75 Prozent der Deutschen nehmen regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel
14.05.2026 - 06:30:13 | boerse-global.deRund drei Viertel der Deutschen greifen regelmäßig zu Vitaminen, Mineralstoffen oder Proteinpulvern. Das zeigen aktuelle Daten, die Mitte Mai auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) vorgestellt wurden.
Doch die Branche unterliegt einer Besonderheit: Nahrungsergänzungsmittel (NEM) müssen vor dem Verkauf weder auf Wirksamkeit noch auf Sicherheit geprüft werden. Eine einfache Anzeige beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) reicht aus. Kein Wunder also, dass Mediziner und Aufsichtsbehörden zunehmend alarmiert sind – vor allem bei neuen Trends wie hochdosierten Infusionen.
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Gefahr aus der Infusionsnadel
Besonders kritisch sehen Fachleute die sogenannten Longevity-Infusionen. In spezialisierten „Drip-Spas“ werden Vitamine und Mineralstoffe in hohen Konzentrationen direkt intravenös verabreicht. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnte Mitte Mai 2026 ausdrücklich vor diesen Anwendungen.
Der Grund: Die Infusionen besitzen in Deutschland keine Zulassung als Arzneimittel. Wirksamkeit und Nutzen-Risiko-Verhältnis sind nicht belegt. Mögliche Komplikationen reichen von Elektrolytstörungen und allergischen Reaktionen bis hin zu lebensgefährlichen Luftembolien.
Hinzu kommt: Es gibt keine gesetzlich festgelegten Höchstmengen für Inhaltsstoffe in NEM. Das erhöht die Gefahr einer dosisabhängigen Toxizität. Selbst wasserlösliche Vitamine wie B-Vitamine können bei Überdosierung gesundheitsschädlich wirken. Und weil kein verpflichtendes Nebenwirkungs-Monitoring existiert, bleibt das tatsächliche Ausmaß der Schäden oft im Dunkeln.
Den Jo-Jo-Effekt austricksen
Im Bereich Gewichtsmanagement setzen Forscher neue Hoffnungen in den Darm. Studien im Fachjournal Nature Medicine deuten darauf hin, dass bestimmte Bakterienstämme helfen könnten, das Gewicht nach einer Diät stabil zu halten.
In einer Untersuchung mit einem Präparat auf Basis von Akkermansia muciniphila bewahrten Probanden nach 24 Wochen etwa 85 Prozent ihres Diäterfolgs. Die Vergleichsgruppe schnitt deutlich schlechter ab.
Parallel dazu werden medikamentöse Ansätze wie Orforglipron-Tabletten getestet. Teilnehmer einer Studie behielten nach einem Jahr rund 75 bis 80 Prozent ihres Gewichtsverlusts. Doch Fachleute mahnen zur Vorsicht: Die Studienlage sei oft dünn, Interessenkonflikte bei Forschern nicht selten.
Was wirklich hilft, zeigt eine Untersuchung der European Association for the Study of Obesity (EASO) mit über 3.700 Teilnehmern: Bereits rund 8.500 Schritte täglich minimieren den Jo-Jo-Effekt signifikant.
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Mythen und Fakten auf dem Teller
Während der Supplement-Markt boomt, bleibt die Aufklärung über grundlegende Ernährung ein zentrales Thema. Bei einer Podiumsdiskussion in Berlin Anfang Mai 2026 räumten Experten mit verbreiteten Irrtümern auf.
Eine gezielte „Darmreinigung“ sei medizinisch unnötig – das Organ regeneriere sich selbst. Auch die Kennzeichnung als „zuckerfrei“ hält kritischer Prüfung oft nicht stand. Rezepte mit Datteln oder Agavendicksaft enthalten faktisch Zuckerarten, die den Stoffwechsel belasten.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die WHO geben klare Richtlinien vor: maximal 50 Gramm freien Zucker pro Tag, besser unter 25 Gramm. Der Proteinbedarf liegt bei 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, bei Menschen ab 65 Jahren bei 1 Gramm.
Doch in der Praxis zeigt sich eine Diskrepanz: Viele Verbraucher greifen zu teuren Supplements, während grundlegende Empfehlungen wie 30 Gramm Ballaststoffe täglich von den meisten nicht erreicht werden.
Ballaststoffe und Bakterien als Schlüssel
Ballaststoffe senken nachweislich das Risiko für Diabetes Typ-2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten. Sie stecken in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen. Lösliche Varianten aus Äpfeln oder Hafer beeinflussen den Cholesterinspiegel positiv, unlösliche fördern die Verdauung.
Auch Multispezies-Probiotika rücken in den Fokus der Forschung. Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie untersuchte die Wirkung einer Bakterienkombination auf den Glucosestoffwechsel. Nach zwölf Wochen zeigten die Probanden signifikant niedrigere Nüchternblutzuckerwerte und verbesserte Entzündungsmarker.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass gezielt eingesetzte Probiotika über die Darmgesundheit hinaus metabolische Prozesse beeinflussen können. Allerdings bleibt weitere Forschung zur langfristigen Anwendung nötig.
Der Trend zur Selbstoptimierung
Der wachsende Markt für Nahrungsergänzungsmittel spiegelt einen gesellschaftlichen Trend wider. Selbst prominente Skeptiker wie der Biologe Bas Kast haben ihre Haltung revidiert und weisen in neuen Publikationen auf die Wirksamkeit spezifischer Nährstoffe für gesundes Altern hin.
Die Grenze zwischen Ernährung und Pharmakologie verschwimmt zunehmend. Wirtschaftlich profitiert die Branche vom geringen regulatorischen Aufwand: Die Innovationsgeschwindigkeit ist hoch, die Sicherheitsschwelle niedrig. Fachgesellschaften wie die DGIM fordern daher eine bessere Überwachung und klare Obergrenzen für Inhaltsstoffe.
Was kommt als Nächstes?
Experten erwarten eine weitere Ausdifferenzierung des Marktes. Im Zentrum steht die personalisierte Ernährung auf Basis individueller Biomarker und Mikrobiom-Analysen.
Studien der University of Sydney deuten darauf hin, dass bereits eine vierwöchige Umstellung auf pflanzenbasierte, ballaststoffreiche Kost das biologische Alter messbar senken kann. Die Forschung an Darmbakterien wie Akkermansia muciniphila könnte zudem neue Wege in der Adipositas-Therapie eröffnen.
Bis dahin raten Mediziner: Supplemente nur bei nachgewiesenem Mangel und unter fachlicher Aufsicht verwenden. Die Debatte um strengere Regulierung und Kennzeichnungspflicht dürfte angesichts steigender Konsumentenzahlen weiter an Intensität gewinnen.
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