Inflation 2024 bei 2,2 Prozent - aber Preisdruck bleibt zÀh
06.01.2025 - 16:48:07(Neu: Ăkonomenstimmen)
WIESBADEN (dpa-AFX) - Die Inflation in Deutschland hĂ€lt sich hartnĂ€ckiger als erwartet. Der Dezember brachte mit 2,6 Prozent den dritten Anstieg in Folge und die zweithöchste Teuerungsrate 2024, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Volkswirte erwarten vorerst keine durchgreifende Entspannung bei den Verbraucherpreisen - auch wenn eine erneute groĂe Teuerungswelle als unwahrscheinlich gilt.
"Im Januar dĂŒrfte die Inflation wegen höherer Preise fĂŒr CO2 und Versicherungsdienstleistungen Ă€hnlich hoch ausfallen", prognostiziert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg KrĂ€mer. "Noch ist das Inflationsproblem nicht gelöst."
Auch Michael Heise, Chefökonom beim Vermögensverwalter HQ Trust, sieht keine Entlastung fĂŒr Verbraucher im Januar. "Die Erhöhung der CO2-Abgabe, die Verteuerung des Deutschlandtickets, steigende Kosten fĂŒr private Krankenversicherungen und Dienstleistungen lassen einen weiten Preisniveauanstieg um die 2,5 Prozent erwarten."
Und fĂŒr ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski zeigen die aktuellen Daten, "dass die sommerlichen Feierlichkeiten ĂŒber die erfolgreiche Ăberwindung des Inflationsmonsters verfrĂŒht waren".
Jahresinflation bei 2,2 Prozent
Ungeachtet des Anstiegs im Dezember hat die Inflation in Deutschland spĂŒrbar nachgelassen. Im Jahresschnitt 2024 stiegen die Preise fĂŒr Waren und Dienstleistungen laut Statistik um 2,2 Prozent gemessen am Vorjahr.
Zum Vergleich: 2023 lag die Teuerungsrate noch bei 5,9 Prozent und 2022 bei 6,9 Prozent. Im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 waren insbesondere die Energiepreise nach oben geschossen. Auch 2021 war die Inflationsrate mit durchschnittlich 3,1 Prozent deutlich höher.
Inflation dĂŒrfte vorerst ĂŒber Zwei-Prozent-Marke bleiben
Ăkonomen erwarten, dass sich die Inflationsrate im neuen Jahr zunĂ€chst ĂŒber der Marke von 2 Prozent festsetzt. FĂŒr die EuropĂ€ische Zentralbank (EZB) sehen einige Volkswirte weniger Spielraum fĂŒr Zinssenkungen.
Mit einer erneuten Teuerungswelle wie 2022 und 2023, als die Inflationsrate in Europas gröĂter Volkswirtschaft bis auf fast neun Prozent kletterte, rechnet aber kein Experte. Stattdessen erwarten Ăkonomen fĂŒr das Gesamtjahr 2025 eine jĂ€hrliche Inflationsrate auf dem Niveau von 2024. Der SachverstĂ€ndigenrat ("Wirtschaftsweise") geht von einer durchschnittlichen Inflation von 2,1 Prozent aus.
Höhere Teuerungsraten schmÀlern die Kaufkraft von Verbraucher. Der finanzielle Spielraum der Menschen schrumpft, EinkommenszuwÀchse werden von der Inflation aufgezehrt.
Teuerung zieht im Dezember deutlich an
Im Dezember zĂ€hlten erneut Dienstleistungen wie GaststĂ€ttenbesuche, Flugtickets oder Versicherungen zu den Inflationstreibern. Sie verteuerten sich um 4,1 Prozent. Unternehmen reichen hohe LohnabschlĂŒsse oft an Kunden weiter.
FĂŒr Lebensmittel mussten die Menschen 2,0 Prozent mehr zahlen als ein Jahr zuvor. Damit verstĂ€rkte sich hier der Preisauftrieb wieder etwas. "Gerade die höheren Lebensmittelpreise dĂŒrften viele in der Weihnachtszeit unmittelbar im Portemonnaie gespĂŒrt haben", schrieb Stephanie Schoenwald, Konjunkturexpertin bei KfW Research.
GĂŒnstiger als ein Jahr zuvor waren dagegen Tanken und Heizen: Insgesamt verbilligte sich Energie um 1,7 Prozent. Allerdings fiel der RĂŒckgang nicht so stark aus wie im November (minus 3,7 Prozent). Die Kerninflation ohne die schwankungsanfĂ€lligen Preise fĂŒr Energie und Nahrungsmittel stieg auf 3,1 Prozent.
Ăkonomen 2025 erwarten Normalisierung
Trotzdem sind viele Ăkonomen fĂŒr 2025 verhalten optimistisch. "Im laufenden Jahr dĂŒrfte sich die Inflationsdynamik normalisieren", sagt Silke Tober, Geldpolitik-Expertin am Institut fĂŒr Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). "Die Dienstleistungspreise werden weniger stark steigen, insbesondere weil sich die aufholende Lohnentwicklung abschwĂ€cht, die Anhebung der Mehrwertsteuer auf Speisen in GaststĂ€tten keine Rolle mehr spielt und die massiven Preissteigerungen bei einzelnen Dienstleistungen wie Kfz-Versicherungen und Pflegeeinrichtungen auslaufen."
"Der kurzzeitige Teuerungsanstieg sollte nicht tĂ€uschen", sagt Michael Herzum, Leiter Volkswirtschaft beim Fondsanbieter Union Investment. Ein groĂer Teil gehe auf statistische Effekte bei Energie zurĂŒck. Die EZB stehe kurz davor, ihr Inflationsziel nachhaltig zu erreichen. Zwar sei die Teuerung bei Dienstleistungen noch zu hoch. "Doch die höchsten GehaltszuwĂ€chse liegen hinter uns, weil sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt eintrĂŒbt."
Wie reagiert die EZB?
Die EZB hat 2024 wegen des abgeebbten Inflationsdrucks im Euroraum die Leitzinsen viermal gesenkt - auf aktuell 3,0 Prozent beim richtungsweisenden Einlagenzinssatz. Ăkonomen erwarten 2025 weitere Zinssenkungen der Notenbank, die mittelfristig eine Teuerungsrate von zwei Prozent in der Eurozone anstrebt.
"Die Daten sind alles andere als ein Aufruf zu raschen Zinssenkungen", meint Ăkonom Heise von HQ Trust. Und Ulrike Kastens, Volkwirtin Europa beim Deutsche-Bank-Fondsanbieter DWS sagt: "Die heutigen Zahlen aus Deutschland sind ein deutlicher Warnschuss, die bestehenden Inflationsgefahren nicht vorschnell zu verharmlosen."

