Ashwagandha-Studie: 1.200 Gesunde zeigen keine Leberschäden nach 24 Wochen
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 14:05 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Einnahme frei verkäuflicher Nahrungsergänzungsmittel erfreut sich breiter Beliebtheit, birgt jedoch erhebliche gesundheitliche Risiken. Mediziner und Apotheker mahnen zu einer kritischen Distanz gegenüber pflanzlichen Präparaten wie Ashwagandha. Was viele Verbraucher als harmlose Unterstützung für Wohlbefinden oder Stressabbau wahrnehmen, kann unter bestimmten Umständen zu schweren Organschäden führen.
Belastung für die Leber durch pflanzliche Wirkstoffe
Fachärzte für Lebererkrankungen beobachten mit Sorge, dass Leberschäden parallel zur steigenden Nutzung von Nahrungsergänzungsmitteln zunehmen. Das Phänomen wird in der Medizin als pflanzen- und supplementbedingte Leberschädigung (Herbal and Supplement-Induced Liver Injury, HILI) als eigenständiges Krankheitsbild geführt.
In einigen Ländern entfällt auf Nahrungsergänzungsmittel bereits ein erheblicher Anteil akuter Leberinsuffizienzen, die teils zu Krankenhausaufenthalten und in extremen Fällen zu Organtransplantationen führen.
Am Universitätsklinischen Zentrum Danzig wurden binnen eines Jahres mehrere schwere leberbedingte Schäden durch Supplemente registriert; zwei Patienten benötigten eine Transplantation. Typische Symptome solcher Schädigungen umfassen Schmerzen im rechten Oberbauch, Gelbsucht, Hautjucken und chronische Müdigkeit.
Da Nahrungsergänzungsmittel im Vergleich zu Arzneimitteln weniger strengen Registrierungsprozessen unterliegen, treten immer wieder Probleme mit nicht deklarierten Substanzen, Verunreinigungen, falschen Dosierungen oder gar dem Fehlen angegebener Wirkstoffe auf.
Zudem gelten idiosynkratische Reaktionen des Körpers als unvorhersehbar. Neben Ashwagandha gelten auch Johimbin, Schöllkraut, diverse Kräutermischungen zur Gewichtsreduktion sowie bestimmte Sport- und Bodybuilding-Präparate als potenziell leberschädigend.
Die wissenschaftliche Datenlage zu Ashwagandha
Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor den Gefahren von Ashwagandha (Withania somnifera), auch bekannt als indischer Ginseng. Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München veröffentlichten Erkenntnisse zu medikamentös-toxischen Leberschäden unter dem Einfluss dieser Pflanze.
Fachpublikationen dokumentierten bereits wiederholt entsprechende Verdachtsfälle: Im Jahr 2020 berichtete die Fachzeitschrift Liver International über fünf Patienten mit Leberschäden. Im Jahr 2023 schilderte Hepatology Communications Fälle von acht Patienten, von denen drei an akutem Leberversagen starben.
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Demgegenüber stehen Untersuchungen mit unauffälligen Resultaten. Eine im August 2026 in Frontiers in Medicine veröffentlichte Studie unter Beteiligung von 45 Forschern untersuchte 1.200 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 70 Jahren über einen Zeitraum von 24 Wochen.
Die Probanden erhielten täglich 500 Milligramm standardisierten wässrigen Wurzelextrakt, was etwa vier Gramm Wurzelpulver entspricht, oder ein Placebo. Insgesamt beendeten 1.032 Teilnehmer (86 Prozent) die Untersuchung. Dabei zeigten sich keine Hinweise auf behandlungsbedingte Leber- oder Nierenschäden, bei 337 unerwünschten Ereignissen in der Verum- gegenüber 309 in der Placebogruppe.
Die Aussagekraft bleibt jedoch begrenzt, da ausschließlich gesunde Probanden teilnahmen, sehr seltene Leberschäden statistisch schwer erfassbar sind und die Studie vom indischen Ayush-Ministerium unterstützt wurde.
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Kleinere klinische Untersuchungen deuten zwar darauf hin, dass Ashwagandha das subjektive Stressempfinden und Cortisolwerte senken sowie den Schlaf verbessern könnte. Belastbare Nachweise für eine therapeutische Wirksamkeit bei Schlaflosigkeit oder Angstzuständen fehlen jedoch. Zudem drohen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Schläfrigkeit sowie Wechselwirkungen mit Sedativa, Schilddrüsenpräparaten und Immunsuppressiva.
Fragwürdige Detox-Kuren und internationale Fallzahlen
Ähnliche Skepsis herrscht unter Medizinern bei sogenannten Leberkuren und Detox-Präparaten. Für deren angebliche Entgiftungsfunktion existieren keine wissenschaftlichen Belege. Fachleute betonen, dass die körperliche Entgiftung kontinuierlich über Organe wie Leber, Nieren, Lunge, Magen-Darm-Trakt und Galle abläuft und nicht durch Tees oder Kapseln herbeigeführt werden kann.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2026 identifizierte über 60 Einzelsubstanzen in den 20 meistverkauften Leber-Detox-Präparaten auf der US-Plattform von Amazon, darunter Mariendistel, Löwenzahn, Kurkuma und Zink. Konzentrierte Extrakte können das Organ zusätzlich belasten, anstatt es zu regenerieren.
Dass die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln kein rein präventives Risiko darstellt, belegen internationale Erhebungen. Einer britischen Befragung zufolge nehmen 76 Prozent der Bürger regelmäßig mindestens ein Ergänzungsmittel ein, knapp 20 Prozent greifen täglich zu vier oder mehr Produkten.
In den USA ergab eine Auswertung im New England Journal of Medicine, dass jährlich rund 23.000 Behandlungen in Notaufnahmen auf unerwünschte Wirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln zurückzuführen sind. Ein Viertel dieser Notfälle ging auf Abnehmprodukte zurück, während bei Männern vor allem Muskelaufbau- und Potenzmittel zu Komplikationen führten.
