Bio ja - aber billiger: Inflation verÀndert den Bio-Handel
28.06.2023 - 06:16:08Die hohe Inflation in Deutschland ist dabei, den Biohandel in Deutschland tiefgreifend zu verĂ€ndern. «Es wird weiter Bio gekauft - aber billiger. Die Bereitschaft, höhere Preise fĂŒr Bioprodukte zu bezahlen, hat angesichts der allgemeinen Preissteigerungen spĂŒrbar abgenommen», beschreibt der Handelsexperte Robert Kecskes vom Marktforschungsunternehmen GfK den Umbruch. Gewinner der Entwicklung seien vor allem die Discounter, Verlierer die Bio-SupermĂ€rke und NaturkostlĂ€den.
WÀhrend die Bio-SupermÀrkte und die NaturkostlÀden im vergangenen Jahr laut GfK ein deutliches Umsatzminus von gut 18 Prozent ausweisen mussten und renommierte HÀndler wie Superbiomarkt oder Basic den Gang zum Insolvenzgericht antraten, erzielten die Discounter bei Bio-Lebensmitteln und Bio-GetrÀnken ein Plus von gut 11 Prozent. «Bei Bio zieht billig», beschrieb das Branchenfachblatt «Lebensmittel Zeitung» die Entwicklung.
«Neue Kunden langfristig binden»
«Angesichts der hohen Inflation entscheiden sich viele Kunden, die frĂŒher vor allem bei Bio-FachhĂ€ndlern gekauft haben, fĂŒr unsere Produkte», beschreibt auch der Einkaufschef von Aldi SĂŒd Erik Döbele die Situation und fĂŒgt dann hinzu: «Diese neuen Kunden wollen wir langfristig an uns binden.»
Aldi SĂŒd hat wohl auch deshalb gerade eine neu Bio-Marke unter dem etwas gewöhnungsbedĂŒrftigen Namen «Nur nur Natur» auf den Markt gebracht. Das Besondere daran: Die Produkte erfĂŒllen «gröĂtenteils» die Kriterien des Ăko-Verbandes Naturland und ĂŒbertreffen damit deutlich die Kriterien des bisherigen Bio-Sortiments. Vielen Kunden, die bislang in Bio-SupermĂ€rkten und NaturkostlĂ€den einkaufen gingen, dĂŒrfte das entgegenkommen.
Noch ist das Sortiment klein. Es startete in diesem Monat gerade einmal mit 15 Produkten von der nicht-homogenisierten Frischmilch bis zu Dinkel-Spaghetti. Doch soll die Zahl der Produkte bis Mitte nĂ€chsten Jahres auf ĂŒber 50 aufgestockt werden.
Ungebrochene Nachfrage bei gröĂerer PreissensibilitĂ€t
Konkurrent Lidl arbeitet sogar schon seit fĂŒnf Jahren mit dem Ăko-Verband Bioland zusammen, dessen AnsprĂŒche denen von Naturland Ă€hneln. Aktuell sind in den Lidl-Filialen nach Unternehmensangaben bereits mehr als 100 Bioland-Produkte erhĂ€ltlich.
Auch der zum Rewe-Konzern gehörende Discounter Penny kĂŒndigte bereits im Februar eine Kooperation mit Naturland an. «Wir sehen aktuell zwei Tendenzen. Zum einen ist die Nachfrage nach Bio-Produkten ungebrochen, trotz der auf breiter Front steigenden Lebenshaltungskosten. Zum anderen nimmt dabei aber auch die PreissensibilitĂ€t der Kundinnen und Kunden zu», sagte der Rewe-Manager Philipp Stiehler. Die Folge: Im vergangenen Jahr steigerte die Rewe-Tochter ihren Bio-Umsatz nach eigenen Angaben um mehr als zehn Prozent.
Auch der zur Edeka-Gruppe gehörende Discounter Netto ist lĂ€ngst auf den Zug aufgesprungen. Auch viele Artikel seiner Biomarke Naturkind erfĂŒllen nach Unternehmensangaben die Richtlinien von AnbauverbĂ€nden wie Bioland oder Naturland erfĂŒllen.
Bio-Artikel vom Discounter auf dem Siegeszug
Ohne Zweifel ist das Thema Bio fĂŒr die Discounter eine Erfolgsgeschichte. «Rund 15 Prozent unseres Standard-Sortiments besteht inzwischen aus Bio-Produkten. Vor 18 Jahren, als die ersten Bio-Produkte bei Aldi SĂŒd Einzug hielten, hĂ€tte sich das noch niemand vorstellen können», sagt die Aldi-SĂŒd-Managerin Julia Adou. Auch bei Lidl sollen Bio- und Bioland-Artikel bis 2025 zehn Prozent des Gesamtsortiments ausmachen.
FĂŒr den klassischen Bio-Handel ist der Siegeszug der Discounter allerdings ein Problem. Der GrĂŒnder des Bio-Imperiums Alnatura Götz Rehn, sage kĂŒrzlich der «Lebensmittel Zeitung», fĂŒr viele Fachhandelsmarken und auch fĂŒr viele BiolĂ€den sei die aktuelle Neuordnung der Marktanteile eine groĂe Herausforderung. «Bio ist nun ĂŒberall», meint er. Entscheidend fĂŒr die FachmĂ€rkte sei es nun, ob es ihnen gelinge, den Unterschied zwischen ihrem Angebot und dem Discount-Bio-Sortiment noch deutlicher zu machen. «Denn qualitativ ist das ein groĂer Unterschied», betonte der Branchenkenner.
Die Frage ist nur, ob die Kunden das genauso sehen. Nach EinschĂ€tzung der GfK-Nachhaltigkeitsexpertin Hanna Kehl ist es ungewiss, ob der Bio-Fachhandel die in den vergangenen Monaten an SupermĂ€rkte und Discounter verlorenen Kunden nach der Krise wird zurĂŒckgewinnen können. «Die Wiederkaufsrate bei Bio-Handelsmarkenprodukten ist hoch. Das spricht dafĂŒr, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher mit den Produkten zufrieden sind. Warum sollten sie dann wieder wechseln?»


