Adipositas-Therapie, Kostenübernahme

Adipositas-Therapie: Ärztekammer fordert Kostenübernahme für GLP-1-Medikamente

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 12:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ärzteorganisationen verlangen eine reguläre Kostenübernahme von Adipositas-Therapien und mehr Beratung, während politische Reformen geprüft werden.

Österreich debattiert über Finanzierung moderner Adipositas-Therapien
Ein minimalistischer, heller Behandlungsraum in einer medizinischen Einrichtung mit einer Untersuchungsliege. Illustration mit AI erstellt.

Die Versorgungssituation von Menschen mit Adipositas in Österreich steht vor einer grundlegenden Debatte über die Finanzierung moderner Therapien. In einem offenen Brief haben sich die Ärztekammer für Wien und Niederösterreich sowie die Österreichische Adipositas Gesellschaft an Gesundheitsministerin Schumann und Staatssekretärin Königsberger-Ludwig gewandt.

Die Institutionen fordern eine reguläre Erstattung von Adipositas-Therapien gemäß geltender medizinischer Leitlinien sowie die Aufnahme von ärztlicher Beratung und Therapiebegleitung in den Leistungskatalog der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK).

Ökonomische Belastung und medizinische Notwendigkeit

Hintergrund der Forderungen sind die weitreichenden gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Folgen der Erkrankung. Nach Daten der Statistik Austria gelten 35 Prozent der Österreicher ab 15 Jahren als übergewichtig (BMI über 25), weitere 17 Prozent weisen eine Adipositas (BMI über 30) auf.

Die ökonomischen Auswirkungen sind erheblich: Eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2024 bezifferte die volkswirtschaftlichen Kosten von Adipositas in Österreich für das Jahr 2019 auf rund 2,4 Milliarden Euro jährlich.

Die medizinischen Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass moderne GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid, Tirzepatid oder Liraglutid das Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.

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Eine medikamentöse Therapie wird ab einem BMI von 30 beziehungsweise ab einem BMI von 27 bei Vorliegen von Begleiterkrankungen empfohlen. Ohne chirurgischen Eingriff könne damit ein Gewichtsverlust von 15 bis 25 Prozent erreicht werden.

Die Debatte um die Erstattung und die Negativliste

Ein zentraler Kritikpunkt der Ärztekammer und der Adipositas Gesellschaft ist die sogenannte ASVG-Negativliste aus dem Jahr 2004. Diese schließt Arzneimittel zur Gewichtsreduktion von der Finanzierung aus und verhindert damit eine Aufnahme in den Erstattungskodex (EKO).

Aktuell müssen Patienten die Kosten für Präparate wie Wegovy, Mounjaro oder Saxenda vollständig selbst tragen. Je nach Medikament und gewählter Dosierung belaufen sich die monatlichen Kosten für die Patienten auf Beträge zwischen 140 und 581 Euro.

Zusätzlich zur medikamentösen Versorgung fordern die Interessenvertreter eine stärkere präventive Ausrichtung. Dazu zählen die Verankerung von Gesundheitskompetenz im Lehrplan, die Einführung einer Zuckersteuer sowie verbesserte Beratungsleistungen durch Mediziner.

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Politische Reformvorschläge in Österreich

Auf politischer Ebene gibt es Bestrebungen, den Zugang zu Therapien neu zu regeln. Die Grünen stellten durch Gesundheitssprecher Schallmeiner ein Zwei-Stufen-Modell vor. Dieses sieht als Übergangslösung ein öffentlich finanziertes Therapieprogramm vor, das eine Vorfinanzierung durch die Patienten vermeidet.

Parallel dazu soll die Liste nicht erstattungsfähiger Arzneimittel reformiert werden. Ein entsprechender Antrag wurde bereits im Nationalrat eingebracht, mit dem Ziel, binnen sechs Monaten ein Umsetzungskonzept zu erstellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Kostenübernahme bleibe jedoch eine klare medizinische Indikation und die Einbindung in ein strukturiertes Kontrollprogramm.

Innovationen und Forschungsergebnisse im internationalen Vergleich

Ein Blick auf internationale Entwicklungen zeigt eine hohe Dynamik im Markt für Adipositas-Präparate. In Deutschland ist seit dem 1. September 2026 mit der Wegovy-Tablette der erste orale GLP-1-Rezeptoragonist verfügbar.

Studien wie die OASIS-4-Untersuchung belegen bei erwachsenen Teilnehmern ohne Diabetes eine Gewichtsabnahme von 13,6 Prozent nach 64 Wochen, verglichen mit 2,2 Prozent in der Placebo-Gruppe. Dabei wurden bei 74 Prozent der Probanden gastrointestinale Nebenwirkungen beobachtet.

Die SELECT-Studie mit über 17.000 Teilnehmenden bestätigte zudem eine relative Risikoreduktion für kardiovaskuläre Ereignisse um 20 Prozent. Trotz dieser Datenlage sind Abnehmmedikamente in Deutschland durch das Sozialgesetzbuch (§ 34 SGB V) bislang weitgehend von der Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung ausgeschlossen.

Limitationen digitaler Gesundheitshelfer bei der Therapiebegleitung

Im Rahmen des Adipositas-Managements werden häufig Wearables zur Kontrolle des Kalorienverbrauchs eingesetzt. Eine Studie der Florida International University, die im Fachjournal PLOS One veröffentlicht wurde, mahnt hier jedoch zur Skepsis.

Untersuchungen gängiger Smartwatches von Herstellern wie Apple, Samsung und Garmin zeigten, dass der Kalorienverbrauch im Median um 15 bis 25 Prozent überschätzt wurde. Die Ungenauigkeit nahm dabei mit steigendem Körperfettanteil der Nutzer zu.

Ursächlich hierfür seien vor allem Bewegungsartefakte und technische Einschränkungen bei der optischen Herzfrequenzmessung. Ein Modell eines weiteren Herstellers musste aufgrund massiver Fehlmessungen sogar gänzlich aus der wissenschaftlichen Analyse ausgeschlossen werden.

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