ActivTrak-Report: KI-Nutzer verlieren 9 Prozent ihrer Konzentrationszeit
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 07:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn vielen Unternehmen gilt ein lückenlos gefüllter Terminkalender noch immer als Ausweis von Leistungsstärke. Doch dieses Bild trügt zunehmend. Der Organisationsentwickler David Bausch warnte in einem Podcast des Magazins t3n vor dem Phänomen der sogenannten Scheinbeschäftigung. Dabei handele es sich um Tätigkeiten ohne tatsächlichen Wertbeitrag, die häufig erst durch bestehende Vorgaben aus Führung und Unternehmenskultur entstehen.
Vorgesetzte machten oft den Fehler, dauerhaft Beschäftigte mit vollen Kalendern fälschlicherweise als Leistungsträger einzustufen und entsprechend zu belohnen.
Das Paradoxon neuer Technologien und steigender Belastung
Statt durch moderne Arbeitsmittel Entlastung zu schaffen, droht vielerorts eine Produktivitätsfalle. Wie Bausch darlegte, sorge etwa der Einsatz künstlicher Intelligenz bislang keineswegs automatisch für kreative Freiräume.
Wenn administrative Aufgaben oder Dokumentationsprozesse automatisiert würden, führe dies auf Führungsebene häufig nur dazu, die Leistungsanforderungen weiter nach oben zu schrauben und mehr Taktung einzufordern.
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Eine zeitgemäße Leistungsmessung müsse sich laut Bausch deshalb am konkreten Ergebnis statt an der abgesessenen Arbeitszeit orientieren. Das starre Modell der 40-Stunden-Woche stamme schließlich noch aus dem Industriezeitalter.
Auch der US-Informatiker und Fachbuchautor Cal Newport wies auf diesen Mechanismus hin. Digitale Werkzeuge führten in vielen Fällen dazu, dass Beschäftigte vor allem mehr oberflächliche und mental ermüdende Aufgaben in kürzerer Zeit abwickeln, anstatt Ruhe für konzentriertes Denken zu gewinnen.
Newport stützt sich dabei unter anderem auf Daten eines ActivTrak-Reports, der 163.638 Beschäftigte aus 1.111 Organisationen erfasste. Bei Nutzern von Automations- und KI-Werkzeugen kletterte der Zeitaufwand für E-Mails demnach um 104 Prozent und für Chats um 145 Prozent, während die Nutzung von Management-Software um 94 Prozent zulegte.
Die tägliche ungestörte Konzentrationszeit ging parallel dazu um 9 Prozent zurück. Newport empfiehlt daher, Ergebnisse primär an Qualität und echtem Nutzen auszurichten und geschützte, reaktionsfreie Zeitfenster im Arbeitsalltag verbindlich zu etablieren.
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Ständige Störungen und unklare Wertschöpfung
Die Schwierigkeit, im Berufsalltag tiefergehend zu arbeiten, betrifft weite Teile der Belegschaften. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter Bürobeschäftigten zeigte, dass über ein Viertel der Befragten nicht einmal eine einzige Stunde ungestört arbeiten kann.
Zudem vermissen 38 Prozent ein Umfeld, das vertiefte Aufgaben überhaupt ermöglicht. Vor allem Großraumbüros mit sieben oder mehr Plätzen gelten drei Vierteln der Angestellten als Hindernis, 84 Prozent fordern mehr Ruhezonen. Als stärkste Belastungsfaktoren rangieren Telefonate, Unterhaltungen von Kollegen und spontane Unterbrechungen.
Hinzu kommt, dass der tatsächliche ökonomische Beitrag neuer Hilfsmittel vielerorts im Dunkeln liegt. Laut dem Bericht zum Stand der KI von McKinsey haben zwar 49 Prozent der befragten deutschen Betriebe entsprechende Technologien breit ausgerollt, allerdings können 43 Prozent deren Ergebnisbeitrag bislang nicht beziffern.
Arbeitsforscher wie Hans Rusinek mahnen deshalb an, Arbeitsabläufe grundlegend neu zu denken, statt lediglich die Belastbarkeit der Mitarbeiter zu strapazieren. Reines Tempo und oberflächliche Effizienz seien keinesfalls mit nachhaltiger Produktivität gleichzusetzen.
