Armut im Studium: 82,4 Prozent der alleinlebenden Studierenden betroffen
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 23:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Studienalltag an deutschen UniversitĂ€ten ist fĂŒr viele junge Menschen mit erheblichen gesundheitlichen und mentalen Herausforderungen verbunden. Auswertungen der Krankenkasse Barmer verdeutlichen die angespannte Lage: 42 Prozent der befragten Studierenden bewerten ihr eigenes Wohlbefinden als schlecht oder eingeschrĂ€nkt. DemgegenĂŒber stufen lediglich 37 Prozent ihren Zustand als gut bis sehr gut ein.
EingeschrÀnktes Wohlbefinden und Semesterunterschiede
Die Erhebung der Barmer stĂŒtzt sich unter anderem auf einen standardisierten Well-Being-Index. In dieser Messung erreichen die Studierenden einen Wert von 54 von 100 Punkten, was einem leicht beeintrĂ€chtigten Befinden entspricht. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung liegt der Vergleichswert bei rund 60 Punkten.
AuffĂ€llig ist dabei die zeitliche Entwicklung innerhalb der Ausbildung. StudienanfĂ€nger schĂ€tzen ihre Situation insgesamt noch positiver ein als Kommilitonen in höheren Semestern. Mit fortschreitender Studiendauer scheinen die Belastungen zuzunehmen. Dr. Claudia Beutmann, LandesgeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Barmer, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine dauerhafte Beanspruchung dem Wohlbefinden und der Gesundheit nachhaltig schaden könne.
Finanzielle Notlagen als wesentlicher Belastungsfaktor
Neben akademischem Druck spielen materielle Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle fĂŒr die mentale StabilitĂ€t. Die Kurzexpertise »Arm im Studium«, erstellt von der Forschungsstelle des ParitĂ€tischen Gesamtverbands in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Studierendenwerk, illustriert das AusmaĂ prekĂ€rer LebensverhĂ€ltnisse. Knapp 38 Prozent aller Studierenden liegen demnach unter der Armutsgrenze; bei Personen mit erwerbstĂ€tigen Mitbewohnern sind es fast 42 Prozent.
Besonders drastisch stellt sich die Lage bei alleinlebenden Studierenden dar: 82,4 Prozent von ihnen gelten als armutsbetroffen â ein Anteil, der mehr als fĂŒnfmal so hoch ist wie in der Gesamtbevölkerung. In Wohngemeinschaften liegt der Wert bei 70,4 Prozent. Einem Drittel der Studierenden steht weniger als 1445 Euro netto zur VerfĂŒgung.
Die monatlichen Budgets sind dabei extrem eng bemessen:
- Alleinlebende Studierende verfĂŒgen ĂŒber ein Medianeinkommen von 900 Euro im Monat.
- Nach Abzug der durchschnittlichen Wohnkosten von 461 Euro verbleiben monatlich 439 Euro.
- Dieser verbleibende Betrag liegt unter dem regulÀren Bafög-Grundbedarf von 475 Euro.
- In Wohngemeinschaften verbleiben nach 795 Euro Wohnkosten bei einem Medianeinkommen von 1222 Euro rund 427 Euro.
Die Kurzexpertise zur Lage der Studierenden zeigt: Alleinlebende haben nach Miete im Median nur 439 Euro im Monat â weniger als der regulĂ€re Bafög-Grundbedarf. Wer die geplante Reform und die eigenen Finanzierungswege einordnen will, findet hier die wichtigsten Zahlen und Schritte. Kostenlosen Finanzierungs-Leitfaden anfordern
Gleichzeitig tragen staatliche Hilfen nur zu einem Bruchteil zur Finanzierung bei. Nur 13,8 Prozent des Einkommens Alleinlebender stammen aus Ausbildungsbeihilfen, wĂ€hrend 43,1 Prozent durch eigene ErwerbstĂ€tigkeit erwirtschaftet werden mĂŒssen. Im Jahr 2024 erhielt lediglich jede neunte studierende Person eine Bafög-Förderung.
Kritik an ReformplĂ€nen und infrastrukturelle HĂŒrden
Die derzeitige Bafög-Gesamtförderung belÀuft sich auf 855 Euro, zusammengesetzt aus dem Grundbedarf und einer Wohnkostenpauschale von 380 Euro. Geplante Anpassungen sehen vor, die Wohnkostenpauschale zum 1. April 2027 auf 440 Euro anzuheben, was weiterhin unter den tatsÀchlichen durchschnittlichen Wohnkosten von 461 Euro bliebe.
Der Grundbedarf soll im Wintersemester 2027/28 auf 503 Euro und im Sommersemester 2029 auf 563 Euro steigen. Gleichzeitig soll der Wohnzuschlag fĂŒr Studierende im Elternhaus von 59 auf 41 Euro sinken und ab 2029 komplett entfallen.
Der ParitĂ€tische Gesamtverband stuft die Novelle als zu wenig ambitioniert ein, da sie erst 2029 das Existenzminimum des Jahres 2024 erreiche. Studienautorin Greta Schabram erklĂ€rte dazu, die geplante Reform bringe zwar eine gewisse Entlastung, komme jedoch zu spĂ€t und mĂŒsse kĂŒnftig dauerhaft an die Entwicklung von Löhnen und Mieten gekoppelt werden.
VerschĂ€rft wird die Situation durch infrastrukturelle EngpĂ€sse an den Hochschulstandorten. Wie die GEW Berlin berichtet, stehen zum Start des Wintersemesters rund 4.000 Studierende auf den Wartelisten fĂŒr einen Wohnheimplatz.
Nur 13,8 Prozent des Einkommens alleinlebender Studierender stammen aus Ausbildungsbeihilfen, 43,1 Prozent mĂŒssen sie selbst erwirtschaften. Wer Nebenjob, Budget und UnterstĂŒtzungsangebote planvoll aufstellen will, findet in diesem Leitfaden die konkreten Anlaufstellen und eine Schritt-fĂŒr-Schritt-Checkliste. Checkliste Studienfinanzierung jetzt sichern
Zudem weisen an der Technischen UniversitĂ€t sowie der Humboldt-UniversitĂ€t ĂŒber 90 Prozent der GebĂ€ude einen kurz- oder mittelfristigen Sanierungsbedarf auf, bei einem geschĂ€tzten Gesamtaufwand von ĂŒber 8 Milliarden Euro.
Die Bildungsgewerkschaft fordert vor diesem Hintergrund die RĂŒcknahme von KĂŒrzungen im Hochschulbereich sowie gezielte Investitionen in bezahlbare Rahmenbedingungen fĂŒr Studierende.
