Arthrose: 217 Studien zeigen, welches Training Schmerzen am besten lindert
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 03:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deArthrose galt lange Zeit vorwiegend als unausweichliche mechanische Abnutzung des Knorpels im Alter. Neuere wissenschaftliche Einordnungen widersprechen diesem rein passiven Verschleißmodell deutlich. Wie die Sportmedizinerin Dr. Victoria Tchaikovski am 16. Oktober 2026 darlegte, handelt es sich bei Arthrose um eine komplexe Erkrankung des gesamten Gelenks.
Betroffen sind neben dem Knorpel auch der darunterliegende subchondrale Knochen, die Synovialmembran sowie teilweise Menisken und Ligamente. Knorpel besteht aus lebendem Gewebe mit Chondrozyten; bei einer Arthrose verschiebt sich das biologische Gleichgewicht maßgeblich in Richtung Gewebeabbau.
Tchaikovski unterstrich unter Verweis auf ein Dossier des französischen Forschungsinstituts Inserm aus dem Jahr 2022, eine Publikation von Loeser et al. aus dem Fachjournal Nature Reviews Rheumatology (2016) sowie Berichte der Weltgesundheitsorganisation, dass das Alter zwar ein Risikofaktor, aber keineswegs die alleinige Ursache darstellt.
An den pathologischen Prozessen ist eine lokale chronische Entzündung niedriger Intensität beteiligt, die sich von einer klassischen Polyarthritis unterscheidet. Weitere Auslöser sind vorherige Verletzungen, mechanische Überlastungen, genetische Veranlagungen, metabolische Faktoren und Übergewicht.
Hohe Verbreitung und vielschichtige Risikofaktoren
Die Tragweite der Gelenkerkrankung verdeutlichen auch Erhebungen aus der Geriatrie. Laut der Fachärztin Dagmara Wiewiórkowska-Garczewska ist die Osteoarthrose die am weitesten verbreitete Erkrankung des menschlichen Bewegungsapparats.
Bereits im Alter von 40 Jahren weisen fast 30 Prozent der Menschen degenerative Veränderungen im Röntgenbild auf, ab einem Alter von 50 Jahren liegt der Anteil bei rund 80 Prozent. Einzelne Krankheitsformen können sich zudem schon vor dem 30. Lebensjahr manifestieren.
Neben einem Alter ab 40 bis über 50 Jahren zählen Übergewicht, körperliche Schwerarbeit, Leistungssport, Muskelschwäche, das weibliche Geschlecht nach der Menopause sowie Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus und Gicht zu den Risikofaktoren.
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Auch Verletzungen hinterlassen langfristige Folgen: Laut Angaben der Deutschen Arthrose-Hilfe leben in Deutschland rund fünf Millionen Betroffene. Rund 50 Prozent der Patienten mit einem Kreuzbandriss entwickeln innerhalb von etwa 15 Jahren eine Arthrose.
Eine Studie der chinesischen Universität Zhejiang, die im Fachblatt The BMJ veröffentlicht wurde, beziffert den Anteil der über 45-Jährigen mit radiologischen Zeichen einer Knie-Arthrose ebenfalls auf fast 30 Prozent, wovon die Hälfte unter schweren Symptomen leidet.
Neue Ansätze in Zellbiologie und Pharmakologie
Auf zellulärer Ebene rücken Regenerationsmechanismen in den Fokus der Forschung. Wissenschaftler der Stanford University berichteten im Fachjournal Science über das Enzym 15-PGDH, dessen Konzentration im Knorpel älterer Mäuse im Vergleich zu Jungtieren etwa doppelt so hoch ist.
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Das Protein baut Prostaglandin E2 (PGE2) ab und blockiert damit die Geweberegeneration. Eine pharmakologische Hemmung dieses Enzyms – verabreicht über die Bauchhöhle oder direkt in das Kniegelenk – führte bei gealterten Tieren zu einer Verdickung des Knorpels mit hyalinen Gewebemerkmalen und senkte das Erkrankungsrisiko nach Gelenkverletzungen.
Auch an menschlichen Knorpelproben von Kniegelenkersatz-Operationen zeigte eine einwöchige Hemmung des Enzyms Wirkung: Die Aktivität abbauender Gene verringerte sich, und die Chondrozyten regenerierten ohne den Einsatz von Stammzellen.
Zwar stehen klinische Studien am Menschen zu diesem Mechanismus bei Arthrose noch aus, Sicherheitsdaten aus einer Phase-1-Studie zum selben Wirkstoff gegen Muskelschwäche liegen jedoch bereits vor. Der Orthopäde Babak Moradi stellte diesbezüglich in Aussicht, dass es künftig zugelassene Medikamente gegen Arthrose geben könnte.
Einen weiteren Entzündungsmechanismus beschrieben Forschende der japanischen Chiba-Universität um Tanaka und Nakajima in Science Advances am 23. Oktober 2026: Bei Mäusen konnte psychischer Stress nach dem Abklingen von Gelenkentzündungen über das sympathische Nervensystem, braunes Fettgewebe und Interleukin-6 neue Entzündungskaskaden in der Gelenkschleimhaut auslösen. Das Bindegewebe trug dabei eine molekulare Erinnerung, was Ansatzpunkte an Rezeptoren wie CXCR2 und ADRB3 aufzeigt.
Bewegung als therapeutische Mechanotransduktion
Bis neue medikamentöse Therapien den klinischen Alltag erreichen, bleibt Bewegung ein zentrales therapeutisches Werkzeug. Autoren der Southwest Medical University im chinesischen Luzhou beschrieben Arthrose in einer Übersichtsarbeit als systemisches Versagen der mechanischen Signalübertragung (Mechanotransduktion) in Netzwerken aus Proteinen wie Piezo, TRPV4 und Integrin-FAK.
Gezieltes Training fungiert hierbei als physiologische Mechanotherapie, welche die zelluläre Signalübertragung von gelenkabbauenden auf aufbauende Prozesse umstellen kann.
Die klinische Wirksamkeit untermauert die Metaanalyse der Universität Zhejiang über 217 randomisierte Studien mit 15.684 Teilnehmern. Demnach besitzt aerobes Ausdauertraining wie Gehen, Radfahren oder Schwimmen die konsistent höchste Wahrscheinlichkeit, Beschwerden bezüglich Schmerz, Bewegungsfunktion, Gangbild und Lebensqualität zu lindern.
Die Autoren wiesen eine Schmerzlinderung mit mittlerer Ergebnissicherheit über 4 bis 12 Wochen sowie funktionelle Verbesserungen über bis zu 24 Wochen nach. Orthopäde Babak Moradi hob hervor, dass Betroffene bereits über ein gesundes Körpergewicht, Ernährung, Sport und den gezielten Aufbau von Muskelmasse erhebliche präventive und lindernde Effekte erzielen können.
