Adipositas: Entzündliche Prozesse wie bei Rheuma sind umkehrbar
Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 18:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Übergewicht gilt längst nicht mehr nur als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Leipziger Forscher um Prof. Ulf Wagner zeigen, dass bei Adipositas ähnliche entzündliche Prozesse im Immunsystem ablaufen wie bei rheumatoider Arthritis – und dass diese Veränderungen offenbar umkehrbar sind, wenn Betroffene deutlich an Gewicht verlieren.
Entzündungsfördernde Zellen als gemeinsamer Nenner
Im Zentrum der Beobachtungen stehen sogenannte intermediäre Monozyten – eine Untergruppe weißer Blutkörperchen, die entzündungsfördernde Signale aussenden.
Wie die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) unter Beteiligung von Prof. Wagner berichtet, finden sich diese Zellen bei Menschen mit Adipositas vermehrt, in einem Muster, das dem bei rheumatoider Arthritis auffällig ähnelt. Die Befunde legen nahe, dass starkes Übergewicht auf zellulärer Ebene ähnliche Immunreaktionen auslöst wie eine chronisch-entzündliche Gelenkerkrankung.
Gewichtsverlust nach Magenband-Operation kehrt Veränderungen um
Besonders aufschlussreich ist die Beobachtung, was nach einer deutlichen Gewichtsreduktion geschieht. Die Leipziger Forscher untersuchten Patienten, die sich einer Magenband-Operation unterzogen hatten und im Anschluss durchschnittlich 45 Kilogramm verloren. Bei ihnen bildeten sich die zuvor festgestellten entzündlichen Veränderungen im Immunsystem zurück.
Grundlage dieser Beobachtung ist eine Studie mit 111 Patienten, die über einen Zeitraum von 12 Monaten begleitet wurden. Laut Prof. Wagner belegen die Ergebnisse, dass die entzündlichen Prozesse im Immunsystem bei Adipositas nicht dauerhaft festgeschrieben sind, sondern sich durch eine deutliche Gewichtsabnahme zumindest teilweise zurückbilden lassen.
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Geplante Folgestudie soll Wirkstoffe testen
Um die klinische Relevanz dieser Erkenntnisse weiter zu untersuchen, ist den Forschern zufolge eine Folgestudie mit 200 Personen geplant. Untersucht werden sollen dabei der Wirkstoff Colchicin sowie eine Blockade des entzündungsfördernden Botenstoffs Interleukin-1 (IL-1-Blockade).
Beide Ansätze kommen bereits in der Behandlung entzündlicher Erkrankungen zum Einsatz und könnten Aufschluss darüber geben, ob sich die bei Adipositas beobachteten Immunveränderungen auch medikamentös beeinflussen lassen – unabhängig von einer operativen Gewichtsreduktion.
Bedeutung für die Rheumatologie
Für die Rheumatologie sind die Beobachtungen aus mehreren Gründen relevant. Zum einen liefern sie eine mögliche Erklärung dafür, warum Übergewicht als Risikofaktor für die Entstehung oder den Verlauf entzündlich-rheumatischer Erkrankungen gilt.
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Zum anderen eröffnet der Nachweis der Reversibilität die Perspektive, dass Gewichtsmanagement – ob durch operative Eingriffe oder künftig möglicherweise durch gezielte medikamentöse Ansätze – ein Baustein in der Behandlung entzündungsbedingter Beschwerden bei adipösen Patienten sein könnte.
Die von der DGRh vorgestellten Befunde unterstreichen damit, dass Adipositas und rheumatoide Arthritis auf immunologischer Ebene enger miteinander verknüpft sein könnten als bislang angenommen. Ob sich daraus konkrete therapeutische Konsequenzen ableiten lassen, dürfte sich erst mit den Ergebnissen der geplanten größeren Studie zu Colchicin und IL-1-Blockade zeigen.
