Alzheimer-Übertragung: 94 mögliche Fälle nach medizinischen Eingriffen
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 13:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Alzheimer-Krankheit gilt in der Medizin traditionell als nicht ansteckend. Dies ist weiterhin Konsens für den alltäglichen Kontakt zwischen Menschen. Allerdings stellen wissenschaftliche Untersuchungen die bisherige Lehrbuchmeinung infrage, ob bestimmte krankhafte Proteine unter sehr spezifischen und seltenen medizinischen Bedingungen von Mensch zu Mensch übertragen werden können.
Fachleute diskutieren vor allem sogenannte iatrogene Übertragungswege, bei denen fehlgefaltete Eiweiße wie Beta-Amyloid über historische medizinische Prozeduren weitergegeben worden sein könnten.
Erste Hinweise durch historische Hormonbehandlungen
Ausgangspunkt der Debatte waren Beobachtungen bei Personen, die in früheren Jahrzehnten mit Wachstumshormonen behandelt worden waren, welche aus der Hirnanhangsdrüse von Verstorbenen stammten.
Im Jahr 2015 analysierten Forschende des University College London (UCL) die Gehirne von acht Verstorbenen im Alter von 36 bis 51 Jahren, die infolge einer solchen Behandlung an einer iatrogenen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben waren. Bei vieren von ihnen fanden sich moderate bis starke Ablagerungen von Beta-Amyloid, was für diese Altersgruppe ungewöhnlich war.
Eine Folgestudie aus dem Jahr 2018 wies schließlich Beta-Amyloid 40 und 42 sowie Tau-Proteine in archivierten Chargen dieser Wachstumshormone nach. Wurden diese Proben Mäusen verabreicht, bildeten die Tiere Amyloid-Plaques und Veränderungen im Sinne einer zerebralen Amyloidangiopathie (AAC) aus.
Neurochirurgische Eingriffe und Gefäßveränderungen
Neben Hormonbehandlungen rückten neurochirurgische Eingriffe in den Blickpunkt. Ebenfalls im Jahr 2018 wurden vier Fälle von Hirnblutungen (HIP) dokumentiert, die rund drei Jahrzehnte nach Operationen im Kindes- oder Jugendalter auftraten.
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Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit identifizierte insgesamt 94 Fälle einer potenziellen iatrogenen AAC. Das mediane Expositionsalter lag bei vier Jahren, während die mediane Latenzzeit bis zum Auftreten 36 Jahre betrug. Bei 44 dieser Fälle waren Dura-mater-Transplantate verwendet worden.
Auch Bluttransfusionen wurden untersucht, wenngleich mit differenzierten Ergebnissen. Eine skandinavische Studie aus dem Jahr 2023 mit über einer Million Transfusionsempfängern zeigte, dass Empfänger von Blutspenden von Personen, die später multiple spontane Hirnblutungen erlitten, ein mehr als zweifach erhöhtes Risiko für eigene derartige Blutungen aufwiesen.
Eine zweite skandinavische Untersuchung desselben Jahres mit fast 1,5 Millionen Empfängern fand dagegen kein erhöhtes Alzheimer-Risiko bei Personen, deren Spender später an Alzheimer erkrankt waren.
Jüngste Fallberichte und wissenschaftliche Skepsis
Weitere Berichte des UCL stützten die Debatte über kognitive Langzeitfolgen. Im Jahr 2024 berichtete das Institut über acht weitere Fälle nach Hormongaben: Fünf der Betroffenen entwickelten eine früh einsetzende Demenz mit ersten Symptomen im Alter zwischen 38 und 55 Jahren, eine weitere Person zeigte eine leichte kognitive Beeinträchtigung (CCL).
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Die Latenzzeitspanne lag bei 30 bis 40 Jahren. Im Jahr 2026 dokumentierte ein Fallbericht in der Fachzeitschrift JAMA Neurology einen Mann, der als Kind Wachstumshormone erhalten hatte, mit 47 Jahren Symptome zeigte und mit 57 Jahren verstarb. Die Autopsie belegte eine eindeutige Alzheimer-Neuropathologie.
Trotz dieser Befunde bleibt die Interpretation in der Fachwelt umstritten. Kritiker wie Lary Walker von der Emory University sowie Brian Appleby und Mark Cohen von der Case Western Reserve University in einem gemeinsamen Leitartikel bewerten die vorliegende Evidenz für eine definitive iatrogene Übertragung von Alzheimer als noch nicht ausreichend gesichert.
Während eine Übertragbarkeit im Alltag ausgeschlossen bleibt, wird die Rolle von Eiweißablagerungen nach medizinischen Eingriffen weiter intensiv erforscht.

