New York, Frankfurt am Main

Flaute bei BörsengÀngen auf deutschem Parkett

11.10.2023 - 07:10:31

Wie steht es um die Zukunft der Börse am Main? In den vergangenen Jahren entscheiden sich immer mehr Unternehmen gegen den Start in Frankfurt. Doch warum? Ist eine Trendwende möglich?

Wenn der deutsche Schuhhersteller Birkenstock an die Börse geht, dann nicht am Finanzplatz Frankfurt, sondern an der Wall Street. Auch sonst fĂ€llt die Bilanz zu BörsengĂ€ngen der vergangenen Jahre in Deutschland eher mau aus. Manch ein Unternehmen zog sich zuletzt sogar vom Frankfurter Parkett zurĂŒck. Experten zufolge könnte aber ein Wendepunkt erreicht sein.

Warum geht Birkenstock in den USA an die Börse?

Der Traditionshersteller Birkenstock mit Hauptsitz in Linz am Rhein hat fĂŒr seine Notierung die New Yorker Börse NYSE gewĂ€hlt. Experten werteten die Entscheidung als Niederlage fĂŒr den Finanzplatz Frankfurt. Ausschlaggebend soll die grĂ¶ĂŸere LiquiditĂ€t jenseits des Atlantiks sein - das bedeutet: Die Chance ist höher, die Aktien zu einem möglichst hohen Preis loszuwerden. Zudem sind Nord- und SĂŒdamerika fĂŒr Birkenstock die wichtigsten Regionen, gefolgt von Europa. Zum Handelsstart am Mittwoch legte Birkenstock den Ausgabepreis in der Mitte der zuvor beschlossenen Spanne auf 46 Dollar fest.

Wie stand es zuletzt um BörsengÀnge in Deutschland?

In den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Zahl der BörsengĂ€nge in Deutschland rĂŒcklĂ€ufig. Zur Jahrtausendwende hatte die Dotcom-Blase fĂŒr einen regelrechten Boom an IPOs (initial public offering; Erstnotiz) gesorgt, mit jĂ€hrlich dreistelligen BörsendebĂŒts im gesamten regulierten Markt. Im anforderungsreichsten Prime Standard zĂ€hlt die Deutsche Börse seit 1997 in ihrer Statistik 165 Neuemissionen. Allein 22 davon erfolgten im Jahr 1999, weitere 24 im Jahr darauf. Seitdem war das erfolgreichste Jahr bislang 2006 mit immerhin 16 neuen Unternehmen. Aber: Auch die KapitalmĂ€rkte in den USA und Großbritannien haben deutliche RĂŒckgĂ€nge verzeichnet. Als GrĂŒnde nennen Experten Fusionen, hohe administrative und regulatorische HĂŒrden sowie alternative Wege zur Kapitalbeschaffung.

Welche Firmen haben zuletzt das deutsche Börsenparkett verlassen?

Mit Linde hat sich Anfang des Jahres das vormals wertvollste Mitglied im Leitindex Dax von der Frankfurter Börse verabschiedet. Bis dato waren die Aktien des Industriegase-Konzerns sowohl in New York als auch in Frankfurt notiert. Die Struktur dieser doppelten Börsennotierung habe die Bewertung der Aktien durch die europĂ€ischen BeschrĂ€nkungen und die zusĂ€tzliche KomplexitĂ€t eingeschrĂ€nkt, hieß es zur BegrĂŒndung.

Zudem werden bald wohl zwei weitere Unternehmen der Frankfurter Börse den RĂŒcken kehren, wenn auch aus einem anderem Grund: Der Finanzinvestor Cinven will den Labordienstleister Synlab komplett ĂŒbernehmen. Der GroßaktionĂ€r hatte das Unternehmen erst im FrĂŒhjahr 2021 an die Börse gebracht. Der Ausgabepreis betrug damals 18 Euro, die Bewertung lag damit bei rund vier Milliarden Euro. Vor der Übernahmeofferte war es noch nicht mal mehr die HĂ€lfte. Die Geschichte Ă€hnelt dem Übernahmeangebot des Investors EQT fĂŒr Suse. Der Softwareanbieter war ebenfalls im FrĂŒhjahr 2021 an die Börse gebracht worden, ehe EQT in diesem Jahr die Rolle rĂŒckwĂ€rts einleitete. Als Grund wurden geschĂ€ftliche Probleme genannt. Der Aktienkurs von Suse hat sich seit dem Börsengang gedrittelt.

Welche BörsengÀnge gab es bislang 2023 in Deutschland?

Im Juli wagte Nucera, die Wasserstofftochter von Thyssenkrupp, den Schritt aufs Parkett. Ende September folgte dann mit Schott Pharma der bislang grĂ¶ĂŸte deutsche Börsengang in diesem Jahr. Anfang Oktober wollte zudem der RĂŒstungszulieferer Renk den Schritt wagen. Doch der Plan wurde in letzter Minute abgeblasen. Als Grund wurde das eingetrĂŒbte Marktumfeld genannt. Informierten Personen zufolge verlief bereits der Versuch schleppend, die Aktien zu verkaufen. In den Tagen vor dem Stichtag hatte sich dann die Stimmung an den Börsen zunehmend verschlechtert. Renk und seine EigentĂŒmerin, die Beteiligungsgesellschaft Triton, prĂŒfen nach eigenen Angaben die Option eines Börsengangs zu einem spĂ€teren Zeitpunkt.

Wie sehen Experten die kĂŒnftige Entwicklung?

Marktexperten sehen mit den 2023 bereits erfolgten IPOs einen Wendepunkt erreicht. Die Unternehmensberatung PWC erwartet, dass weitere Unternehmen folgen werden. Aus gelungenen BörsengĂ€ngen könnte sich eine AufwĂ€rtsspirale ergeben, meint auch Ben Laidler, Marktanalyst bei eToro, einer Netzwerkplattform fĂŒr Investmentthemen. «Das erhöhte Interesse an IPOs könnte dazu fĂŒhren, dass mehr Unternehmen Kapital aufnehmen möchten, was den IPO-Markt insgesamt belebt.» Erfolgreiche BörsengĂ€nge könnten demnach das Image Deutschlands als attraktiver Markt fĂŒr Investitionen stĂ€rken. Als nĂ€chstmögliche IPO-Kandidaten werden der Tankkarten-Anbieter DKV und fĂŒr Anfang 2024 der ParfĂŒm- und Kosmetik-EinzelhĂ€ndler Douglas sowie der MobilitĂ€tsanbieter Flix gehandelt.

@ dpa.de