Kurioses, DĂ€nemark

Wie Joghurt aus Ameisen entsteht – Nachahmen nicht empfohlen

05.10.2025 - 11:27:33

Ameisen, Milch und eine Prise Kulturgeschichte: Forscher entdecken, wie das ungewöhnliche Rezept aus Omas Zeiten Geschmack und Vielfalt in die Joghurtwelt bringt.

Man werfe vier Waldameisen in warme Milch und gedulde sich etwas – fertig ist ein Joghurt. Forscher der UniversitĂ€t Kopenhagen und der Technischen UniversitĂ€t DĂ€nemarks haben diese traditionelle, aus der TĂŒrkei und dem Balkan stammende Methode der Fermentation genauer unter die Lupe genommen und berichten im Fachblatt «iScience» darĂŒber. Vor dem Nachmachen warnen sie allerdings. 

Die Forscherinnen und Forscher reisten ins bulgarische Heimatdorf ihrer Co-Autorin und Anthropologin Sevgi Mutlu Sirakova und ließen sich von deren Verwandten und anderen Einheimischen die Tradition erklĂ€ren. «Wir haben nach Anleitung von Sevgis Onkel vier ganze Ameisen in ein Glas warme Milch gegeben», erzĂ€hlt Veronica Sinotte von der UniversitĂ€t Kopenhagen. Das Glas kam dann nach Angaben der Forscher ĂŒber Nacht in einen Ameisenhaufen – einem warmen Ort, der die richtigen Bedingungen fĂŒr den Fermentationsprozess schafft. Am nĂ€chsten Tag hatte die Milch begonnen, dick und sauer zu werden. «Das ist eine frĂŒhe Stufe von Joghurt, und so schmeckte es auch», so Sinotte.

Werden die Ameisen mit vertilgt? GrundsĂ€tzlich könnten Ameisen gegessen werden, erklĂ€rt Studienleiterin Leonie Jahn von der Technischen UniversitĂ€t DĂ€nemarks auf Nachfrage. Traditionell sei dies jedoch nicht der Fall, weil die Ameisen der ersten Charge Joghurt hinzugefĂŒgt wĂŒrden und dieser dann verwendet werde, um weitere Joghurtkulturen anzusetzen. 

Die SĂ€ure der Ameisen treibt die Fermentierung voran

ZurĂŒck in DĂ€nemark ergrĂŒndete das Team, wie der Fermentationsprozess mit Hilfe der Tiere ablĂ€uft: Die in der Region lebenden Waldameisen (Formica) tragen den Autoren zufolge MilchsĂ€ure- und EssigsĂ€urebakterien in sich, die zur Gerinnung der Milch beitragen. Einige davon Ă€hneln jenen Bakterien, die in handelsĂŒblichem Sauerteig vorkommen. Die Ameisen trĂŒgen auch aktiv zum Prozess bei, schreibt das Team. SĂ€ure gehöre zum natĂŒrlichen chemischen Abwehrsystem der Insekten. Sie sĂ€uere die Milch an und schaffe wohl eine Kultur, in der die sĂ€ureaffinen Mikroben des Joghurts gedeihen könnten. 

Die Forscher, die den Joghurt wĂ€hrend ihrer Reise probierten, beschrieben ihn als leicht wĂŒrzig. Heutige handelsĂŒbliche Joghurts wĂŒrden in der Regel mit nur zwei BakterienstĂ€mmen hergestellt, erklĂ€rt Jahn. «Wenn man sich traditionelle Joghurts anschaut, haben diese eine viel grĂ¶ĂŸere Artenvielfalt, die je nach Standort, Haushalt und Jahreszeit variiert.» Das habe Einfluss auf Geschmack, Textur und Einzigartigkeit.

«Ich hoffe, dass die Menschen die Bedeutung von Gemeinschaften erkennen und vielleicht etwas genauer zuhören, wenn ihre Großmutter ein Rezept oder eine Erinnerung nennt, die ungewöhnlich erscheint», sagt ihre Kollegin Sinotte. «Es ist wichtig, aus diesen Praktiken zu lernen und Raum fĂŒr das biokulturelle Erbe in unseren Essgewohnheiten zu schaffen.» 

Lebendige Ameisen besser als eingefrorene oder getrocknete

In mehreren Versuchen fanden die Forscher heraus, dass die Herstellung mit lebenden Ameisen am besten funktioniert. Mit eingefrorenen oder auch getrockneten Ameisen entstand keine Ă€hnlich passende bakterielle Kultur fĂŒr den Prozess. Trotzdem warnt das Team vor einer Verwendung: Lebendige Ameisen können von Parasiten befallen sein. Wenn es nicht Teil der eigenen kulturellen Praxis sei oder man sich besonders gut mit Lebensmittelsicherheit auskenne, solle man die Methode nicht einfach nachmachen. 

Das interdisziplinĂ€re Forschungsteam ließ es nicht dabei bewenden, den Joghurt selbst zu verkosten. Köche des mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurants «Alchemist» in Kopenhagen kreierten daraus mehrere Gerichte, die dem traditionellen Ameisenjoghurt eine moderne Note verleihen sollten – darunter ein Mascarpone-Ă€hnlicher KĂ€se, ein spezieller Cocktail sowie ein Joghurt-Eis-Sandwich («ant-wich»). Hier seien die Ameisen auch in einige Gerichte integriert worden, so Forscherin Jahn.

@ dpa.de