ADHS-Überdiagnose, Telemedizin

ADHS-Überdiagnose: Telemedizin treibt Verschreibungen um 31%

Veröffentlicht am: 27.07.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Steigende ADHS-Verschreibungen in Großbritannien und Australien. Telemedizin und Selbstdiagnosen auf Social Media befeuern die Entwicklung.

ADHS-Diagnosen im Aufwind: Telemedizin und Social Media als Treiber
Ein minimalistischer Schreibtisch mit medizinischen Unterlagen als Symbol für die psychologische Diagnostik. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rasant – doch nicht alles ist echte Medizin.

In Großbritannien verzeichneten Gesundheitsbehörden einen Anstieg der ADHS-Verschreibungen um 31 Prozent. Besonders betroffen: Frauen mittleren Alters, bei denen die Rate um 40 Prozent nach oben schoss. Schätzungen zufolge sind dort rund 2,5 Millionen Menschen betroffen – aber nur 800.000 haben eine offizielle Diagnose.

Ein ehemaliger Gesundheitsminister warnte vor Überdiagnosen, die die Sozialsysteme belasten könnten. Interne NHS-Prüfungen zeigen jedoch: Die Diagnoseraten steigen, die tatsächliche Verbreitung der Störung bleibt stabil. In Australien fällt die Entwicklung noch extremer aus: Dort stieg die Abgabe von ADHS-Medikamenten zwischen 2004 und 2024 um das Elffache.

Telemedizin als Brandbeschleuniger

Ein Treiber der Entwicklung: der Ausbau der Telemedizin. In Australien wurde die Telepsychiatrie im Januar 2022 dauerhaft etabliert. Eine Analyse von vier Millionen Medicare-Datensätzen belegt: Der Anteil der ADHS-Verschreibungen kletterte von 4,3 auf 11,8 Prozent – fast eine Verdreifachung.

Stimulanzien wurden besonders häufig in Videosprechstunden verschrieben. Auffällig: Solche Beratungen fanden verstärkt in wohlhabenderen Gegenden statt, wo Patienten höhere Eigenanteile zahlen. Der digitale Zugang senkt die Hürden zur Diagnose – verbessert die Versorgung, wirft aber Fragen zur diagnostischen Tiefe auf.

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Wenn TikTok zum Arzt wird

Parallel dazu boomen Selbstdiagnosen auf Social Media. Die Soziologin Laura Wiesböck analysierte bereits im März 2025: Psychische Erkrankungen werden auf Plattformen wie TikTok und Instagram kommerzialisiert und verharmlost. Generische Verhaltensweisen landen als vermeintliche Symptome schwerer Störungen in den Feeds.

Wie anfällig das System ist, zeigte ein Experiment des YouTubers Marvin Wildhage. Er erfand die fiktive Krankheit „Postvirale nasale Hypersensibilität" und bot einer Medizin-Influencerin mit 300.000 Followern 3.800 Euro für die Bewerbung eines Heilmittels. Die Influencerin Alina Walbrun veröffentlichte ein Video – und behauptete, die Krankheit aus Studien zu kennen. Nach der Aufdeckung im Juli 2026 räumte sie den Fehler ein und spendete das Honorar an Ärzte ohne Grenzen. Die LMU-Klinik München, an der sie arbeitete, distanzierte sich.

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Zwischen Mode und echter Not

Trotz der Debatte um Trends betonen Mediziner die Bedeutung valider Diagnostik. In einem Fachbuch von 2026 beschreibt Autorin Renate Drechsler die Notwendigkeit, Definitionen, Befunde und Diagnostik präzise abzustimmen. Auch beim Autismus-Spektrum wird Früherkennung immer wichtiger. Professor Luise Poustka von der Uniklinik Heidelberg erklärte im Juli 2026: Erste Diagnosen seien bereits ab 1,5 bis 2 Jahren möglich. Eine frühe Förderung sei entscheidend – etwa die Hälfte der Betroffenen führe auch im Erwachsenenalter ein abhängiges Leben.

Gleichzeitig warnen Experten vor Folgen von Erziehungsfehlern. Ein Psychiater des Universitätsklinikums Ulm verwies auf Daten von 2025: Noch immer halten 30,9 Prozent der Deutschen körperliche Zurechtweisungen für angemessen. Solche Erfahrungen können Symptome hervorrufen, die echten Störungsbildern ähneln – und die Diagnostik weiter verkomplizieren.

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