ADHD und innere Uhr: Bei bis zu 78 Prozent ist der Schlafrhythmus verschoben
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 03:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein gestörter zirkadianer Rhythmus bei Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitÀtsstörung (ADHD) wird in der klinischen Praxis oft als Begleiterscheinung wahrgenommen.
Ein Perspektivenpapier in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry stellt diese KausalitĂ€t nun infrage: Die Autoren Brandon Luu von der Queen's University in Kanada und Nicholas Fabiano von der University of Ottawa argumentieren, dass Verschiebungen der inneren biologischen Uhr nicht bloĂ eine Folge, sondern eine potenzielle Ursache der Störung sein könnten. Neueste Befunde rĂŒcken zirkadiane Fehlregulationen damit als eigenstĂ€ndigen, behandelbaren PhĂ€notyp von ADHD in den Mittelpunkt.
Verzögerte biologische Rhythmen und messbare Marker
Laut einer aktuellen wissenschaftlichen Ăbersichtsarbeit weisen 73 bis 78 Prozent der Kinder und Erwachsenen mit ADHD eine signifikant verzögerte Schlaf-Wach-Phase auf. Zudem zeigen bis zu 78 Prozent der Betroffenen ein nach hinten verschobenes Schlaftiming, bei dem die AusschĂŒttung des Schlafhormons Melatonin merklich spĂ€ter einsetzt.
Bei Kindern mit ADHD verzögert sich der Melatonineinsatz im Schnitt um etwa 45 Minuten, bei Erwachsenen um rund 90 Minuten. Insgesamt sind Insomnie und Schlafbeschwerden bei bis zu 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHD dokumentiert.
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Diese Verschiebungen spiegeln sich in physiologischen Parametern wider. So verlĂ€uft der Cortisol-Zyklus bei ADHD-Betroffenen hĂ€ufig verzögert und in abgeschwĂ€chter Form. MRT-Untersuchungen zeigen zudem ein verringertes Volumen der PinealdrĂŒse, die fĂŒr die Melatoninproduktion zustĂ€ndig ist. Auch die sogenannten Clock-Gene weisen weniger ausgeprĂ€gte Tagesrhythmen auf.
Wie stark Schlafprofile generell in der Bevölkerung variieren, zeigte bereits eine US-amerikanische Untersuchung in PLOS One aus dem Jahr 2017 an 53.689 Personen: Damals wurden 40 Prozent dem frĂŒhen Chronotyp mit einer Schlafmitte vor 3 Uhr zugeordnet, 44 Prozent dem mittleren Chronotyp mit einer Schlafmitte zwischen 3 und 5 Uhr und 16 Prozent dem spĂ€ten Chronotyp mit einer Schlafmitte nach 5 Uhr.
Wechselwirkungen zwischen Schlafmuster und Symptomen
Studien deuten auf einen klaren Zusammenhang zwischen ausgeprĂ€gten Abend- und NachtprĂ€ferenzen sowie neuropsychiatrischen Erkrankungen einschlieĂlich ADHD hin. UnregelmĂ€Ăige Schlafmuster stehen dabei im Verdacht, Kernsymptome wie Konzentrationsschwierigkeiten und ImpulsivitĂ€t zusĂ€tzlich zu verstĂ€rken.
Koautor Brandon Luu erlebte diese Mechanismen nach eigenen Angaben in seiner Jugend selbst: HÀufiges Einschlafen erst nach 2 Uhr nachts habe seine SchlafqualitÀt, die Morgenstunden sowie seine schulischen Leistungen beeintrÀchtigt.
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Screening-Bedarf und therapeutische AnsÀtze
Vor diesem Hintergrund plĂ€dieren Luu und Fabiano fĂŒr die EinfĂŒhrung von Routine-Screenings auf Schlaf- und Rhythmusstörungen im Rahmen der Diagnostik. Ein kontinuierliches Schlaf-Tracking könne hierbei als kostengĂŒnstiges und risikoarmes Instrument dienen.
In der Psychiatrie wird parallel erforscht, ob fehlgesteuerte innere Uhren auch an der Entstehung von Depressionen, Schizophrenie und weiteren Störungen beteiligt sind. Getestet werden unter anderem MaĂnahmen zur Phasenverschiebung wie die strukturierte Morgenlichttherapie, feste Aufwachzeiten und zeitlich gezielt getaktete Bewegung.
FĂŒr die ADHD-Therapie seien allerdings weitere Untersuchungen erforderlich, um die biologischen Mechanismen exakt zu entschlĂŒsseln und praktische Leitlinien fĂŒr das Schlafmanagement zu etablieren.
