aVNS bei Schmerzen: Metaanalyse wertet 42 Studien mit 1500 Patienten aus
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 10:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deVerfahren wie Ohrakupressur, Ohr-Massage und der sogenannte Ohr-Aderlass werden traditionell zur Behandlung verschiedener Beschwerden herangezogen, darunter Kopfschmerzen, Tinnitus sowie zur allgemeinen Förderung des Wohlbefindens.
Gleichzeitig rücken standardisierte Formen der Ohrstimulation, insbesondere die Reizung des Vagusnervs über die Ohrmuschel, zunehmend in den Fokus der klinischen Forschung und medizinischen Versorgung. Aktuelle Studiendaten und Praxiserfahrungen verdeutlichen das Spektrum dieser Methoden, zeigen jedoch auch methodische Grenzen und gesundheitliche Risiken auf.
Klinische Studien zur aurikulären Vagusnervstimulation
Die gezielte Stimulation von Nervenbahnen am Ohr wird in kontrollierten Studien bei unterschiedlichen Indikationen untersucht. Wissenschaftler am Second Affiliated Hospital of Xi'an Jiaotong University untersuchten den Einsatz bei Rosacea.
Nach acht Behandlungswochen erreichten 56,9 Prozent der Probanden in der aktiven Gruppe einen IGA-Wert von 0 oder 1, verglichen mit 35,3 Prozent in der Sham-Kontrollgruppe (Relatives Risiko 1,61; Number Needed to Treat 5). Ein Erfolg beim CEA-Wert zeigte sich bei 52,0 Prozent gegenüber 31,4 Prozent (Relatives Risiko 1,66).
Eine Verbesserung der vaskulären Bildgebung trat unmittelbar bei 59,3 Prozent der aktiv Behandelten ein, während dies in der Kontrollgruppe nur bei 7,4 Prozent der Fall war. Zudem sanken Entzündungs- und Schmerzbiomarker wie CGRP (?5,17 pg/mL), IL-6 (?1,40 pg/mL), LL-37 (?155,97 pg/mL) und TNF-? (?2,15 pg/mL) signifikant.
Zwar blieben die Erythem-Werte auch 20 Wochen nach Behandlungsende reduziert und schwere unerwünschte Ereignisse blieben aus, doch weisen Berichte darauf hin, dass die Wirkung der Methode allein aufgrund begleitender Medikation und des Single-Center-Designs noch nicht abschließend belegt ist.
Einen weiteren chirurgischen Ansatz verfolgte ein Team der Xuzhou Medical University unter Leitung von Forschenden des Jiangsu Province Key Laboratory of Anesthesiology. In einer Phase-II-Studie mit 140 Patienten, bei denen eine partielle Hepatektomie anstand, wurde eine transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS) gegen ein Sham-Verfahren getestet.
Vier 60-minütige Sitzungen reduzierten den Anstieg der Alanin-Aminotransferase (ALT) am zweiten postoperativen Tag signifikant: Der Median lag in der Interventionsgruppe bei 144,5 U/L gegenüber 224,0 U/L in der Kontrollgruppe.
Die Autoren stuften den Leberschutzeffekt allerdings als früh und vorübergehend ein, wobei die Untersuchung nicht auf harte klinische Endpunkte wie Organversagen oder Liegedauer ausgelegt war.
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Einsatz in der Schmerztherapie
In der Schmerzmedizin hat die aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS) bereits Eingang in die Regelversorgung gefunden. Nach Angaben österreichischer Schmerzambulanzen und von Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft, leiden rund 1,8 Millionen Menschen in Österreich unter chronischen Schmerzen, vor allem an Rücken, Nacken, durch Arthrose oder Kopfschmerzen.
Bei dem dort eingesetzten aVNS-Verfahren werden drei feine Nadelelektroden in der Ohrmuschel platziert und mit einem Stimulator hinter dem Ohr verbunden; die ärztliche Behandlung erfolgt wöchentlich über sechs bis acht Wochen.
Seit 2025 ist diese Therapie in österreichischen Krankenhäusern für bestimmte Krankheitsbilder abrechenbar. Eine Metaanalyse über 42 Studien mit rund 1500 Patienten belegt bei Indikationen wie Rückenschmerzen, Migräne und Reizdarmsyndrom eine signifikante Schmerz- und Medikamentenreduktion bei hoher Verträglichkeit.
Traditionelle Anwendungen und Methoden der Selbsthilfe
Traditionelle Konzepte der Ohrakupressur und Reflexzonenmassage setzen auf manuelle Reizungen. Bei Kopf- und Zahnschmerzen empfehlen Anleitungen das Erwärmen und Abwärtsziehen der Ohrläppchen, während bei Gelenkbeschwerden der unteren Extremitäten Reibung und Zug an der oberen Ohrkante angewendet werden.
Zu den am häufigsten genutzten Punkten zählt das sogenannte Shen Men in der Fossa triangularis des Ohrs, das in Entspannungsprotokollen bei Stress und Angst genutzt wird. Fachleute für integrative Gesundheitspraktiken betonen hierbei, dass einzelnen Ohrpunkten keine isolierte Wunderwirkung zugeschrieben werden darf.
Da Stress und Entzündungen oft eng mit chronischen Beschwerden verknüpft sind, kann eine gezielte Unterstützung der Selbstheilungskräfte den Alltag spürbar erleichtern. Kostenlosen PDF-Ratgeber zur Vagusnerv-Aktivierung hier anfordern
Die Aurikulotherapie diene lediglich als komplementäre Ergänzung und ersetze weder eine fachärztliche Abklärung noch eine indizierte medikamentöse Therapie oder Psychotherapie.
In der traditionellen chinesischen Medizin wird zudem der Ohrspitzen-Aderlass beschrieben, unter anderem bei Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder Entzündungen. Dabei werden nach Desinfektion minimale Einstiche gesetzt, um fünf bis zehn Tropfen Blut austreten zu lassen. Diese invasive Methode birgt Kontraindikationen: Sie ist bei ausgeprägter körperlicher Schwäche, Gerinnungsstörungen, schweren Nieren- und Leberleiden sowie während Schwangerschaft und Stillzeit strikt zu meiden.
Risiken invasiver Eingriffe und Mythen
Deutliche Warnungen existieren vor vermeintlichen Abnehm-Methoden wie dem dauerhaften Tragus-Piercing. Für eine appetithemmende Wirkung eines solchen Schmuckpiercings gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Belege.
Untersuchungen zur Gewichtsreduktion, etwa eine Studie aus dem Jahr 2014 mit 56 übergewichtigen Frauen, nutzten mehrwöchige elektrische Stimulationen, deren Ergebnisse sich nicht auf Piercings übertragen lassen.
Zudem birgt das Durchstechen des Ohrknorpels erhebliche Risiken, von anhaltenden Entzündungen und Narben bis hin zu einer Knorpelentzündung (Perichondritis), die zu dauerhaften Gewebeschäden führen kann. Bei Komplikationen raten medizinische Leitfäden zur umgehenden ärztlichen Abklärung.
