Wirtschaft schrumpft - LĂ€ngste Rezession seit 20 Jahren
15.01.2025 - 13:57:22 | dpa.de(neu: mehr Details und Hintergrund)
WIESBADEN/BERLIN (dpa-AFX) - Verunsicherte Verbraucher, kriselnde Industrie, sinkende Exporte: Die deutsche Wirtschaft ist 2024 das zweite Jahr in Folge geschrumpft und steckt damit so lange in der Rezession wie seit mehr als 20 Jahren nicht. Das Bruttoinlandsprodukt sank 2024 um 0,2 Prozent zum Vorjahr, wie das Statistische Bundesamt schÀtzt. Damit hinkt die deutsche Wirtschaft international hinterher- und ein deutlicher Aufschwung ist nicht in Sicht.
Ins neue Jahr geht Europas gröĂte Volkswirtschaft ohne RĂŒckenwind. Auch im Schlussquartal 2024 dĂŒrfte die deutsche Wirtschaft leicht geschrumpft sein, wie die Statistiker schĂ€tzen. Zudem droht mit den ZollplĂ€nen des designierten US-PrĂ€sidenten Donald Trump heftiger Gegenwind fĂŒr den Export. Ăkonomen fordern ein schnelles Gegensteuern der Politik nach der anstehenden Bundestagswahl, um ein weiteres Abwandern von Industrieproduktion zu verhindern.
"LĂ€ngste Stagnationsphase der Nachkriegsgeschichte"
Schon 2023 war das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent zurĂŒckgegangen. "Die deutsche Wirtschaft dĂŒrfte sich auch in diesem Jahr kaum aus der Stagnation befreien, sollte es nicht bald gelingen, mit wirtschaftspolitischen Reformen die Standortprobleme in den Griff zu bekommen", meint Timo WollmershĂ€user, Konjunkturchef beim Ifo-Institut. 2024 sei das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt nur wenig höher als 2019 vor der Corona-Pandemie. "Deutschland durchlĂ€uft die mit Abstand lĂ€ngste Stagnationsphase der Nachkriegsgeschichte."
Hoffen auf Reformen
Zwar hoffen WirtschaftsverbĂ€nde auf einen Politikwechsel nach der Wahl am 23. Februar. Doch allein mit den Koalitionsverhandlungen dĂŒrften Monate vergehen. "Positive wirtschaftliche Impulse einer neuen Bundesregierung wĂŒrden wohl frĂŒhestens im Jahr 2026 voll zum Tragen kommen", sagt Ăkonom Nils Jannsen vom Kiel Institut fĂŒr Weltwirtschaft.
Trumps ZollplÀne als Damoklesschwert
Mit Donald Trump drohen zudem Handelskonflikte. Sollte er wie angekĂŒndigt hohe Zölle auf Importe erheben, wĂŒrde das die Exportnation Deutschland wohl besonders schwer treffen und viele Jobs kosten. Kein anderer G7-Industriestaat hĂ€nge so stark am Export wie Deutschland, sagt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. "Dem AuĂenhandel könnten mit neuen US-Strafzöllen auch im Jahr 2025 der Wind hart ins Gesicht blasen."
Die Bundesbank hat ihre Prognose fĂŒr die deutsche Wirtschaft bereits gesenkt und rechnet fĂŒr 2025 nur mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. Der SachverstĂ€ndigenrat ("Wirtschaftsweise") erwartet ein Plus von 0,4 Prozent.
VerbÀnde alarmiert
Teile der Wirtschaft sehen Deutschland wieder als "kranken Mann Europas" und vergleichen die Lage mit 2002 und 2003, als die Wirtschaft ebenfalls zwei Jahre in Folge schrumpfte. Die Antwort war damals die unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder die Agenda 2010 mit Reformen an Sozialstaat und Arbeitsmarkt. Heute pocht die Wirtschaft auf BĂŒrokratieabbau, Steuerentlastungen, niedrigere Energiekosten und mehr Tempo bei Infrastrukturprojekten.
Arbeitsmarkt noch stabil
Anders als nach der Jahrtausendwende ist der Arbeitsmarkt weitgehend stabil - 2024 stieg die Zahl der BeschĂ€ftigten auf den Rekord von 46,1 Millionen. Neue Jobs entstanden aber vor allem in staatlich dominierten Sektoren wie Gesundheit, Erziehung und Ăffentlicher Dienst, wĂ€hrend am Bau und in der Industrie ArbeitsplĂ€tze verloren gehen. In Sorge um ihre Jobs scheuen viele Menschen trotz gestiegener Reallöhne gröĂere Ausgaben. Die ohnehin hohe Sparquote ist 2024 nochmals deutlich auf 11,6 Prozent gestiegen.
Deutsche SchwÀchen
Die Liste der Probleme ist lang. "Im Vergleich zu anderen Standorten weltweit sind die Belastungen der Unternehmen durch Steuern, BĂŒrokratie und Energiekosten hoch, die Erneuerung der Digital-, Energie- und Verkehrsinfrastruktur kommt langsamer voran und der FachkrĂ€ftemangel ist ausgeprĂ€gter", sagt Ifo-Experte WollmershĂ€user. Die Industrie habe an WettbewerbsfĂ€higkeit verloren. Dazu kommt, dass China etwa im Autobau aufgeholt hat und auf dem Weltmarkt zum ernsten Konkurrenten geworden ist.
Deutschland habe sich mit dem Schrumpfen 2024 weitgehend von der Weltwirtschaft abgekoppelt, sagt IfW-Ăkonom Jannsen. "Im ĂŒbrigen Euroraum dĂŒrfte das Bruttoinlandsprodukt um rund 1 Prozent gestiegen sein, in den USA wohl sogar um fast 3 Prozent."
Kriselnde Industrie
Im vergangenen Jahr schlug vor allem die Krise der deutschen Industrie durch. Dort schrumpfte die Bruttowertschöpfung krĂ€ftig um 3,0 Prozent. Wichtige Branchen wie der Maschinen- und Autobau produzierten deutlich weniger, in der energieintensiven Chemie und Metallindustrie blieb die Fertigung auf niedrigem Niveau. Die Investitionen in AusrĂŒstungen wie Maschinen, GerĂ€te und Fahrzeuge sanken krĂ€ftig, das Baugewerbe litt unter der Krise im Wohnungsbau.
Auch der AuĂenhandel schwĂ€chelte. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen, insbesondere Maschinen und Autos, schrumpften laut Statistik um 0,8 Prozent.
LĂ€ngst belastet die Krise die Verbraucherstimmung. Die privaten Konsumausgaben stiegen 2024 preisbereinigt um nur 0,3 Prozent. Viele Menschen sparen, obwohl die Inflationswelle abgeebbt ist. Doch Verbraucher spĂŒren die gestiegenen Preise beim tĂ€glichen Einkauf, etwa von Lebensmitteln.
Staatsdefizit gestiegen
Immerhin: Bei den Staatsfinanzen steht Deutschland vergleichsweise gut da. Der Fiskus gab 2024 zwar erneut mehr Geld aus, als er einnahm. Nach vorlÀufigen Daten belief sich das Defizit von Bund, LÀndern, Gemeinden und Sozialversicherung auf 113 Milliarden Euro - nach 107,5 Milliarden im Vorjahr. Damit hielt Deutschland aber auch dank der umstrittenen Schuldenbremse erneut die europÀische Verschuldungsregel ein, die ein Haushaltsdefizit von 3,0 Prozent gemessen an der Wirtschaftsleistung erlaubt. Deutschland kam nach vorlÀufigen Berechnungen auf eine Quote von 2,6 Prozent - wie 2023.
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