Armut im Alter: 21,3% der Frauen über 75 Jahre betroffen
13.06.2026 - 03:05:32 | boerse-global.de
Verbände und Politiker in Deutschland und Österreich schlagen Alarm: Sie fordern gesetzliche Garantien gegen den Digitalzwang.
Widerstand gegen digitale Monokultur
Senioren-Verbände in Schleswig-Holstein verlangen ein verbrieftes Recht auf analoges Leben. Wichtige Dienstleistungen der Daseinsvorsorge müssten auch ohne Internetzugang möglich bleiben, so ihre Kernforderung.
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Die Organisation Digitalcourage geht noch einen Schritt weiter. Mitte Juni 2026 forderte sie den Bundestag auf, ein „Recht auf ein Leben ohne Digitalzwang" ins Grundgesetz aufzunehmen. Ein solcher Zwang liege immer dann vor, wenn es keine datenschutzfreundliche oder analoge Alternative für essenzielle Dienste gebe. Betroffen seien nicht nur ältere Menschen, sondern auch Personen mit Behinderungen oder Bürger, die digitale Angebote aus Datenschutzgründen ablehnen.
In Österreich läuft parallel ein Pensionisten-Volksbegehren. Die FPÖ unterstützt die von Fritz Kinzlbauer initiierte Initiative, die innerhalb einer Woche eine fünfstellige Zahl an Befürwortern sammelte. Die Kernforderungen: gesetzliche Inflationsabgeltung für Pensionen, analoger Zugang zu Förderungen und medizinische Versorgung ohne digitale Barrieren.
Stuttgart: Barzahlung in Bussen vor dem Aus
Ein konkretes Beispiel liefert Stuttgart. Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) planen, die Barzahlung in Bussen zum 1. Juli 2026 einzustellen. Fahrgäste müssten dann auf Karten oder mobile Bezahlsysteme ausweichen.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Stadtseniorenrat, Fahrgastverband und Digitalcourage protestierten scharf – sie sehen einen Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe. Die Politik reagierte: Eine Anhörung ist noch für Juni 2026 angekündigt.
Währenddessen schreitet die Digitalisierung der Verwaltung voran. In Thüringen vereinbarten Bund und Land im Juni 2026, fünf zentrale Verwaltungsleistungen bis Ende März 2027 flächendeckend digital anzubieten – darunter Wohngeld, Wohnsitzummeldung und Schwerbehindertenausweis.
Bürokratieabbau: Ausweis ohne Ablaufdatum für Senioren
Das Bundeskabinett brachte im Juni 2026 eine Reform des Personalausweisrechts auf den Weg. Für Personen ab 70 Jahren soll ab 2027 die Pflicht zur regelmäßigen Erneuerung des Dokuments entfallen. Der Ausweis würde dann unbegrenzt gültig bleiben.
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Ein weiteres Projekt geht über rein technische Lösungen hinaus. In Karlsruhe startete im Juni 2026 ein Pilotprojekt zum sogenannten Sozialen Rezept. Hausarztpraxen können Berechtigten Gutscheine für warme Mahlzeiten und Sozialberatungen ausstellen. Hintergrund: Die Armutsquote bei über 65-Jährigen liegt bei 19,5 Prozent. Frauen über 75 Jahren sind mit 21,3 Prozent besonders betroffen.
Digitale Kompetenz und die Scheu vor Technik
Trotz aller Forderungen nach analogen Alternativen bleibt die Förderung digitaler Kompetenz wichtig. NDR Info bot im Juni 2026 spezielle Kurse an, in denen Senioren lernten, Desinformation und Fake News im Internet zu identifyzieren.
Eine Bitkom-Umfrage aus dem Frühjahr 2026 zeigt: 36 Prozent der Gesamtbevölkerung bitten ungern um Hilfe bei IT-Problemen. Bei den über 65-Jährigen sind es mit 30 Prozent überraschend weniger. Insgesamt suchen sich 78 Prozent der Befragten bei technischen Schwierigkeiten Rat, während etwa die Hälfte versucht, Probleme eigenständig zu lösen.
Weitere Aufklärungsangebote sind für den bundesweiten Digitaltag Ende Juni 2026 geplant.
