Berlin und die Wohnungsenteignung: 240.000 Wohnungen im Fokus
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 05:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nach dem Wahlerfolg der Berliner Linken steht die wohnungspolitische Debatte in der Hauptstadt erneut vor einer Grundsatzentscheidung. Die Partei bekräftigte ihre Absicht, Bestände privater Immobilienkonzerne mit mehr als 3.000 Wohnungen in gemeinwirtschaftliche Strukturen zu überführen. Nach den Vorstellungen der Partei wären rund 240.000 Einheiten von einer Vergesellschaftung betroffen.
Spitzenkandidatin Elif Eralp, die 25,7 Prozent der Stimmen erzielte, stellte dabei eine Entschädigungssumme in Aussicht, die zwischen 40 und 60 Prozent des Marktwertes liegen soll. Das Vorhaben knüpft an den Berliner Volksentscheid aus dem Jahr 2021 an, bei dem 57,6 Prozent der Abstimmenden – insgesamt mehr als eine Million Bürger – für eine Vergesellschaftung votierten.
Modellrechnungen und finanzielle Dimensionen
Über die finanzielle Umsetzbarkeit gehen die Schätzungen weit auseinander. Experten veranschlagen die Belastung für den Berliner Haushalt auf eine Spanne von 8 bis 36 Milliarden Euro.
Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ kalkuliert mit Kosten zwischen 8 und 18 Milliarden Euro, während SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach die Summe auf 20 bis 30 Milliarden Euro beziffert und der Berliner Landesrechnungshof von bis zu 36 Milliarden Euro ausgeht.
Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung sieht in einer Vergesellschaftung eine sinnvolle Ergänzung, um das Problem der Mietbezahlbarkeit abzufedern, wenngleich Neubau weiterhin zwingend erforderlich bleibe. Für die Überführung von 210.000 Berliner Wohnungen veranschlagen die Forscher des Instituts rund 13,5 Milliarden Euro Entschädigung.
Je nach Bewertungsmethode bewege sich die Spanne der IMK-Berechnungen zwischen etwa 10 und 36 Milliarden Euro. Bei einer unterstellten Eigenkapitalquote von 30 Prozent müsste das Land demnach rund 4 Milliarden Euro bereitstellen, während die Wohnungsunternehmen etwa 9,5 Milliarden Euro als Fremdkapital aufnehmen würden.
Das IMK kalkuliert auf Basis der Ertragswertmethode mit einem erwarteten jährlichen Reinertrag von 543 Millionen Euro bei einem Kapitaldienst von 345 Millionen Euro. Bei kluger Ausgestaltung sei das Vorhaben ohne Kürzungen im Berliner Haushalt tragbar, sofern der Artikel 15 des Grundgesetzes als Rechtsgrundlage herangezogen werde.
Um finanzielle und organisatorische Risiken zu minimieren, empfiehlt das Institut die Übernahme durch die sechs bestehenden landeseigenen Wohnungsunternehmen. Von einer neu zu gründenden Anstalt raten die Forscher ab, da deren Verbindlichkeiten dem Staatssektor zugerechnet werden und die Einhaltung der europäischen Fiskalregeln gefährden könnten.
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Die Debatte trifft auf eine angespannte Haushaltslage: Für Berlin wird für 2026 ein Finanzierungsdefizit von knapp 4,6 Milliarden Euro prognostiziert, bei Einnahmen von rund 39,1 Milliarden und Ausgaben von 43,7 Milliarden Euro.
Marktlage, wirtschaftliche Warnungen und Gegenwind
Die Dringlichkeit auf der Mieterseite verdeutlichen Marktdaten des Immobiliendienstleisters JLL, wonach die Berliner Mieten über fünf Jahre hinweg jährlich um durchschnittlich 8,4 Prozent anzogen – der stärkste Wert unter den deutschen Großstädten.
Nach Erhebungen der Investitionsbank Berlin (IBB) liegen Bestandsmieten derzeit bei 7 bis 8 Euro pro Quadratmeter nettokalt, während Neubaumieten knapp 20 Euro pro Quadratmeter reach. Die IBB rechnet zudem vor, dass mit knapp 40 Milliarden Euro alternativ etwa 100.000 bis 130.000 Wohnungen neu gebaut werden könnten.
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ermittelte für den Zeitraum 2023 bis 2030 einen Berliner Neubaubedarf von durchschnittlich rund 23.000 Wohnungen jährlich, was mit 61,3 Einheiten je 10.000 Einwohner bundesweit den höchsten Wert darstellt. Ende 2025 belief sich der Bauüberhang auf rund 50.000 Wohnungen.
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Ökonomen sowie der Branchenverband BFW warnen vor schwerwiegenden Investitionsfolgen und verweisen darauf, dass eine Rekommunalisierung keine einzige neue Wohnung schaffe. Betroffen von den Plänen wären maßgeblich Vonovia und Deutsche Wohnen, die zusammen rund 130.000 Wohnungen in Berlin halten. An den Finanzmärkten sorgten die Pläne für Unruhe: Die Vonovia-Aktie gab zeitweise um 2,2 Prozent nach und markierte mit 17,31 Euro ein Dreijahrestief.
Auch auf bundespolitischer Ebene formiert sich Widerstand. Die Bundesvorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, warb zwar auf dem Berliner Parteitag dafür, 220.000 Wohnungen in kommunale Hand zu überführen, rechnet jedoch mit erheblichem Gegenwind. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach sich laut einem Bericht vom 25. September 2026 gegen die Vergesellschaftung aus.
Bundeskanzler Friedrich Merz treibt unterdessen ein Bundesgesetz voran, das Ländern die Enteignung großer privater Mietwohnungsbestände untersagen soll; entsprechende Entwürfe werden derzeit zwischen dem Innen- und dem Justizministerium abgestimmt. Ob ein solches pauschales Verbot verfassungsrechtlich Bestand hätte, ist unter Juristen umstritten.
