Alzheimer-Bluttest: Zweistufige Methode trennt die Krankheit besser von ALS
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 22:14 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie labormedizinische Früherkennung von neurodegenerativen Erkrankungen über Bluttests verzeichnet wissenschaftliche Fortschritte, steht jedoch vor diagnostischen Hürden. Für ihre Arbeiten zur Differenzierung von Biomarkern im Blut hat eine Forschungsgruppe um Prof. Dr. Markus Otto von der Universitätsmedizin Halle am 23. Oktober 2026 den Theo-und-Friedl-Schöller-Preis 2026 erhalten.
Die Auszeichnung der Nürnberger Akademie für Alzheimer-Forschung ist mit 20.000 Euro dotiert und gilt laut der Stiftung als höchstdotierter Preis der Altersmedizin in Deutschland. Die Verleihung fand im Marmorsaal der Nürnberger Akademie statt, nachdem im Vorfeld 21 Bewerbungen eingegangen waren. Das prämierte 24-köpfige Team umfasst Forschende der Universitäten Halle, Mailand, Mannheim und Ulm.
Zweistufige Messmethode grenzt Alzheimer von ALS ab
Ausgangspunkt der Auszeichnung war eine im Jahr 2025 publizierte Untersuchung der Universitätsmedizin Halle. Diese hatte offengelegt, dass erhöhte Konzentrationen des Biomarkers pTau im Blut nicht exklusiv bei Morbus Alzheimer auftreten, sondern auch bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) nachweisbar sind. Unter anderem wurde erkrankte Skelettmuskulatur als Quelle dieser Messwerte identifiziert.
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen stellte die Arbeitsgruppe in einer Folgestudie im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications ein weiterentwickeltes, zweistufiges Analyseverfahren vor. Um Fehlinterpretationen und falsch-positive Ergebnisse zu reduzieren, isoliert die Methode gezielt gehirnstämmige Formen des Tau-Proteins.
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Bei dem von Prof. Markus Otto und PD Dr. Samir Abu Rumeileh untersuchten Ansatz wird vor der eigentlichen Bestimmung von pTau217 zunächst gehirneigenes kleines Tau (BD-Tau) über einen spezifischen Antikörper angereichert. Analysen mittels Massenspektrometrie belegten, dass dieses gehirneigene kleine pTau217 im Muskelgewebe praktisch nicht vorkommt.
Verbesserte Trennschärfe in klinischen Kohorten
Die Validierung des zweistufigen Verfahrens erfolgte anhand von Blutproben von 315 Personen, darunter 101 mit Alzheimer, 139 mit ALS sowie 75 Kontrollpersonen aus Halle, Mannheim und Mailand. Während herkömmliche Tests sowohl bei Alzheimer als auch bei ALS erhöhte pTau217-Werte aufwiesen, waren die Konzentrationen nach der vorgeschalteten Anreicherung ausschließlich bei Alzheimer-Patienten erhöht.
In einer zentralen Auswertung mit 149 Teilnehmenden (60 Alzheimer, 50 ALS, 39 Kontrollen) zeigte sich eine signifikant verbesserte diagnostische Genauigkeit: Die Trennschärfe zwischen beiden Krankheitsbildern stieg in der ROC-Analyse von einem Wert (AUC) von 0,729 auf 0,900. Das Verhältnis aus zwei unterschiedlichen Tau-Messwerten erreichte sogar einen Wert von 0,961.
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Perspektiven für die klinische Anwendung
Für den praktischen Einsatz schlagen die Wissenschaftler der Universitätsmedizin Halle ein gestuftes Vorgehen vor: Konventionelle Bluttests eignen sich weiterhin als Erstindikation, während die aufwendigere Zweistufen-Methode insbesondere bei unklarem klinischem Bild oder dem Verdacht auf begleitende Nerven- oder Muskelerkrankungen herangezogen werden soll.
Bis zu einem breiten Einsatz in der klinischen Routine sind jedoch weitere Entwicklungsschritte notwendig. Das Verfahren ist bislang noch nicht für die Routinediagnostik validiert. Vor einer praktischen Einführung bedarf es einer methodischen Standardisierung sowie einer Überprüfung der Ergebnisse in größeren, unabhängigen Patientengruppen.
