VerbĂ€nde und Ăkonomen sehen schwierige Wirtschaftslage
25.08.2023 - 06:18:42WirtschaftsverbĂ€nde und Ăkonomen sehen Deutschland in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage mit vielen strukturellen Problemen. «Unser Land ist nicht mehr Wachstumslokomotive, sondern Bremsklotz - und das als immerhin die gröĂte Volkswirtschaft Europas», sagte DIHK-PrĂ€sidenten Peter Adrian der Deutschen Presse-Agentur.
«Es gilt, das Ruder rumzureiĂen.» Der Ăkonom Michael HĂŒther sagte: «Der Ukraine-Krieg hat schonungslos offengelegt, wie groĂ die strukturellen SchwĂ€chen inzwischen sind.» Bitkom-PrĂ€sident Ralf Wintergerst sagte: «Deutschland ist die wichtigste Volkswirtschaft Europas - das gilt nach wie vor. Wir machen aber den Fehler, uns seit Jahren auf unseren Lorbeeren auszuruhen.»
Die «Wirtschaftsweise» Veronika Grimm sagte auf die Frage, ob Deutschland wieder der «kranke Mann» Europas sei: «Ich glaube, man muss die Zeichen ernst nehmen. Die Wirtschaft hat zwei tiefgreifende Krisen erlebt. Zuerst die Pandemie, mit den Problemen in den Lieferketten und dem Einbruch der Produktion hierzulande. Dann kam der Angriff auf die Ukraine mit den Auswirkungen auf die Energieversorgung und die -preise.»
Eine Reihe fundamentaler Probleme
Das Statistische Bundesamt veröffentlicht heute Daten zur Konjunkturentwicklung. Nach vorlĂ€ufigen Berechnungen der Behörde war die deutsche Wirtschaft nach einem frostigen Konjunkturwinter auch im FrĂŒhjahr nicht in Schwung gekommen. Erneut macht der Begriff von Deutschland als «kranker Mann Europas», mit dem die britische Zeitschrift «Economist» Deutschland um die Jahrtausendwende bezeichnete, die Runde. In der jĂŒngsten Ausgabe des «Economist» hieĂ es auf dem Titelblatt: «Ist Deutschland der kranke Mann Europas?»
Marcel Fratzscher, PrĂ€sident des Deutschen Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung, sagte: «Deutschland ist nicht der kranke Mann Europas, sondern hat wirtschaftlich goldene 2010er Jahre gehabt und ist heute global sehr wettbewerbsfĂ€hig. Deutschland könnte jedoch wieder zum kranken Mann Europas werden, wenn es seine StĂ€rken jetzt nicht klug nutzt, um die ökologische, digitale und wirtschaftliche Transformation entschieden voranzubringen.»
Adrian, PrĂ€sident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sieht eine Reihe fundamentaler Probleme: hohe Energiepreise, wachsender FachkrĂ€ftemangel, fehlende Infrastruktur. «Das Gute: Die Probleme sind lösbar. Es ist aber Zeit loszulegen. Wenn wir vor allem bei der inzwischen ĂŒberbordenden BĂŒrokratie und komplizierten Genehmigungsverfahren auf allen Ebenen ernsthaft abspecken, können wir in Zukunft auch wieder an alte wirtschaftliche Erfolge anknĂŒpfen.»
Krisen gut gemeistert?
Laut Grimm hĂ€tten die hohen Energiepreise Deutschland wegen der energieintensiven Industrie hĂ€rter als andere LĂ€nder getroffen. «Darum muss man vorsichtig sein, die Wachstumsprognosen fĂŒr das Jahr 2023 eins zu eins zu vergleichen, allein schon, weil der Wirtschaftseinbruch durch die Krisen in einzelnen LĂ€ndern unterschiedlich ausfiel. Spanien schrumpfte in der Coronakrise um elf Prozent, Deutschland nur um fĂŒnfeinhalb â es ist nur logisch, dass sich die Wirtschaft in Spanien stĂ€rker erholen muss, um wieder auf Kurs zu kommen.»
Deutschland habe die Krisen gut gemeistert. «Angesichts der hohen Energiepreise war aber nicht zu erwarten, dass Deutschland aus dieser Krise mit Dynamik herauskommt», so Grimm. «Auf der anderen Seite liegen noch Aufgaben vor uns, das darf man nicht kleinreden.» Sie nannte AbhÀngigkeiten von China im Handel und bei kritischen Rohstoffen, den Ausbau der Energieerzeugung und der -netze, die Digitalisierung, den FachkrÀftemangel, das Bildungswesen und die Rente. «Und das alles inmitten der Transformation zur KlimaneutralitÀt mit ihrem immensen Investitionsbedarf.»
WettbewerbsfÀhigkeit steigern
Der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael HĂŒther, sagte: «Schon seit Jahren dĂ€mpfen hohe Unternehmenssteuern und LohnstĂŒckkosten sowie ein ineffizienter Staatsapparat die Investitionsstimmung. Hohe Energiepreise, gekoppelt mit dem FachkrĂ€ftemangel infolge demografischer Alterung und bröckelnder Infrastruktur machen unsere letzten Vorteile zunichte. Insbesondere in den energieintensiven Branchen droht eine veritable Deindustrialisierung.»
Wintergerst, PrĂ€sident des Digitalverbands Bitkom, sagte, es bestehe die reale Gefahr, dass Deutschland perspektivisch erheblich an wirtschaftlicher LeistungsfĂ€higkeit verliere. «Damit das nicht geschieht, mĂŒssen wir viel stĂ€rker als bisher auf die Steigerung unserer WettbewerbsfĂ€higkeit und die Förderung digitaler Technologien setzen.»
Fratzscher sagte, die Bundesregierung sollte ein Transformationsprogramm beschlieĂen, mit drei Elementen: «einen Abbau von BĂŒrokratie und Regulierung mit massiven Investitionen in eine exzellente Infrastruktur, staatliche Investitionen in Innovation, Forschung und Bildung, und eine StĂ€rkung der Sozialsysteme, damit Deutschland seine Potenziale besser heben kann und soziale Akzeptanz fĂŒr VerĂ€nderungen schafft.»


