ADHS, Neudiagnosen

ADHS bei Kindern: Neudiagnosen steigen in Bayern binnen Jahresfrist um 17 Prozent

Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 06:21 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Kassendaten zeigen mehr ADHS-Neudiagnosen und Psychopharmaka-Verordnungen; zugleich untersucht ein Forschungsprojekt psychische Gesundheit und Kinderwunsch.

ADHS-Diagnosen bei Kindern steigen, Forschung untersucht psychische Gesundheit
Ein minimalistischer, leerer Wartebereich in einer modernen Praxis mit hellem Tageslicht und einer einzelnen Holzbank. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und Auswertungen von Versorgungsdaten beleuchten die Wechselwirkungen zwischen psychischer Gesundheit, demografischen Entwicklungen und einer verÀnderten Diagnosepraxis. Dabei stehen sowohl langfristige Fragestellungen rund um den Kinderwunsch als auch deutliche ZuwÀchse bei Diagnosen wie ADHS im Kindes- und Jugendalter im Mittelpunkt.

Psychische Gesundheit und FertilitÀt im demografischen Fokus

Der Zusammenhang zwischen seelischem Wohlbefinden und Lebensplanung gewinnt in der Forschung an Bedeutung. Laut einer 2024 in der Fachzeitschrift Population and Development Review veröffentlichten Untersuchung der Demografinnen Ester Lazzari von der UniversitĂ€t Wien und Éva Beaujouan bekommt die HĂ€lfte der MĂ€nner und Frauen weniger Kinder als ursprĂŒnglich erwartet.

Lazzari erhielt im September 2026 einen ERC Starting Grant fĂŒr ein fĂŒnfjĂ€hriges Forschungsprojekt, das den Einfluss der psychischen Gesundheit auf den Kinderwunsch auf Basis von LĂ€ngsschnittdaten aus neun LĂ€ndern analysiert: Australien, Japan, SĂŒdkorea, Norwegen, Großbritannien, der Schweiz, Deutschland, den USA und den Niederlanden.

FrĂŒhere Auswertungen im Rahmen ihrer Promotion an der Australian National University (2019–2023) zeigten bereits, dass Verfahren wie IVF in 5% der FertilitĂ€tsrate einfließen; bei Frauen ab 40 Jahren geht fast jede fĂŒnfte Geburt auf assistierte Schwangerschaft zurĂŒck.

Steigende ADHS-Fallzahlen in den deutschen BundeslÀndern

Parallel dazu dokumentieren Krankenkassenberichte eine Zunahme diagnostizierter psychischer AuffĂ€lligkeiten bei Heranwachsenden. Eine Sonderanalyse der DAK-Gesundheit in Zusammenarbeit mit Vandage und der UniversitĂ€t Bielefeld, die Abrechnungsdaten von rund 86.800 versicherten Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahre auswertete, verzeichnete fĂŒr Baden-WĂŒrttemberg im Jahr 2024 ein Plus von 11% bei ADHS-Neudiagnosen im Vergleich zum Vorjahr.

Bei MĂ€dchen betrug der Anstieg 16%. Insgesamt wurden 2024 in Baden-WĂŒrttemberg 5,3% der 3- bis 17-JĂ€hrigen wegen ADHS versorgt, verglichen mit einem bundesweiten Durchschnitt von 5,23%. Jan Steffen JĂŒrgensen vom Klinikum Stuttgart wies darauf hin, dass dieser Anstieg nicht zwingend mehr Erkrankungen bedeute, sondern Ärzte sensibler diagnostizieren.

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In Bayern erhielten 2024 gut 1,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen erstmals eine ADHS-Diagnose — ein Anstieg von 17 Prozent binnen Jahresfrist. Fachleute betonen, dass sensibleres Diagnostizieren nicht automatisch mehr Erkrankungen bedeutet. Wie Sie Symptome bei Ihrem Kind strukturiert beobachten und das GesprĂ€ch mit der Kinderarztpraxis vorbereiten, zeigt dieser kostenlose Leitfaden. Kostenlosen Elternleitfaden jetzt anfordern

Ein Ă€hnliches Bild zeigt der DAK-Kinder- und Jugendreport fĂŒr Bayern auf Basis von Daten von rund 108.100 Versicherten und 5,7 Millionen Versorgungskontakten zwischen 2019 und 2024. Im Jahr 2024 erhielten dort gut 1,8% der Heranwachsenden erstmals eine ADHS-Diagnose, ein Zuwachs von 17% binnen Jahresfrist.

Insgesamt befanden sich 5,8% der 3- bis 17-JĂ€hrigen in Behandlung. GegenlĂ€ufig zum Bundestrend stiegen Neudiagnosen bei Jungen um 20% und bei MĂ€dchen um 13%. Inga Schumann von der Kirinus Tagesklinik merkte an, dass die Ursache des Anstiegs unklar sei und Merkmale bei MĂ€dchen stĂ€rker in den Blick genommen werden mĂŒssten.

Bundesweite Auswertungen der KKH bei mehr als 234.600 Versicherten zeigen zudem, dass der Anteil der 6- bis 18-JĂ€hrigen mit Psychopharmaka-Verordnungen von 2014 bis 2024 um rund 18% stieg; 2024 erhielten 2,68% der Versicherten (rund 6.300 Heranwachsende) entsprechende PrĂ€parate. Der KKH-Apotheker Sven Seißelberg betonte die Notwendigkeit eines sorgfĂ€ltig abgewogenen Einsatzes, auch mit Blick auf Off-Label-Anwendungen bei Kindern.

Internationale Debatte ĂŒber Versorgungsstrukturen und Belastungen

Im internationalen Raum rĂŒcken VersorgungsqualitĂ€t und Diagnosestandards verstĂ€rkt in den Fokus. Eine 2025 von der britischen Regierung beauftragte Untersuchung warnte vor Fehl- und Überdiagnosen bei ADHS und Autismus. Laut dem Bericht stiegen ADHS-Überweisungen von monatlich rund 5.000 im Jahr 2019 auf etwa 17.000 im Jahr 2024, wĂ€hrend die Verschreibungen seit 2024 um 20% zulegten.

Der Psychologe Peter Fonagy Ă€ußerte Bedenken hinsichtlich der QualitĂ€t privater Anbieter, die mehr als die HĂ€lfte der NHS-finanzierten ADHS-AbklĂ€rungen vornehmen. Gesundheitsministerin Yvette Cooper kĂŒndigte daraufhin eine strengere Aufsicht an.

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Bundesweit stieg der Anteil der 6- bis 18-JĂ€hrigen mit Psychopharmaka-Verordnungen zwischen 2014 und 2024 um rund 18 Prozent. Viele Eltern fragen sich deshalb: Muss es immer Medikation sein — und welche Alternativen gibt es? Dieser Leitfaden erklĂ€rt Diagnosewege, Zweitmeinung und Behandlungsoptionen in verstĂ€ndlichen Schritten. Leitfaden zu Diagnose und Zweitmeinung sichern

Dass junge Menschen zugleich unter hohem Druck stehen, zeigte 2024 die französische Mentalo-Studie (Inserm/UniversitĂ€t Paris CitĂ©) mit ĂŒber 20.000 Teilnehmenden: 87% empfanden Erfolgsdruck und fast ein Drittel wies ein Risiko fĂŒr moderate bis schwere Belastungen auf.

Bei SchĂŒlerinnen der Sekundarstufe I sank der Anteil jener, denen es nach eigener Aussage gut ging, zwischen 2024 und 2026 von 66% auf 37%. Studienleiterin Karine Chevreul sah darin nicht mangelnde Resilienz, sondern gestiegene Belastungen im Schulalltag.

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