriegsgebiet zu bringen. Bis die Anlegestelle einsatzfĂ€hig ist, werde es etwa 60 Tage dauern. Die israelische Armee erklĂ€rte sich bereit, zusammen mit den US-StreitkrĂ€ften den Bau zu koordinieren. HumanitĂ€re Hilfe könne dann nach entsprechender Inspektion durch Israel auf dem Seeweg nach Gaza gelangen, sagte MilitĂ€rsprecher Daniel Hagari am Samstagabend.
UnabhÀngig von der Vorbereitung der provisorischen Hafenanlage arbeitet die internationale Gemeinschaft an der Etablierung eines Seekorridors von Zypern aus. "Wir stehen jetzt kurz vor der Eröffnung des Korridors - hoffentlich diesen Samstag, diesen Sonntag", sagte EU-KommissionsprÀsidentin Ursula von der Leyen am Freitag bei einem Treffen mit dem zyprischen PrÀsidenten Nikos Christodoulidis. Deutschland beteiligt sich an dem Seekorridor.
Biden ĂŒbt Kritik an Netanjahu
US-PrĂ€sident Biden beschrieb die Lage der Menschen in Gaza am Samstag als "verzweifelt". Er betonte zwar, die Verteidigung Israels sei "immer noch von entscheidender Bedeutung". Er werde die Seite Israels nie verlassen. Zugleich ĂŒbte der US-PrĂ€sident aber deutliche Kritik am Vorgehen von Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu. "Er schadet Israel mehr, als dass er Israel hilft", sagte Biden. "Ich glaube, das ist ein groĂer Fehler." Netanjahu habe das Recht, Israel zu verteidigen und die Hamas weiter zu bekĂ€mpfen. "Aber er muss, er muss, er muss den unschuldigen Leben gröĂere Aufmerksamkeit schenken, die in der Konsequenz der ergriffenen MaĂnahmen verloren gehen", fĂŒgte der US-PrĂ€sident hinzu. Zuletzt hatten ranghohe Vertreter seiner Regierung ihre Tonlage gegenĂŒber Israel zunehmend verschĂ€rft.
Tausende demonstrieren in Israel gegen Netanjahu
Auch im eigenen Land steht Netanjahu unter Druck. Tausende Menschen demonstrierten am Samstagabend in Tel Aviv und anderen israelischen StĂ€dten fĂŒr die Freilassung der Geiseln aus der Gewalt der Hamas und gegen Netanjahus Regierung. Nahe dem Sitz des Verteidigungsministeriums hielt die Polizei Demonstranten davon ab, eine Stadtautobahn zu blockieren, berichteten israelische Medien. Die Behörde nahm 16 Personen fest. In Caesarea zog eine groĂe Menschenmenge vor eine private Villa Netanjahus. Einer der Redner, ein ehemaliger General, sagte auf den Regierungschef bezogen: "Deine Politik zielt nur auf eines ab: um jeden Preis an der Macht zu bleiben, und der Krieg dient deinen Zwecken bestens."
Hamas hÀlt an Forderungen fest
Seit mehreren Wochen verhandeln Israel und die Hamas in indirekt gefĂŒhrten GesprĂ€chen ĂŒber eine befristete Waffenruhe. Das Mitglied im Hamas-PolitbĂŒro, Badran, sagte zwar dem "Wall Street Journal", man sei zu weiteren GesprĂ€chen bereit. Zugleich aber bekrĂ€ftigte er die Bedingungen der Hamas. Dazu zĂ€hle ein dauerhafter Waffenstillstand, ausreichende HilfsgĂŒter ĂŒber sĂ€mtliche GrenzĂŒbergĂ€nge, ein Plan zum Wiederaufbau des Gazastreifens und ein kompletter RĂŒckzug des israelischen MilitĂ€rs. Der Vermittlervorschlag sah bisher nur eine sechswöchige Waffenruhe und eine erste Phase des Austauschs von Geiseln gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge vor. WĂ€hrend dieser Feuerpause soll dann ĂŒber einen dauerhaften Waffenstillstand und die ModalitĂ€ten der Freilassung aller ĂŒbrigen Geiseln verhandelt werden. Israel hat bislang keine Bereitschaft gezeigt, von diesem Stufenplan abzurĂŒcken.
Auslöser des Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, bei dem Terroristen der Hamas sowie anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel rund 1200 Menschen ermordet und 250 entfĂŒhrt hatten.
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