WTO-Chefökonom warnt vor Deglobalisierung
04.01.2024 - 04:24:05Die Welthandelsorganisation (WTO) sieht Anzeichen einer Fragmentierung der Weltwirtschaft und warnt vor einer möglichen Deglobalisierung. «Die ökonomischen Kosten wĂ€ren sehr hoch», sagte der deutsche Chefökonom der Welthandelsorganisation, Ralph Ossa, der Deutschen Presse-Agentur. Und nicht nur das: Der Welthandel sei wichtig fĂŒr die Versorgungssicherheit, die Nachhaltigkeit und die Gerechtigkeit. Ossa sieht die Weltgemeinschaft an einem Scheideweg.
«Wir sehen erste Anzeichen dafĂŒr, dass es eine Reorientierung des Handels anhand geopolitischer EinflusssphĂ€ren gibt», sagte Ossa. Die WTO hat die Welt fĂŒr eine Untersuchung in zwei hypothetische Blöcke geteilt: auf der einen Seite LĂ€nder, die in den Vereinten Nationen mit den USA abstimmen und auf der anderen solche, die an der Seite Chinas standen. Der Handel innerhalb der Blöcke sei seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 vier bis sechs Prozent stĂ€rker gewachsen als zwischen den Blöcken.
Welt am Scheideweg
Die Situation sei noch nicht dramatisch, könne es aber werden, warnte Ossa. Die WTO hat berechnet, was passieren wĂŒrde, wenn die Welt tatsĂ€chlich in zwei rivalisierende Machtblöcke zerfiele und die Blöcke gegeneinander Handelsbarrieren aufbauten. In einem solchen Szenario wĂŒrden IndustrielĂ€nder bis 2050 durchschnittlich drei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts verlieren, arme und SchwellenlĂ€nder 6,5 Prozent, schrieb die WTO in ihrem Welthandelsbericht im Herbst 2023.
«Es wird gerade viel drĂŒber diskutiert, ob wir uns unabhĂ€ngiger machen sollen von anderen LĂ€ndern, ob wir vielleicht nur noch mit befreundeten Staaten handeln oder uns nur noch auf eigene Produktion verlassen sollen», sagt Ossa. Das berge die Gefahr, dass «aus dem Abflachen der Globalisierung eine Deglobalisierung wird». Noch sei die Welt davon weit entfernt. Sie stehe aber an einem Scheideweg. LĂ€nder mĂŒssten sich entscheiden, ob sie den Welthandel als Teil der Lösung von Problemen oder als Teil des Problems sehen. Die WTO mit ihren 164 MitgliedslĂ€ndern, deren Aufgabe es ist, fairen Welthandel zum Wohle aller zu fördern, sieht den Handel als Teil der Lösung.
In der Corona-Pandemie sei der Welthandel ein Segen gewesen, sagte Ossa - abgesehen von den AnfĂ€ngen, als LĂ€nder Exporte von wichtigen GĂŒtern wie Gesichtsmasken teils vorĂŒbergehend stoppten. Darunter war zeitweise auch Deutschland. Masken, Ausstattung fĂŒr das Home Office sowie Impfstoffe seien in internationalen Lieferketten produziert und durch den Handel verfĂŒgbar gemacht worden. Zudem wisse man nicht, wo der nĂ€chste Schock auftrete und wer dann die Lösung parat habe. Ein multilaterales Handelssystem stelle sicher, dass es in Krisen immer alternative Beschaffungsmöglichkeiten gebe.


