Hoher Krankenstand in Deutschland - das sind die GrĂŒnde
07.01.2025 - 15:41:25Neuer Befund zum Rekordkrankenstand in Deutschland: Nicht hĂ€ufiges Blaumachen ist laut BundesĂ€rztekammer und einer neuen Studie zufolge der Grund, sondern es sind die neue digitale Krankmeldung und verstĂ€rkte Infektionen. ĂrzteprĂ€sident Klaus Reinhardt sagte in Berlin, es komme nach seiner EinschĂ€tzung «nicht in groĂem Stil vor», dass Menschen nur krank spielten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland 2023 durchschnittlich 15,1 Arbeitstage krankgemeldet.
Bei den Fehltagen gab es erstmals von 2021 auf 2022 einen sprunghaften Anstieg - und zwar um fast 40 Prozent, wie die neue Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit zeigt. Reinhardt erlĂ€uterte, in der Statistik seien die Krankschreibungen mit EinfĂŒhrung der elektronischen Krankschreibung (eAU) 2021 auf einem Schlag in die Höhe gegangen. Sie ersetzt den «gelben Schein» vom Arzt, die Krankschreibung auf Papier.
Studie: Meldeeffekt 60 Prozent
Heute gebe es eine Erfassung sĂ€mtlicher Krankschreibungen zu 100 Prozent, so der ĂrzteprĂ€sident. «Die hatten wir bis zur EinfĂŒhrung der eAU nicht, weil der Versicherte (...) den Zettel, der an die Krankenkasse ging, hĂ€ufig gar nicht weggeschickt hat, sondern nur den, der an seinen Arbeitgeber ging.»
Laut der DAK-Studie zum deutschen Rekordkrankenstand betrĂ€gt der Meldeeffekt â je nach Diagnose â rund 60 Prozent und mehr. Die Erhebung liegt der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vor. «Ein Drittel der zusĂ€tzlichen Fehltage ergibt sich seit 2022 zudem durch verstĂ€rkte ErkĂ€ltungswellen und Corona-Infektionen», so die DAK-Gesundheit weiter.
Das beobachtet auch Reinhardt aktuell in einer Bielefelder Stadtteilpraxis, in der er seit seiner AmtsĂŒbernahme bei der Kammer in der Regel nur noch einmal die Woche arbeitet. Von seinem Einsatz in dieser Woche berichtete er: «Da waren richtig viele Menschen.»Â
Ein weiterer «kĂŒnstlicher» Effekt
Darunter seien viele gewesen, «die eine ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung brauchten aufgrund eines relativ banalen Effektes». Die Patientinnen und Patienten seien deshalb am ersten Tag gekommen, «weil das die Arbeitgeber entsprechend verlangten». Dieser Effekt sei «kĂŒnstlich gemacht», sagte Reinhardt. Insgesamt gingen viele auch bei Bagatellerkrankungen zum Arzt. Viele Firmen verlangten eine Bescheinigung von dort schon am ersten Krankheitstag, meinte Reinhardt.
Debatte ĂŒber Karenztag
Am Vortag hatte der Allianz-Vorstandsvorsitzende eine Debatte ĂŒber den Krankenstand in Deutschland angestoĂen. Dieser liegt statistisch im internationalen Vergleich hoch. BĂ€te sprach sich in einem Interview dafĂŒr aus, die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag zu streichen. Daraufhin hagelte es Kritik, etwa vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Der DGB warnte vor Folgekosten und Ansteckungs- und Unfallgefahren durch immer zahlreichere FĂ€lle von krank bei der Arbeit erscheinenden Personen.Â
In der Bundesrepublik gilt - anders als in einigen anderen LĂ€ndern - seit Jahrzehnten die Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag. Auch der CDU-SozialflĂŒgel warnte davor, daran zu rĂŒtteln.Â
DAK-Vorstandschef Andreas Storm forderte, die in der Arbeitswelt bestehende «wachsende Misstrauenskultur» einzudĂ€mmen. «Unsere Studie zeigt, dass weder die telefonische Krankschreibung noch das Blaumachen die wirklichen GrĂŒnde fĂŒr den sprunghaften Anstieg sind.» Der Statistikeffekt durch die eAU und ErkĂ€ltungswellen hĂ€tten die zentralen Rollen gespielt.Â
Nach einer Statistik der DAK-Gesundheit hatten 2023 weit ĂŒber die HĂ€lfte der DAK-Versicherten mindestens eine Krankschreibung, im Gesamtjahr waren es im Schnitt 20 Fehltage pro Kopf.Â
Mehr Vorsicht bei Infektionen
Laut Reinhardt ist zudem festzuhalten, dass sich seit der Corona-Pandemie mehr Menschen generell bei Infekterkrankungen krankschreiben lieĂen. «Der Aspekt des Nichtansteckens hat eine andere QualitĂ€t gewonnen in den zwei, drei Jahren des Lockdowns und der Infektionsvermeidung.»Â
Weise ein Unternehmen besonders hohe KrankenstĂ€nde auf, «muss man ins Unternehmen gehen und gucken, wie die Unternehmenskultur ist», sagte Reinhardt weiter. «Vor dem rein Ă€rztlichen Hintergrund wĂŒrde man sagen: Wenn jemand krank ist, ist er krank - wenn er nicht arbeitsfĂ€hig ist, dann ist er nicht arbeitsfĂ€hig».Â
Linke fordert Einschreiten von Scholz, Merz und Habeck
Vor dem Hintergrund der Debatte forderte Linke-Chef Jan van Aken Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU) und GrĂŒnen-Spitzenkandidat Robert Habeck zum Einschreiten auf. Sie sollten öffentlich klarstellen, dass sie der Forderung nach einer EinschrĂ€nkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall «eine klare Absage» erteilen, so van Aken in einem der dpa vorliegenden Brief.
Genau untersucht wurde das Krankschreibe-Verhalten auch vom Leibniz-Zentrum fĂŒr EuropĂ€ische Wirtschaftsforschung (ZEW): Deutschland weise «vermutlich eine der höchsten Fehlzeiten weltweit» auf. Unterschiedliche Quellen zeigten einen starken Anstieg seit 2022. Zu den HaupterklĂ€rungen zĂ€hlten Covid-19, mehr Infektionen, verĂ€ndertes Fehlzeitenverhalten und eine verbesserte elektronische DatenĂŒbermittlung. «Es gibt starke Anhaltspunkte, dass der GroĂteil des Anstiegs der Fehlzeiten auf eine bessere statistische Erfassung der Fehlzeiten zurĂŒckzufĂŒhren ist.»
Milliardenkosten fĂŒr die Unternehmen
Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) stellt in einer Erhebung fest, dass sich die Kosten fĂŒr die Entgeltfortzahlung zuletzt innerhalb von 14 Jahren verdoppelt hĂ€tten. 2023 hĂ€tten die Arbeitgeber 76,7 Milliarden Euro fĂŒr die Entgeltfortzahlung ihrer erkrankten BeschĂ€ftigten aufbringen mĂŒssen.







