Bewegung und Bluttests: Neue Wege gegen Demenz
13.05.2026 - 20:10:09 | boerse-global.deGleich mehrere Studien und eine EU-Zulassung zeigen diese Woche, wie sich die Prävention und Diagnostik von Demenzerkrankungen grundlegend wandeln.
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Bewegung hebt die Stimmung – und schützt das Gehirn
Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim hat am Dienstag eine Meta-Analyse in Nature Human Behaviour veröffentlicht. Die Forscher werteten Daten von über 8.000 Personen aus mehr als 60 Studien aus. Das Ergebnis: Bereits einfache Alltagsbewegung verbessert die Stimmung und das Energieniveau signifikant. Über 95 Prozent der Teilnehmer fühlten sich nach der Bewegung energiegeladener. Besonders profitieren Menschen mit zunächst niedrigem Wohlbefinden.
Beteiligt waren neben dem ZI Mannheim auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie die Universitäten Bochum und Salzburg.
Parallel dazu liefert ein neues Framework in der Fachzeitschrift Mental Health and Physical Activity Erklärungsansätze für die psychologische Wirkung von Sport. Körperliche Aktivität hilft demnach dabei, negative Emotionen besser zu verarbeiten. Kurzfristig verbessert Training die Aufmerksamkeit, die exekutiven Funktionen und die Gedächtniskontrolle. Langfristig führt habituelles Training zu dauerhaften Anpassungen im Gehirn, die die Belohnungsmotivation stärken.
Die Psychologen Johannes Wendsche und Sabine Gregersen raten deshalb insbesondere Menschen in emotional belastenden Berufen wie der Pflege oder bei Rettungsdiensten zu Sport und Spaziergängen als Mittel zur psychischen Abgrenzung.
Eine US-Langzeitstudie, deren Ergebnisse ebenfalls am Dienstag bekannt wurden, untermauert diese Befunde. Über mehrere Jahrzehnte begleiteten Forscher mehr als 4.000 Teilnehmer. Regelmäßige Bewegung senkt das Risiko für Demenzerkrankungen deutlich – und zwar selbst bei Menschen mit genetischer Vorbelastung für Alzheimer.
Bluttest erhält EU-Zulassung
Das Pharmaunternehmen Roche gab am Dienstag bekannt, die EU-Zulassung (CE-Kennzeichnung) für einen neuartigen Bluttest zur Alzheimer-Diagnose erhalten zu haben. Der Test namens Elecsys pTau217 wurde zusammen mit Eli Lilly entwickelt. Er misst das Protein pTau217, das als spezifischer Marker für die Alzheimer-Krankheit gilt.
Matt Sause, Leiter von Roche Diagnostics, bezeichnete die Zulassung als wesentlichen Fortschritt. Der Test sei eine patientenschonende Alternative zu invasiven Liquorpunktionen oder teuren Hirnscans. Künftig soll er sowohl in Hausarztpraxen als auch in Kliniken zum Einsatz kommen – besonders bei Patienten mit ersten Anzeichen von Gedächtnisproblemen.
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Darmbakterien als Frühwarnsystem
Das Mikrobiom rückt ebenfalls als Indikator für die Gehirngesundheit in den Fokus. Eine Studie der University of East Anglia, Mitte Mai in Gut Microbes erschienen, untersuchte den Zusammenhang zwischen Darmbakterien und kognitivem Abbau. Die Forscher analysierten Blut- und Stuhlproben von 150 Erwachsenen über 50 Jahren und identifizierten sechs spezifische Stoffwechselprodukte (Metaboliten).
Ein KI-gestütztes Modell konnte anhand dieser Werte mit einer Genauigkeit von 79 Prozent vorhersagen, ob Probanden frühe Anzeichen eines kognitiven Abbaus zeigten. Bei der Unterscheidung zwischen gesunden Personen und solchen mit leichten kognitiven Einschränkungen (MCI) lag die Genauigkeit sogar bei über 80 Prozent.
Studienleiter David Vauzour bezeichnete die Resultate als bemerkenswert. Sie könnten den Weg für nicht-invasive Früherkennungstests ebnen, die Jahre vor einer klinischen Diagnose ansetzen.
Vitamin D: Ein unterschätzter Schutzfaktor?
Eine am Mittwoch veröffentlichte Untersuchung der Universität Galway und der Boston University analysierte Daten von 793 Teilnehmern über 16 Jahre. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 39 Jahren. Ergebnis: Ein hoher Vitamin-D-Spiegel im mittleren Lebensalter korreliert mit einer geringeren Last an Tau-Proteinen im Gehirn.
Hauptautor Martin Mulligan betont, dass die Lebensmitte ein entscheidendes Zeitfenster für die Modifizierung von Risikofaktoren sei. Interessant: Der Zusammenhang zeigte sich spezifisch bei Tau-Ablagerungen, nicht aber bei Amyloid-Beta-Proteinen.
Gehirntraining: Von der App bis zum Profi-System
Neue Software-Lösungen wollen die geistige Fitness fördern. Der am Montag veröffentlichte Einstein Gehirntrainer der BBG Entertainment GmbH bietet 30 Übungen in den Bereichen Logik, Gedächtnis und Rechnen. Das Programm entstand unter Mitwirkung von Prof. Dr. Kawashima.
Komplexere Systeme wie der NeuroTracker werden unter anderem von der NASA und Manchester United eingesetzt. Laut Herstellerangaben steigern kurze Trainingseinheiten die Konzentration um 40 Prozent und die Wahrnehmungsgeschwindigkeit um 52 Prozent. Die kognitive Ermüdung werde fast vollständig reduziert. Über 120 veröffentlichte Forschungsarbeiten untermauern diese Zahlen.
Lokale Initiativen setzen die Erkenntnisse bereits um. Die Bürgerhilfe Maintal startete im April einen zertifizierten Kurs für Gedächtnistraining. Auch in Freigericht werden ähnliche Formate angeboten. Die Kurse kombinieren oft Bewegung mit geistigen Aufgaben, um die neuronale Vernetzung ganzheitlich zu fördern.
Die wirtschaftliche Dimension
Die Notwendigkeit verbesserter Präventions- und Diagnosemethoden zeigt sich in den demografischen Daten. Nach Angaben der OECD stieg die Zahl der Demenzkranken in der EU von 5,9 Millionen im Jahr 2000 auf 9,1 Millionen im Jahr 2018. Prognosen gehen von 13,4 Millionen bis 2030 und bis zu 18,7 Millionen im Jahr 2050 aus. In Deutschland leben schätzungsweise 60 Prozent der Betroffenen ohne gesicherte Diagnose.
Die Zulassung von Bluttests zur Früherkennung könnte die Diagnostik-Kosten senken und gleichzeitig den Weg für frühzeitige therapeutische Interventionen ebnen. Kritiker wie die Forscherin Eef Hogervorst mahnen jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation kleinerer Studien – etwa der Untersuchung zu den Darm-Metaboliten. Hier fehlten noch großangelegte Langzeitbeobachtungen.
Was die Zukunft bringt
Die kommenden Jahre dürften von einer weiteren Personalisierung der Gehirngesundheit geprägt sein. Die Kombination aus niederschwelliger Diagnostik durch Bluttests und KI-gestützte Analysen des Mikrobioms könnte eine individuelle Risikobewertung ermöglichen.
Gleichzeitig rückt die Erkenntnis in den Vordergrund: Präventive Maßnahmen wie Sport und die Kontrolle des Vitamin-Haushalts müssen bereits in der ersten Lebenshälfte beginnen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Integration von kognitiven Trainingstools in den Arbeitsalltag und das private Umfeld wird voraussichtlich weiter zunehmen. Die wachsende Zahl an Forschungsarbeiten festigt die wissenschaftliche Evidenz für deren Wirksamkeit.
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