ADHS-Diagnosen, Regierungsprüfung

ADHS-Diagnosen bei Kindern: Regierungsprüfung warnt vor Fehlentscheidungen

Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 22:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine englische Regierungsprüfung sieht Risiken durch steigende Diagnosen, lange Wartezeiten und uneinheitliche Standards bei ADHS und Autismus.

England prüft ADHS- und Autismusdiagnosen: Warnung vor Fehlbefunden
Ein leerer, sonnendurchfluteter Klassenraum mit leeren Holztischen und Stühlen in einer ruhigen, minimalistischen Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

Eine unabhängige Regierungsprüfung in England unter der Leitung von Peter Fonagy warnt vor möglichen Über- und Fehldiagnosen bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie Autismus. Wegen veralteter Datensätze kann die Untersuchung eine Überdiagnose in großem Maßstab zwar nicht abschließend bestätigen.

Bei einem Anhalten der aktuellen Entwicklung sieht die Review jedoch ein wachsendes Risiko für Fehlentscheidungen, insbesondere wenn formale Diagnosen statt des tatsächlichen Unterstützungsbedarfs im Mittelpunkt stehen. Laut dem Bericht hat die mentale Belastung bei Kindern und Jugendlichen spürbar zugenommen.

Starker Anstieg bei Diagnosen und Überweisungen

Die Auswertungen der englischen Prüfung verdeutlichen eine massive Zunahme der registrierten Fälle über die vergangenen Jahrzehnte. Die erfassten Autismusdiagnosen bei 6- bis 11-Jährigen kletterten von 0,24 % im Jahr 2000 auf 4,58 % im Jahr 2025, was mehr als einer Verzwanzigfachung entspricht.

Bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren stieg der Wert im selben Zeitraum von 0,10 % auf 4,06 % – ein Anstieg um mehr als das Vierzigfache. Besonders ausgeprägt zeigt sich die Entwicklung bei Jungen zwischen 6 und 11 Jahren: Hier wuchsen die erfassten Autismusdiagnosen von 0,4 % im Jahr 2000 auf 6,3 % im Jahr 2025.

Demgegenüber liegt die beste verfügbare Schätzung der tatsächlichen Autismusprävalenz bei jungen Menschen bei rund 1,2 %, während wissenschaftliche Studien die tatsächliche Prävalenz im Bereich von 1–2 % verorten.

Für die Altersgruppe der 5- bis 19-Jährigen beziffert die Untersuchung die geschätzte Autismusprävalenz auf 1,2 %, während die ADHS-Prävalenz bei 5- bis 15-Jährigen auf 3,8 % geschätzt wird. Für Erwachsene fehlen vergleichbare Daten.

Auch die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems hat sich vervielfacht. Die monatlichen Überweisungen zur ADHS-Diagnostik stiegen von rund 5.000 im Jahr 2019 auf rund 17.000 im Jahr 2024. Zum Jahresende 2025 verzeichnete das System über 560.000 offene Überweisungen – mehr als 17-mal so viele wie 2019. Die entsprechenden Verschreibungen legten seit 2024 zudem um 20 % zu.

Risiken von Fehldiagnosen und Rolle privater Anbieter

Bestehende Versorgungsengpässe erhöhen laut dem Bericht das Risiko ungenauer Befunde. Fehldiagnosen könnten falsche Behandlungen nach sich ziehen und andere Ursachen überdecken, während Überdiagnosen normale Entwicklungserfahrungen medikalisieren könnten. Zugleich bestehe eine Untererkennung fort, unter anderem bei Mädchen und Frauen, Pflegekindern und manchen Minderheiten.

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Die englische Regierungsprüfung zeigt: Erfasste Autismusdiagnosen bei 6- bis 11-Jährigen stiegen von 0,24 % im Jahr 2000 auf 4,58 % im Jahr 2025 — während die geschätzte tatsächliche Prävalenz bei jungen Menschen nur rund 1,2 % beträgt. Wer für sein Kind eine Abklärung sucht, braucht deshalb ein Verfahren, das den Verdacht ergebnisoffen prüft statt ihn vorschnell zu bestätigen. Der kostenlose Leitfaden zeigt in 3 Schritten, wie eine fundierte Diagnostik abläuft und woran Sie seriöse Anbieter erkennen. Diagnostik-Leitfaden jetzt anfordern

Die langfristigen Folgen sind erheblich: Junge Menschen mit einer ADHS- oder Autismusdiagnose vor dem 17. Lebensjahr sind zwischen 16 und 24 Jahren etwa viermal häufiger weder in Ausbildung noch beschäftigt; die geschätzten Lebenskosten belaufen sich auf £244.000 je betroffener Person.

Einen wachsenden Anteil an der Diagnostik haben kommerzielle Dienstleister. Private Anbieter führen über die Hälfte der vom National Health Service (NHS) finanzierten ADHS-Abklärungen und rund ein Drittel der Autismus-Abklärungen durch. Die Kosten für private ADHS-Angebote stiegen innerhalb von drei Jahren um rund 252 %.

Politische Reaktionen und Standards der Diagnostik

Die Review fordert eine Reform hin zu bedarfsorientierter Hilfe statt rein diagnosebasierter Zuweisung, eine strengere Regulierung privater Anbieter sowie eine Aufsicht aller ADHS- und Autismusdiagnostiken durch die Care Quality Commission (CQC); finanzielle Auswirkungen dieser Schritte wurden nicht untersucht.

Yvette Cooper kündigte eine CQC-Regulierung für alle Diagnostiken sowie ein Verbot direkter Werbung an. Die Regierung plant zudem eine frühere Unterstützung ohne lange Diagnosewartezeiten und eine neue Strategie für psychische Gesundheit vor dem Jahresende.

Auch Fachgremien betonen die Notwendigkeit sorgfältiger Verfahren. Der Expertenrat ADHS mahnt an, einen geäußerten Verdacht ergebnisoffen fachlich zu prüfen, statt ihn vorab abzutun; Selbsttests oder Inhalte aus sozialen Netzwerken könnten eine professionelle Diagnostik nicht ersetzen.

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Über 560.000 offene ADHS-Überweisungen Ende 2025 — mehr als 17-mal so viele wie 2019. Wer nicht so lange warten will, weicht oft auf private Anbieter aus, deren Kosten binnen drei Jahren um rund 252 % gestiegen sind. Der kostenlose Leitfaden hilft Ihnen, Anbieter anhand klarer Kriterien zu vergleichen und Ihre Rechte bei Wartezeiten und Kosten zu kennen. Anbieter-Checkliste jetzt sichern

Eine fundierte Abklärung müsse den Entwicklungsverlauf seit der Kindheit, Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen sowie Differenzialdiagnosen wie Depression, Angst, Traumata oder Schlafstörungen einbeziehen.

Dass der Bedarf an Unterstützung im Bereich der seelischen Gesundheit generell gewachsen ist, zeigt sich auch außerhalb Englands: Das Statistische Bundesamt registrierte für das Jahr 2024 gut 174.000 gewährte Eingliederungshilfen für seelisch behinderte junge Menschen in Deutschland – ein Anstieg um 115 % gegenüber knapp 80.800 im Jahr 2014. Davon entfielen 87 % auf 6- bis 17-Jährige und 70 % auf Jungen.

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