SchÀdel, Menschen

«Wir wissen nicht viel darĂŒber, was im SchĂ€del los ist»

21.08.2024 - 06:00:36

Bei Menschen mit schweren HirnschÀden wissen auch die Fachleute oft nicht, was wirklich im Gehirn vor sich geht. Eine Studie gibt Hinweise darauf, dass viele Kranke doch einiges wahrnehmen.

  • Angehörige sprechen hĂ€ufig mit Schwerkranken, auch wenn diese nicht reagieren. - Foto: Boris Roessler/dpa

    Boris Roessler/dpa

  • Auch auf Intensivstationen sollte immer so mit den Patientinnen und Patienten umgegangen werden, als bekĂ€men sie alles mit, fordern Fachleute. - Foto: Fabian Strauch/dpa

    Fabian Strauch/dpa

Angehörige sprechen hÀufig mit Schwerkranken, auch wenn diese nicht reagieren. - Foto: Boris Roessler/dpaAuch auf Intensivstationen sollte immer so mit den Patientinnen und Patienten umgegangen werden, als bekÀmen sie alles mit, fordern Fachleute. - Foto: Fabian Strauch/dpa

Nach einer schweren Hirnverletzung eines Menschen, der dann oft im Koma auf der Intensivstation liegt, stellen sich Angehörige und medizinisches Personal irgendwann die Frage: Hat der Patient oder die Patientin das Bewusstsein wieder erlangt? Um das zu ergrĂŒnden, wird die verletzte Person zum Beispiel gebeten, eine Hand zu bewegen. Erfolgt keine Reaktion, gehen viele davon aus, dass sie sich noch in einem so tiefen Koma befindet, dass sie nichts mitbekommt.

Doch Studien weisen darauf hin, dass dieser Schluss nicht stimmen muss. Denn es gibt Menschen, die Ă€ußerlich nicht auf eine Ansprache reagieren, deren Gehirne aber trotzdem kognitiv arbeiten. FrĂŒhere Studien an einzelnen Forschungszentren fanden eine solche AktivitĂ€t bei ungefĂ€hr 15 bis 20 Prozent der Untersuchten. Eine neue Studie im renommierten Fachjournal «New England Journal of Medicine» kommt nun auf einen höheren Wert von etwa 25 Prozent. 

Erstautorin Yelena Bodien vom Zentrum fĂŒr Neurotechnologie und Neurorehabilitation am Massachusetts General Hospital erklĂ€rt: «Einige Patienten mit schweren Hirnverletzungen scheinen ihre Außenwelt nicht zu verarbeiten. Wenn sie jedoch mit fortschrittlichen Techniken wie funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) und Elektroenzephalographie (EEG) untersucht werden, können wir HirnaktivitĂ€ten feststellen, die auf etwas anderes schließen lassen.»

UnfÀlle, SchlaganfÀlle, Herz-Kreislauf-StillstÀnde

In der Studie untersuchten die Fachleute Patientinnen und Patienten mit schweren Hirnverletzungen aus den USA und Europa. Sie hatten - oft schon vor Monaten - etwa einen Verkehrsunfall mit SchĂ€del-Hirn-Trauma, einen Schlaganfall oder eine Wiederbelebung nach Herz-Kreislauf-Stillstand. WĂ€hrend in Tests ihre Gehirne gescannt wurden, erhielten sie Anweisungen, zum Beispiel: «Stellen Sie sich vor, sie öffnen und schließen Ihre Hand». Oder sie sollten sich vorstellen, eine Sportart auszufĂŒhren.

241 Teilnehmende zeigten, normalerweise im Bett liegend, zwar keine Ă€ußerlich sichtbare Reaktion - aber in den Tests befolgten 60 von ihnen die Anweisungen trotzdem minutenlang innerlich. Diese Menschen seien also aufmerksam, verstĂŒnden Sprache und hĂ€tten ein KurzzeitgedĂ€chtnis, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Studie wirft ethische Frage auf

Die ĂŒber viele Jahre durchgefĂŒhrte internationale Studie sei sehr bedeutend, meint Julian Bösel, Sprecher der Kommission Neurologische Intensivmedizin der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Neurologie (DGN). Denn sie umfasse die bisher grĂ¶ĂŸte Patientengruppe, sei an sechs medizinischen Zentren durchgefĂŒhrt worden und habe das PhĂ€nomen systematischer als sonst erfasst, sagt der Neurologe, der unter anderem an der Uniklinik Heidelberg tĂ€tig ist und nicht an der Studie beteiligt war. Die Untersuchung adressiere unter anderem eine zentrale ethische Frage bei solchen Menschen: «Ob man die Therapie fortfĂŒhren sollte oder nicht.»

Schwere Hirnverletzungen verursachen hĂ€ufig eine BeeintrĂ€chtigung des Bewusstseins. Als Koma bezeichnet wird der Zustand kompletter Bewusstlosigkeit ohne Augenöffnen auch auf Schmerzreize hin. Öffnet jemand gelegentlich die Augen und hat unterscheidbar Schlaf-Wach-Phasen, aber keine klinischen Hinweise auf KontaktfĂ€higkeit, dann sprach man frĂŒher vom Wachkoma, heute vom Syndrom reaktionsloser Wachheit (SRW). Davon abgegrenzt wird der Zustand mit einem erhaltenen Minimalbewusstsein, wenn Augenfolgebewegungen vorhanden sind oder aber einfache Aufforderungen befolgt werden.

Ratsam wÀren mehr Untersuchungen, mehr Zeit

Solche Bewusstseinsstörungen können Tage, Wochen, Monate oder auch Jahre anhalten. «Studien wie die jetzige könnten in bestimmten Konstellationen Anlass geben, mehr von diesen Patienten mit EEG zu untersuchen und sie ĂŒber lĂ€ngere Zeit zu beobachten», meint Bösel. Man könne daraus ableiten, dass man in ZweifelsfĂ€llen ausgewĂ€hlten Patienten mehr Zeit einrĂ€umen sollte.

Unklar sei allerdings, ob spezielle Therapien solchen Menschen helfen. Seit lÀngerem werde versucht, mit Verhaltenstherapien, Medikamenten oder anderen Verfahren etwas zu bewirken, bisher meist ohne durchschlagenden oder nachhaltigen Erfolg. Ein Team des Massachusetts General Hospital setzt zudem moderne Technik ein: Mithilfe von Gehirn-Computer-Schnittstellen soll eine Verbindung der Gehirne von solchen Patientinnen und Patienten mit Computern hergestellt werden, damit sie sich mitteilen können.

GehirnaktivitÀt ist nicht zwingend Bewusstsein

Frank Erbguth, PrĂ€sident der Deutschen Hirnstiftung, hingegen findet, dass die neue Studie nichts fundamental Neues aussagt. «Dass es das PhĂ€nomen gibt, ist klar.» Aber nur, dass elektrische Muster oder aktive Regionen im Gehirn gemessen wĂŒrden, heiße nicht, dass diese Menschen wirklich eine höhere Form von Bewusstsein hĂ€tten. Solche AktivitĂ€t finde man auch im fMRT oder EEG von narkotisierten Menschen.

Einig sind sich beide Experten darin, wie man mit solchen Menschen, die nicht reagieren, umgehen sollte. «Die Menschen auf den Intensivstationen und Reha-Stationen sollten immer so behandelt werden, als bekÀmen sie etwas mit. Man redet mit ihnen und geht respektvoll mit ihnen um. Das ist auch heute schon so», sagt Erbguth.

Zahl der Betroffenen ungewiss

Wie hoch also ist die Rate an Menschen, die kognitive FĂ€higkeiten aufzeigen, aber bei denen Verhaltensanzeichen fehlen? Sowohl die Studien-Autorinnen und -Autoren als auch die deutschen Experten erklĂ€ren, definitive Aussagen dazu seien schwierig. In der neuen Studie waren die Tests nicht standardisiert und die Patientinnen und Patienten selektiert. «Außerdem waren es völlig unterschiedliche Ursachen von HirnschĂ€digungen, die man hier zusammengefasst hat», meint Erbguth.

Trotzdem, betont Bösel, zeigten die Prozentzahlen von Studien wie dieser: «Wir sollten uns darĂŒber klar sein, dass vielleicht noch mehr bewusstseinsgestörte Patienten als gedacht etwas von dem mitbekommen, was rund um sie vorgeht.» Seiner Erfahrung nach sei es noch vielerorts ĂŒblich, dass am Bett von komatösen Patientinnen und Patienten gesprochen werde, als seien diese nicht da. «Viele PflegekrĂ€fte machen das dagegen oft sehr gut, indem sie den Patienten begrĂŒĂŸen, sich vorstellen, ihm sagen, was sie mit ihm machen.»

Das sollten alle beherzigen, auch Ärztinnen und Ärzte bei der Visite oder Besuchspersonen, und etwa am Krankenbett nicht ĂŒber angsteinflĂ¶ĂŸende Themen sprechen. «Wir stehen am Bett und wissen nicht so viel darĂŒber, was wirklich gerade im SchĂ€del los ist, das muss man ganz ehrlich sagen.»

@ dpa.de