Ältere Menschen: 1,0 Gramm Protein pro kg für bessere Mobilität
27.06.2026 - 21:50:55 | boerse-global.de
Getrieben von Social-Media-Trends wie der „Clean-Girl-Culture“ auf TikTok und Instagram sowie durch GLP-1-Abnehmspritzen erlebt der Markt für proteinreiche Lebensmittel ein explosives Wachstum. Aktuelle Daten aus dem Juni 2026 zeigen: Der Hype hat enorme wirtschaftliche Folgen – aber auch gesundheitliche Schattenseiten.
Rekordumsätze bei Nahrungsergänzungsmitteln
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. In Deutschland erreichte das Marktvolumen für Nahrungsergänzungsmittel 2025 rund 4,3 Milliarden Euro. Noch beeindruckender ist der Absatz: Waren es 2022 etwa 241 Millionen verkaufte Packungen, stieg die Zahl bis 2025 auf 415 Millionen an. Rund zwei Drittel der Bundesbürger greifen mittlerweile regelmäßig zu Supplementen.
Besonders dynamisch entwickelt sich der Kollagen-Markt. Das Unternehmen Glow25 steigerte seinen Umsatz von 35 Millionen Euro (2022) auf prognostizierte 130 Millionen Euro (2025). Auch der Rohstoffhersteller Gelita hat seine Produktion massiv auf Kollagen ausgerichtet.
Die Abnehmspritzen befeuern den Trend zusätzlich. Sie erhöhen den Bedarf an proteinreicher Kost – schließlich gilt es, die Muskelmasse während der Gewichtsreduktion zu erhalten. Marktbeobachter sehen in Longevity, Frauengesundheit und Darmgesundheit die nächsten großen Wachstumstreiber.
USA verdoppeln Protein-Empfehlungen – Experten warnen
In der Ernährungspolitik tut sich derzeit Einiges. Die USA planen eine Verdopplung der empfohlenen Proteinzufuhr – mit Fokus auf tierischen Proteinen. US-Gesundheitsminister Robert f. Kennedy Jr. will die „bisherige Zurückhaltung gegenüber Protein“ beenden.
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Doch die Fachwelt reagiert skeptisch. Dr. Dariush Mozaffarian von der Tufts University mahnt: Eine erhöhte Proteinzufuhr sei primär in Kombination mit Krafttraining sinnvoll. Ohne Bewegung drohten unerwünschte Stoffwechseleffekte. Dr. David Ludwig vom Boston Children’s Hospital ergänzt: Das Hauptproblem der modernen Ernährung seien verarbeitete Kohlenhydrate – nicht Proteinmangel.
Anders sieht es bei älteren Menschen aus. Ein aktueller Review in „Frontiers in Nutrition“ (Juni 2026) legt nahe: Der Standardwert von 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht reicht für die langfristige Mobilität im Alter nicht aus. Für über 65-Jährige werden bereits 1,0 Gramm pro Kilogramm diskutiert.
Die Schattenseite: Hochverarbeitung und Produktfälschungen
Trotz des gesunden Images vieler Protein-Produkte schlagen Ernährungswissenschaftler Alarm. Viele Protein-Desserts und Puddings sind stark industriell verarbeitet und enthalten zahlreiche Zusatzstoffe. Markttests zeigen: Hohe Protein-Kalorien-Ratios täuschen oft über mangelnde Qualität hinweg.
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Noch gravierender: Produktfälschungen sind weit verbreitet. Ein Test des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) aus dem Jahr 2024 ergab: Bei 50 Prozent der als Waldheidelbeeren deklarierten Proben handelte es sich um fälschungen. In Nahrungsergänzungsmitteln wurde statt der Frucht häufig schwarzer Reis nachgewiesen. Auch Mineralwässer fielen durch Arsenbelastungen oder Rückstände von Pestiziden und PFAS auf.
Regionale Alternativen: Soja aus Ă–sterreich
Inmitten des Hypes um verarbeitete Spezialprodukte betont das Forum Ernährung die Bedeutung einer ausgewogenen Basisernährung. Die sei auch ohne teure Spezialprodukte möglich.
Österreich hat den Sojaanbau massiv ausgeweitet. 2024 wurden auf 86.000 Hektar rund 272.000 Tonnen Soja geerntet – ein Großteil fließt direkt in die Lebensmittelproduktion, etwa für Tofu. Die Saatzucht Donau spielt dabei eine zentrale Rolle in Mitteleuropa. Die steigende Nachfrage zeigt: Neben dem Trend zur Selbstoptimierung gewinnen ökologische und regionale Aspekte an Bedeutung.
Der High-Protein-Trend bleibt ein zweischneidiges Schwert: Während bestimmte Gruppen von höherer Zufuhr profitieren, wird der Markt zunehmend von hochverarbeiteten Produkten und werblichen Versprechen dominiert, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht immer standhalten.
