ADHS, Erwachsenen

ADHS bei Erwachsenen: Diagnosen verdreifacht in zehn Jahren

Veröffentlicht am: 06.07.2026 um 18:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de

ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen haben sich verdreifacht. Experten sehen Fortschritte, warnen aber vor Selbstdiagnosen und langen Wartezeiten.

ADHS bei Erwachsenen: Diagnosen steigen rasant an
Eine nachdenkliche erwachsene Person sitzt an einem Schreibtisch, umgeben von unscharfen BĂŒroelementen, mit einem konzentrierten Ausdruck. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen hat sich innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Alexandra Philipsen von der Uniklinik Bonn bewertet diese Entwicklung positiv – sie zeige eine wachsende Sensibilisierung und Enttabuisierung der Störung.

Doch Mediziner warnen vor Selbstdiagnosen. Besonders soziale Medien befeuern den Trend, sich selbst zu etikettieren. Eine klinisch relevante ADHS setze erhebliche BeeintrĂ€chtigungen voraus, die weit ĂŒber alltĂ€gliche KonzentrationsschwĂ€chen hinausgehen.

Hohe Dunkelziffer und spÀte Diagnosen bei Frauen

Trotz des Anstiegs bleibt die VersorgungslĂŒcke groß. SchĂ€tzungen zufolge sind 2,5 bis 4 Prozent der Erwachsenen betroffen – diagnostiziert sind aber nur 0,4 bis 0,7 Prozent. Besonders Frauen erhalten ihre Diagnose oft spĂ€t, hĂ€ufig erst in den Wechseljahren.

„Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ – ein neues Modell

Die Forschung arbeitet an neuen ErklĂ€rungsansĂ€tzen. Mohammad Dawood Rahimi von der Freien UniversitĂ€t Berlin beschreibt ADHS in einer wissenschaftlichen Arbeit als „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ (EDHD). Dem Modell zufolge handelt es sich um ein Energiedefizit des Gehirns, das durch HyperaktivitĂ€t kompensiert werden soll.

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Parallel dazu gibt es vielversprechende TherapieansÀtze. Eine im Mai 2026 im Fachjournal Nutritional Neuroscience veröffentlichte Studie zeigt: Die Kombination aus Koffein und L-Theanin verbessert die selektive Aufmerksamkeit bei Jugendlichen signifikant. Die EffektstÀrke sei mit herkömmlichen Stimulanzien wie Methylphenidat vergleichbar.

Auch die Epigenetik liefert neue Hinweise. Eine im JAMA Network Open publizierte US-Kohortenstudie mit ĂŒber 15.000 Mutter-Kind-Paaren stellte fest: Kinder von Eltern mit Fruchtbarkeitsproblemen haben ein höheres ADHS- und Autismus-Risiko – unabhĂ€ngig davon, ob eine FertilitĂ€tsbehandlung stattfand.

Monatelange Wartezeiten treiben Patienten zu Online-Angeboten

Ein zentrales Problem bleibt die mangelnde VerfĂŒgbarkeit von DiagnoseplĂ€tzen. Patienten warten im Schnitt sechs bis zwölf Monate auf eine fachĂ€rztliche AbklĂ€rung. Die Folge: Betroffene greifen vermehrt auf private Anbieter mit Online-Selbsttests zurĂŒck. Diese ersetzen keine Ă€rztliche Diagnose, versprechen aber schnelle Orientierung.

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Ein weiterer Trend zeichnet sich im Bildungssektor ab. Laut einer Studie im Journal of Affective Disorders nutzen bereits 18 Prozent der College-Studierenden in den USA KI wie ChatGPT als Ersatz fĂŒr psychologische Beratung. Beratungsstellen an UniversitĂ€ten, etwa in der Schweiz, bestĂ€tigen diesen Trend – warnen aber ausdrĂŒcklich davor, KI bei schweren Krisen als Therapieersatz zu betrachten.

Bildungspolitik fordert systematischere Erfassung

Auch die Schulen rĂŒcken in den Fokus. Der sĂ€chsische Kultusminister Conrad Clemens forderte im Juli 2026 eine pĂ€dagogische Verlaufsdiagnostik ĂŒber mehrere Schuljahre. Ziel: die Kompetenzentwicklung prĂ€ziser messen und frĂŒhzeitig auf Probleme wie sinkende KonzentrationsfĂ€higkeit oder steigende ADHS-Fallzahlen reagieren.

Diskutiert wird zudem eine bundeseinheitliche SchĂŒler-ID. DatenschĂŒtzer und Bildungsgewerkschaften sehen das kritisch.

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