ADHS, Neudiagnosen

ADHS bei Kindern: Neudiagnosen steigen in Baden-Württemberg um 11 Prozent

Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 10:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de

DAK-Auswertungen zeigen steigende Erstdiagnosen in Baden-Württemberg und Bayern; Fachleute betonen sorgfältige Abklärung und berichten von langen Wartezeiten.

DAK-Daten: Mehr ADHS-Neudiagnosen bei Kindern in mehreren Ländern
Ein heller, moderner Wartebereich in einer Kinderarztpraxis mit hölzernen Möbeln und bunten Wandelementen. Illustration mit AI erstellt.

Sonderanalysen der Krankenkasse DAK für das Jahr 2024 belegen einen deutlichen Zuwachs bei den Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes- und Jugendalter in mehreren Bundesländern. Regionale Abrechnungsdaten verdeutlichen diese Entwicklung, werfen zugleich aber auch Fragen zu den Ursachen und zur Versorgungslage auf.

Regionale Auswertungen zeigen steigende Fallzahlen

In Baden-Württemberg stiegen die ADHS-Neudiagnosen bei Kindern und Jugendlichen im Jahr 2024 gegenüber 2023 um 11 Prozent. Bei Mädchen verzeichnete die DAK dort sogar einen Anstieg um 16 Prozent. Insgesamt wurden im Südwesten 5,3 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen wegen ADHS medizinisch versorgt, während der bundesweite Wert laut DAK bei 5,23 Prozent lag.

Die Auswertung für Baden-Württemberg basiert auf den Abrechnungsdaten von rund 86.800 dort versicherten Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahre. Fachleute weisen darauf hin, dass die höheren Zahlen nicht zwingend eine reale Zunahme von Erkrankungen bedeuten. Mediziner seien sensibler für die Thematik und stellten Diagnosen früher.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Bayern: Laut der DAK Bayern erhielten im Jahr 2024 gut 1,8 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen erstmals eine ADHS-Diagnose, was einem Zuwachs von 17 Prozent gegenüber 2023 entspricht.

Insgesamt befanden sich im Freistaat 5,8 Prozent dieser Altersgruppe wegen ADHS in medizinischer Versorgung. Jungen erhielten fast doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Zugleich stiegen die Neudiagnosen 2024 im Vergleich zum Vorjahr bei Jungen um rund 20 Prozent und bei Mädchen um 13 Prozent.

Der bayerische Report stützt sich auf Abrechnungsdaten von rund 108.100 versicherten Kindern und Jugendlichen sowie auf rund 5,7 Millionen Versorgungskontakte im Zeitraum von 2019 bis 2024. Dem Bericht zufolge könnten die Zuwächse in den Jahren 2023 und 2024 unter anderem mit pandemiebedingt verzögerten Diagnosen zusammenhängen.

Fachliche Standards und differenzierte Abklärung

Vor dem Hintergrund der wachsenden Fallzahlen warnt der Expertenrat ADHS davor, einen geäußerten Verdacht vor einer fachlichen Abklärung vorschnell als bloße Wunschdiagnose oder psychologisches Bedürfnis abzutun. Anlass für diese Stellungnahme ist eine Debatte über einen Beitrag von Torben Schubert und Clara Lensing, der im Fachblatt Psychotherapeutenjournal veröffentlicht wurde.

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Nach Angaben des Expertenrats könne ein Verdacht im Zuge der Untersuchung bestätigt werden, es könnten sich jedoch ebenso andere Ursachen oder Begleitstörungen herausstellen oder die Kriterien unvollständig bleiben.

Das Gremium betont die Notwendigkeit einer sorgfältigen Prüfung aller Symptome, Beeinträchtigungen, der Entwicklung seit Kindheit und Jugend sowie verschiedener Lebensbereiche und möglicher Differenzialdiagnosen. Zudem verweist der Rat auf eine Untersuchung deutschsprachiger TikTok-Videos, die erhebliche Qualitätsdefizite bei Informationen über psychische Störungen festgestellt hatte.

Steigende Nachfrage führt zu langen Wartezeiten

Auch Ausbildungsinstitute und spezialisierte Anlaufstellen spüren ein starkes Interesse. Die Psychologische Universitätsambulanz der Sigmund Freud Privatuniversität verzeichnete binnen eines Jahres 60 Prozent mehr Erstgespräche.

Wie eine Psychologin der Einrichtung einordnet, bedeute die höhere Nachfrage jedoch nicht automatisch, dass tatsächlich mehr Erkrankungen vorliegen. Vor allem Diagnostiktermine für ADHS und Autismus würden vermehrt nachgefragt. Bei Mädchen bestehe das Risiko, dass die Störung übersehen werde, da sie häufiger unaufmerksame Symptome zeigen.

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In der Erwachsenenambulanz der Einrichtung bestätigte sich der Verdacht demnach bei weniger als der Hälfte der untersuchten Personen. Fachleute stellen klar, dass Medienkonsum kein ADHS verursache, Schlafmangel jedoch Aufmerksamkeit und Konzentration spürbar beeinträchtigen könne.

Der Andrang führt zu erheblichen Verzögerungen: Die Wartezeit beträgt dort rund 20 Wochen bis zum ersten Behandlungstermin und mehr als sechs Monate für eine umfassende Diagnostik.

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