Wirecard-Prozess: Gericht lehnt Aussetzung ab – Plädoyers im November geplant
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 15:18 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Das Landgericht München I hat die von der Verteidigung beantragte Aussetzung des seit fast vier Jahren laufenden Wirecard-Prozesses abgelehnt und hält an Plädoyers im November fest.
Richter wollen Verfahren fortsetzen
Das teilte ein Sprecher des Gerichts mit. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch machte am 285. Prozesstag deutlich, dass die Strafanträge von Staatsanwaltschaft und Verteidigern im November beginnen könnten.
Verteidigung fordert weitere Zeugin
Die Anwältinnen des seit Juli 2020 in Untersuchungshaft sitzenden früheren Wirecard-Vorstandschefs Markus Braun hatten die Aussetzung beantragt. Das hätte nicht nur eine Unterbrechung, sondern einen vollständigen Neustart der Hauptverhandlung zu einem späteren, noch nicht absehbaren Zeitpunkt bedeutet.
Die Verteidigung wollte zunächst den Ausgang eines separaten Betrugsverfahrens gegen eine frühere Wirecard-Managerin abwarten. Die Frau soll eine wichtige Rolle in dem 2020 aufgedeckten Milliardenbetrug gespielt haben. Sie war bereits im Frühjahr als Zeugin geladen worden, hatte aber die Aussage verweigert.
Milliardenschaden im Zentrum
Wirecard kollabierte im Juni 2020, nachdem in der Bilanz ausgewiesene Guthaben von 1,7 Milliarden Euro nicht auffindbar waren. Nach Darstellung der Anklage sollen Braun und Komplizen über Jahre nicht vorhandene Umsätze erfunden haben, um kreditgebende Banken zu täuschen.
Die Staatsanwaltschaft beziffert den Betrugsschaden auf drei Milliarden Euro. Braun weist die VorwĂĽrfe seit Prozessbeginn zurĂĽck.
Frist für weitere Beweisanträge
Die Verteidiger Brauns und seiner beiden Mitangeklagten können noch neue Beweisanträge stellen und die Ladung weiterer Zeugen beantragen. Födisch will innerhalb der kommenden zwei Wochen eine Frist dafür verkünden. Sie soll nur wenige Wochen dauern.
Nach dem Ende der Beweisaufnahme folgen die Strafanträge, die letzten Worte der Angeklagten und das Urteil.
Ein ungewöhnlich langes Strafverfahren
Der Wirecard-Prozess gehört zu den umfangreichsten deutschen Wirtschaftsstrafverfahren der vergangenen Jahrzehnte. Seit dem Kollaps des Zahlungsdienstleisters im Juni 2020 stehen die mutmaßlich erfundenen Umsätze, die Rolle früherer Manager und die Verantwortung für den milliardenschweren Schaden im Mittelpunkt. Das Verfahren gegen Markus Braun und zwei Mitangeklagte läuft seit fast vier Jahren.
Was die Entscheidung bedeutet
Mit der Ablehnung der Aussetzung hält das Gericht am bisherigen Zeitplan fest. Ein Neustart hätte die bisherige Beweisaufnahme entwertet und den Abschluss auf unabsehbare Zeit verschoben. Für die Verteidigung bleibt der Spielraum auf weitere Beweisanträge und Zeugenforderungen beschränkt; eine Frist dafür soll binnen zwei Wochen festgelegt werden.
Folgen fĂĽr den Wirecard-Komplex
Die geplanten Plädoyers im November würden den Prozess in die entscheidende Schlussphase führen. Danach folgen die letzten Worte der Angeklagten und das Urteil. Der Ausgang des Verfahrens ist auch deshalb bedeutsam, weil er die strafrechtliche Bewertung der Vorgänge um die verschwundenen 1,7 Milliarden Euro und den von der Staatsanwaltschaft bezifferten Schaden von drei Milliarden Euro festlegen soll. Unabhängig davon bleiben politische, regulatorische und zivilrechtliche Fragen des Wirecard-Skandals bestehen.
