Apotheken-Reform, Kompetenzen

Apotheken-Reform: Neue Kompetenzen bei Impfungen und Blutentnahme

11.06.2026 - 20:53:35 | boerse-global.de

Apotheken erhalten mehr Befugnisse, wĂ€hrend ein Spargesetz höhere AbschlĂ€ge vorsieht. Branche und Ärzte kritisieren die widersprĂŒchliche Entwicklung.

Apothekenreform 2026: Neue Kompetenzen trotz Sparzwang
Apotheken-Reform - Eine Apothekerin berĂ€t einen Patienten in einer modernen Apotheke, im Hintergrund Medikamente und pharmazeutische Produkte. 11.06.2026 - Bild: ĂŒber boerse-global.de

WĂ€hrend der Gesetzgeber Apotheken zu Gesundheitszentren ausbauen will, sorgt ein parallel laufendes Spargesetz fĂŒr erhebliche Spannungen.

Mehr Aufgaben, weniger Geld

Mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) bekommen Apotheker kĂŒnftig mehr Kompetenzen. Das Ende Mai 2026 vom Bundestag beschlossene Reformpaket erlaubt ihnen Schutzimpfungen mit Totimpfstoffen wie Tetanus oder FSME. Auch Schnelltests auf Influenza, RSV oder Noroviren sowie die venöse Blutentnahme bei Erwachsenen sollen möglich sein.

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Besonders folgenreich ist die geplante Rezeptfreigabe: Bei einer nachgewiesenen Dauermedikation ĂŒber drei Quartale oder bei bestimmten Akuterkrankungen dĂŒrfen Apotheker kĂŒnftig verschreibungspflichtige Medikamente auch ohne Ă€rztliche Neuverordnung abgeben. DafĂŒr ist eine GebĂŒhr von fĂŒnf Euro vorgesehen.

Die Maßnahmen sollen die PrimĂ€rversorgung entlasten. SchĂ€tzungen zufolge sind bereits 41 Prozent der HausĂ€rzte ĂŒber 60 Jahre alt. Gleichzeitig ist die Zahl der Vor-Ort-Apotheken mit rund 16.600 auf den niedrigsten Stand seit 50 Jahren gesunken.

„WidersprĂŒchliche Entwicklung“

Trotz der Kompetenzerweiterung Ă€ußern Branchenvertreter deutliche Kritik. Der Kern des Konflikts liegt im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, dessen Beratung fĂŒr den 12. Juni 2026 in Bundestag und Bundesrat angesetzt ist. Es sieht vor, den Apothekenabschlag pro verschriebenem Medikament von 1,77 Euro auf 2,07 Euro anzuheben.

Thomas Preis, PrĂ€sident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher ApothekerverbĂ€nde, bezeichnete diese Entwicklung als widersprĂŒchlich. Die geplante finanzielle SchwĂ€chung konterkariere die beabsichtigte StĂ€rkung der Betriebe. Eine Petition zur wirtschaftlichen Absicherung der Apotheken wurde laut Verbandsangaben von 315.000 BĂŒrgern unterstĂŒtzt.

Auch die Pharmaindustrie leistet Widerstand. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) warnte vor einer De-Industrialisierung durch dynamisierte HerstellerabschlÀge und forderte eine Reform, die Innovationen und Produktion am Standort Deutschland stÀrker honoriert.

Ärzte schießen gegen die Reform

Die Ausweitung der apothekerlichen Befugnisse stĂ¶ĂŸt bei Medizinern auf Ablehnung. Die KassenĂ€rztliche Vereinigung (KV) Sachsen wies darauf hin, dass Apotheker nicht fĂŒr die medizinische Diagnostik ausgebildet seien. Im Gegenzug drohte sie mit der Forderung nach einer eigenen Arzneimittelabgabe durch Ärzte.

In Hessen gingen die Forderungen noch weiter. Die dortige KV stellte die grundsÀtzliche Notwendigkeit des flÀchendeckenden Apothekennetzes in Frage. Als Alternative schlug sie Abgabestellen in DrogeriemÀrkten oder eine Regionalapotheke pro 250.000 Einwohner mit angeschlossenem Fahrdienst vor.

Der Hessische Apothekerverband wies dies zurĂŒck – mit Verweis auf die unverzichtbare fachliche PrĂŒfung von Wechselwirkungen und die Bedeutung der Nacht- und Notdienste. Hessens Gesundheitsministerin Nina Warken verteidigte die ReformplĂ€ne und betonte die Bedeutung der Apotheken fĂŒr die Versorgungssicherheit.

Kassen droht Milliardenloch

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Hintergrund der Sparmaßnahmen ist die prekĂ€re Finanzlage der Gesetzlichen Krankenversicherung. Aktuelle Prognosen vom Juni 2026 gehen fĂŒr 2027 von einem Defizit von 18,8 Milliarden Euro aus – 3,5 Milliarden mehr als ursprĂŒnglich kalkuliert. Der Ausgabenanstieg im ersten Quartal 2026 lag mit 7,8 Prozent deutlich ĂŒber den Erwartungen.

Das Reformpaket von Ministerin Warken soll die Kassen 2027 um insgesamt 16,3 Milliarden Euro entlasten. Neben KĂŒrzungen bei Leistungserbringern sind auch höhere Zuzahlungen fĂŒr Versicherte, die EinschrĂ€nkung der kostenlosen Mitversicherung und Beitragssteigerungen fĂŒr Gutverdiener im GesprĂ€ch.

Die AOK-Leitung bezeichnete das Sparpaket als unverzichtbar zur Stabilisierung der BeitrĂ€ge. Mehrere BundeslĂ€nder kĂŒndigten jedoch bereits Widerstand an – eine Anrufung des Vermittlungsausschusses gilt als wahrscheinlich.

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