Wandern im Erzgebirge: Wie neue Angebote zum Wirtschaftsmotor fĂŒr lĂ€ndliche Regionen werden
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 12:26 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIm Erzgebirge wird das Wandern gezielt als Wirtschaftsmotor genutzt, um mehr GÀste in die Bergregion zu bringen und Hotels sowie Pensionen ganzjÀhrig auszulasten.
Hotel als Basislager fĂŒr aktive GĂ€ste
Natascha Heinrich, die einst zu FuĂ die Alpen ĂŒberquerte, fĂŒhrt heute ein familiengefĂŒhrtes Hotel in Oberwiesenthal am FuĂe des Fichtelbergs. Im Zuge einer Sanierung wurde die alte Baude abgerissen und fĂŒr mehrere Millionen Euro das âBasislagerâ neu errichtet. Seit dem FrĂŒhjahr 2025 bietet das Haus mit 13 Zimmern und einem Wanderlager fĂŒr bis zu zehn Personen vor allem sportlich aktiven GĂ€sten eine Unterkunft, darunter vielen Wanderern.
Viele GĂ€ste kommen ĂŒber den Kammweg Erzgebirge-Vogtland oder nutzen das Hotel als Ausgangspunkt fĂŒr Touren in der deutsch-tschechischen Grenzregion. Damit sich Wanderer wohlfĂŒhlen, setzt Heinrich nach eigenen Angaben auf mehr als ein Bett: Schuhtrockner, Insidertipps fĂŒr Touren, ein Wellnessbereich mit Saunen und Infrarotkabinen sowie die Möglichkeit, WĂ€sche zu waschen und zu trocknen gehören zum Konzept. Wer weit wandere, wolle gut essen, betont die Hotelchefin.
Milliardenumsatz durch Wanderer
Studien zufolge ist das Interesse am Wandern in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Deutschen Wanderverbandes, Bernd Hartmann, verweist darauf, dass heute etwa zwei von drei Deutschen ab 16 Jahren wandern. Das kurbelt nicht nur den Absatz von Schuhen, Outdoor-Kleidung und Karten an, sondern sorgt auch fĂŒr UmsĂ€tze in GaststĂ€tten, Hotels und Pensionen.
Pro Jahr ergibt sich nach Angaben des Verbandes eine Wertschöpfung von rund 7,8 Milliarden Euro in den Regionen. Von diesen Einnahmen profitiert vor allem der lĂ€ndliche Raum, in dem viele Wanderwege verlaufen und Ăbernachtungsbetriebe sowie Gastronomie angesiedelt sind.
Vom FreizeitspaĂ zum Lifestyle-Trend
Heinz-Dieter Quack, Leiter des Forschungszentrums Wandern an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter, beschreibt einen deutlichen Imagewandel. Seit den 1990er Jahren habe sich Wandern von einer eher betulichen Freizeitgestaltung zu einer Lifestyle-orientierten AktivitÀt entwickelt.
Die Arbeitsgruppe um Quack erstellt jĂ€hrlich den sogenannten Wandermonitor mit unterschiedlichen Schwerpunkten, unter anderem zur wirtschaftlichen Bedeutung des Wanderns. Die Erhebung fĂŒr 2025 zeigt, dass die Befragten in den zwei Jahren zuvor im Schnitt etwa 445 Euro fĂŒr AusrĂŒstung ausgegeben haben. Besonders gefragt sind Schuhe, Socken und Hosen, aber auch RucksĂ€cke, Flaschen, Apps und Karten. Vor allem die 30- bis 49-JĂ€hrigen investieren krĂ€ftig in ihre Ausstattung.
Ausgaben unterwegs und gĂŒnstiger Zugang
Unterwegs gaben die befragten Wanderer pro Tag im Schnitt mehr als 60 Euro aus, etwa fĂŒr Gastronomie, EinkĂ€ufe oder die Nutzung von Bus und Bahn. Wer mehrere Tage am StĂŒck unterwegs war, legte inklusive Ăbernachtung im Mittel noch rund 100 Euro pro Tag drauf.
Trotz dieser Ausgaben bezeichnet Quack das Wandern als vergleichsweise gĂŒnstige FreizeitbeschĂ€ftigung. Man brauche vor allem gute Schuhe, könne ein Butterbrot einpacken und loslaufen. Die Nutzung der Wege selbst sei kostenlos. Instand gehalten werden sie von Ehrenamtlichen und Kommunen, was mit erheblichem Aufwand verbunden ist.
Wegefinanzierung und Serviceangebote
Quack interessierte sich zudem dafĂŒr, ob Wanderer bereit wĂ€ren, fĂŒr die Nutzung der Wege zu zahlen. Rund 43 Prozent der Befragten konnten sich dies vorstellen. Ob ein solches Modell in der Praxis tragfĂ€hig wĂ€re, bleibt fĂŒr ihn jedoch fraglich.
Versuche mit freiwilligen BeitrĂ€gen hĂ€tten bislang nur geringe Erlöse gebracht. Vielversprechender seien aus seiner Sicht zusĂ€tzliche Serviceangebote entlang der Wege, etwa organisierte Transfers, Verpflegung oder kostenpflichtige ParkplĂ€tze, ĂŒber die Einnahmen generiert werden können.
Wanderland Deutschland mit dichtem Wegenetz
Der Deutsche Wanderverband spricht von einem deutschen Wanderwegenetz von mehr als 300.000 Kilometern. Diese GesamtlĂ€nge ist etwa siebeneinhalbmal so groĂ wie der Erdumfang am Ăquator. Mit seinen unterschiedlichen Landschaften bietet Deutschland damit viel Abwechslung â nicht nur fĂŒr Einheimische.
Auch im Ausland wird die Bundesrepublik als âWanderlandâ beworben. Die Deutsche Zentrale fĂŒr Tourismus hebt hervor, dass Wandern bei auslĂ€ndischen Besuchern bei sportlichen AktivitĂ€ten auf Deutschlandreisen an erster Stelle steht, knapp vor dem Radfahren. Besonders GĂ€ste aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich interessieren sich fĂŒr das Thema, reine Wanderurlaube sind auch bei Reisenden aus GroĂbritannien und Polen sehr gefragt.
LÀngere Aufenthalte auslÀndischer GÀste
Nach Angaben der DZT verbringen auslÀndische GÀste, die wÀhrend ihres Deutschlandurlaubs wandern, im Schnitt 8,2 NÀchte im Land. Das sei im Durchschnitt eine Nacht mehr als andere internationale GÀste.
Die zusÀtzliche Nacht gilt als wichtiger Beitrag zur Wertschöpfung im Reiseland Deutschland. Beliebte Wanderregionen sind dabei die Alpen und der Schwarzwald, gefolgt von der Region Mittelrhein und der SÀchsischen Schweiz. Veranstaltungen und neue Angebote sollen helfen, weitere Gebiete stÀrker zu positionieren.
Vielfalt zwischen Pilgern, Stadtwandern und Extremsport
Die Formen des Wanderns haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Neben klassischer Ruhe in der Natur oder Pilgerwegen entdecken manche Menschen beim Stadtwandern â auch Urban Hiking genannt â Architektur, Parks und Quartiere in StĂ€dten.
Andere suchen gezielt sportliche Herausforderungen. So lockt ein Wandermarathon im Frankenwald nach Angaben der Organisatoren Hunderte Teilnehmer aus dem In- und Ausland an und ist meist binnen weniger Stunden ausverkauft. Im Harz werden regelmĂ€Ăig lange WandermĂ€rsche angeboten.
Extremtouren im Erzgebirge
In Sachsen fĂŒhrt der Fichtelbergmarsch Extremwanderer an einem Tag von Chemnitz zum Fichtelberg. Dabei mĂŒssen die Teilnehmenden mehr als 60 Kilometer und rund 1.700 Höhenmeter bewĂ€ltigen. Der höchste Gipfel Ostdeutschlands ist ĂŒberregional als Wintersportgebiet bekannt.
Wie in anderen Mittelgebirgen ist dort der Schnee im Winter jedoch hĂ€ufiger knapp geworden. Um GĂ€ste dennoch anzulocken und die Auslastung der Betriebe ĂŒber das ganze Jahr zu steigern, setzt der Tourismus verstĂ€rkt auf Mountainbiking und Wandern. In der als Unesco-Welterbe anerkannten Bergbauregion stehen dafĂŒr zahlreiche Wege beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze zur VerfĂŒgung.
Neues Angebot Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun
Als neues sportliches Angebot startet im Erzgebirge der Stoneman Miriquidi Hike + Trailrun. Auf der Strecke können Teilnehmer eine Tour von 62 Kilometern als Hike oder 86 Kilometern als Trailrun absolvieren â je nach Variante an drei, zwei oder nur einem Tag.
FĂŒr die neue Wander- und Trailrunningstrecke werden eigens Wegzeichen angebracht, um die Orientierung zu erleichtern. Damit bedient die Region gezielt die wachsende Nachfrage nach kombinierten Wander- und Laufangeboten mit sportlichem Anspruch.
EuropÀisches Wanderfest und Deutscher Wandertag
Hotelchefin Heinrich begrĂŒĂt solche neuen Angebote ausdrĂŒcklich. In dieser Woche ist die Region Gastgeber fĂŒr das europĂ€ische Wanderfest Eurorando und den Deutschen Wandertag. Beide Veranstaltungen bringen zahlreiche Wanderfreunde aus dem In- und Ausland zusammen.
Heinrich setzt darauf, dass GÀste, die einmal im Erzgebirge waren, wiederkommen und Familie oder Freunde mitbringen. Viele Kenner gebe es noch nicht, betont sie, und verweist darauf, dass sich Wandern mit weiteren AnlÀssen wie Firmentagungen oder Kursen etwa zu Yoga verbinden lasse.
Wandern als wirtschaftlicher Faktor im Erzgebirge
Das Erzgebirge zeigt exemplarisch, wie sich lĂ€ndliche Regionen mit gezielten Angeboten rund um das Wandern neu positionieren. Hotels wie das âBasislager Fichtelbergâ setzen auf ein klares Profil fĂŒr sportlich aktive GĂ€ste, von funktionaler Ausstattung bis zu Wellness-Angeboten nach langen Touren. FĂŒr die Region bedeutet dies eine schrittweise Abkehr von der einseitigen Ausrichtung auf den Wintersport hin zu einem ganzjĂ€hrigen Aktivtourismus, der wetterunabhĂ€ngiger ist und breitere Zielgruppen anspricht.
Strukturelle Effekte fĂŒr lĂ€ndliche RĂ€ume
Die in der dpa-Meldung genannten Zahlen zur Wertschöpfung verdeutlichen, dass Wandern weit ĂŒber eine Nischenfreizeit hinausgeht. Ausgaben fĂŒr AusrĂŒstung, Gastronomie, Ăbernachtungen und MobilitĂ€t summieren sich zu MilliardenbetrĂ€gen, die vor allem im lĂ€ndlichen Raum ankommen. Damit greifen Kommunen und touristische Akteure einen Trend auf, der seit den 1990er Jahren durch den Imagewandel vom âbetulichenâ zum lifestyleorientierten Wandern geprĂ€gt ist. Investitionen in Wegeinfrastruktur, Beschilderung und Serviceangebote entlang der Routen werden zu Standortpolitik: Sie sichern Einkommen fĂŒr Hotellerie, Gastronomie und den Einzelhandel und können helfen, Abwanderungstendenzen abzufedern.
Touristische Positionierung und mögliche Folgen
Die Kombination aus klassischen Wanderwegen, Extremformaten wie Wandermarathons und Trailruns sowie internationalen Veranstaltungen stĂ€rkt die Marke âWanderland Deutschlandâ und konkret die Wahrnehmung des Erzgebirges als moderne Outdoor-Region. LĂ€ngere Aufenthaltsdauern auslĂ€ndischer GĂ€ste erhöhen die lokale Wertschöpfung und verankern die Region stĂ€rker in internationalen Zielgruppen. FĂŒr Leserinnen und Leser in anderen Mittelgebirgsregionen zeigt das Beispiel, dass sich mit klug konzipierten Angeboten rund ums Wandern neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen, sofern Infrastruktur, ServicequalitĂ€t und ein klares Profil zusammenspielen.
